UNGARN, DEUTSCHE UND RUMÄNEN IN EINEM MARKTFLECKEN
Die mit dem Wort tanya [Gehöft] bezeichnete Siedlungs- und Wirtschaftsform wird in der ungarischen ethnographischen Literatur für eine eindeutig landeseigene Erscheinung gehalten, obwohl Parallele zu Streusiedlungen in anderen Gebieten Europas zu ziehen sind. Der Standpunkt ist schwer zu bestreiten, da man neben den Parallelen auch wirklich spezifische Züge antrifft, die mit der örtlichen historischen Entwicklung zu erklären sind, aber mit entfernteren gleichen Erscheinungen genetisch nicht in Verbindung gebracht werden können. Da die Gehöftwirtschaft auf dem Ungarischen Tiefland vorwiegend von Ungarn betrieben wurde, war im Mehr-Nationalitäten-Staat Ungarn vor 1918 die breite Öffentlichkeit der Meinung, diese Lebensform sei für die Ungarn charakteristisch. Das war schon weniger bekannt, daß unter den nicht-ungarischen Siedlern der Batschka die Deutschen und einige südslawische Gruppen, auf mehreren Punkten des Ungarischen Tieflandes die Slowaken, sowie im näher zu betrachtenden Marktflecken Gyula (im Südosten des Tieflandes) Ungarn, Deutsche und Rumänen gleichermaßen die Gehöftwirtschaft betrieben. Diese hat historisch und synchronisch mehrere, voneinender abweichende Typen. Das einfachste Modell läßt sich folgendermaßen beschreiben: Der Bauer wohnt in einer größeren, geschlossenen Siedlung und kann seine entfernt liegenden (5-15 km) Felder nur dann nutzbringend bewirtschaften, wenn er nicht nur in der Stadt, sondern auch auf seinem Feld ein Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude erbaut, wo er auch längere Zeit wohnen kann.
Warum die Volksgruppen verschiedener Abstammung die Lebensform der ortseingesessenen Volksgruppe übernehmen, erklärt sich aus der wohlbekannten Gesetzmäßigkeit der Ethnologie: Unter dem Einfluß der Umgebung, der ökologischen Faktoren gleichen sich die Gemeinschaften mit verschiedenen Trditionen einander an. Die Angleichung erfolgt auf den einzelnen Gebieten der Kultur nicht in gleichem Maße und Tempo. Es ist wohlbekannt, daß die mit der Sprache eng verbundene Folklore und das Brauchtum viel konservativer sind, wobei sich die Wirtschaft, die Siedlungs- und Bauform den örtlichen Gegebenheiten stärker und schneller anpassen.
Die Burg Gyula wurde nach 128 Jahren türkischer Besatzung im Jahre 1694 befreit. Die Einwohner aus dem Mittelalter verstreuten sich, die Stadt war fast unbewohnt. Die Einsiedlung erfolgte stufenweise, ihre Geschichte wurde von der Wissenschaft - mangels ausreichender schriftlicher Zeugnisse - erst skizzenhaft beschrieben.
Am einfachsten ist die Herkunft der reformierten Ungarn zu bestimmen. Es ist anzunehmen, daß zuerst die Nachkommen jener Familien in die Stadt zurückkehrten, die sie während der Befreiungskriege und später wegen den Feldzügen des Rákóczi-Freiheits-kampfes verließen und sich in die umliegenden kleineren Ortschafte oder in nördlichere Gegende zurückzogen. Später, im zweiten und dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts kamen die Reformierten aus dieser Richtung, aus Siebenbürgen und dem Grenzgebiet des Ungarischen Tieflandes zurück, wie dies die Familiennamen bezeugen. Ihre mundartlichen und volkskundlichen Eigenarten, deren Kontinuität mit den östlich liegenden, benachbarten Dörfern liefern auch Beweise dazu.
Franz Scherer, der Histoiiker-Monograph der Stadt konnte nachweisen, daß die erste Schicht der römisch-katholischen Ungarn in den Jahren nach 1710 und 1720 aus dem mittleren Teil Nordungarns (aus den Komitaten Pest und Nógrád) nach Gyula einwanderte. Ihr Dialekt unterschied sich bis auf die heutige Zeit von dem der Reformierten, anstatt ausgeprägter Charakterzüge näherte er sich eher dem umgangssprachlichen Ausgleich. 1 Später zogen aller Wahrscheinlichkeit nach auch aus anderen Gegenden ungarische Katholiken hierher, ihr Herkunftsort ist uns aber nicht bekannt.
Mehrere Forscher befaßten sich mit der Herkunft der Gyulaer Deutschen.2 Ihre erste Gruppe traf, dem Ruf des Gutsherrn, Baron von Harruckern folgend, 1723 in Gyula ein. Sie wurden Franken genannt, ihre Urheimat konnte in der Rheingegend, zwischen Koblenz und Trier gelegen haben. Ihrer eigenen Überlieferung nach kamen sie aus einem Dorf namens Arin, von dieser Benennung wurde jedoch bewiesen, daß sie eine mundartliche Variante des Attributes „rheinisch" ist. Da die Siedlergruppen meist nicht aus einer, sondern aus mehreren Ortschaften beworben wurden, bildeten wahrscheinlich auch die Deutschen aus Gyula keine Ausnahme, kein Wunder also, wenn manche von ihnen aus östlicher liegenden Gebieten, so um Würzburg und Bamberg stammten. Diese erste Kolonistengruppe erlitt jedoch während der Pestseuche im Jahre 1738 schwere Verluste. Einige Jahre nachher kamen Neue an ihre Stelle, ihr Herkunftsgebiet ist uns aber noch weniger bekannt. Bestimmt sind einige unter ihnen aus Baden und aus Württemberg gewesen. Schließlich gewann die Oberhand - wie es ihr Dialekt bezeugt - das bairisch-österreichi-sche Element im neuen Wohnort.
Woher die Vorfahren der Rumänen stammten, darüber wissen wir ganz wenig. Die ersten Familien drangen noch im 17. Jahrhundert, während der türkischen Besatzung in die Stadt ein. Eine Gruppe von ihnen schloß sich nach der Befreiung der Festung den Serben an, welche erst Verbündete der türkischen Besatzung waren, nachher aber in kaiserlichen Dienst traten. Nach dem Frieden von Pozserovác (1718) zogen die Serben im Soldatenstand zum großen Teil nach Süden in die neue Militärgrenze, die an Ort gebliebenen verschmolzen sich mit den Rumänen. Ihre Familiennamen lassen darauf schließen, daß die Rumänen aus den benachbarten oder nahen, östlich und südlich liegenden, von Rumänen bewohnten Gegenden stammen. Jene örtliche Tradition, die wahrscheinlich aus den Kreisen der Intelligenz stammt, daß einige aus der Moldau einwanderten, scheint nicht begründet zu sein, obwohl die Familiennamen Rusz und Moldován Grund zum Nachdenken bieten könnten.
All dies behandelten wir auch deshalb eingehender, um betonen zu können, welch bunt die Herkunftstafel der Einwohnerschaft der sich nach der Türkenzeit neu belebenden Stadt war, und diese Vielfalt zeigte sich nicht nur in den Nationalitätenunterschieden, daraus folgten die Abweichungen im Bildungsstand, in den Anschauungen und in der Mentalität.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Gyula zu einer Stadt mit drei Sprachen und drei Konfessionen. Zu alldem bestand sie zwischen 1734 und 1857 unter dem Naen Unga-risch-Gyula und Deutsch-Gyula als Zwillingstadt, d.h. mit eigenem Richter und Rat, doch gemeinsamem Gutsherrn und gemeinsamer Pfarrei - ein Fall ohne Beispiel. Die Einwohnerschaft beschäftigte sich hauptsächlich mit Ackerbau und Viehzucht, einige wenige mit Handwerk und Handel, sie wohnten in ethnisch und konfessionell getrennten Viertem: die katholischen Ungarn in der Ungarischen Stadt, die ebenfalls katholischen Deutschen in der Deutschen Stadt, die reformierten Ungarn in der Neuen Stadt, die orthodoxen Rumänen in der Großen und Kleinen Walachenstadt.
Wie hat sich wohl dieses bunte Bild der Kultur ausgeglichen - falls man davon überhaupt reden kann -, solange in Gyula (etwa bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts) die Rahmen der traditionellen bäuerlichen Lebensform bestanden? Bereits am Anfang meiner Arbeit wies ich darauf hin, daß die von mir durchgeführten ethnographischen Sammlungen Anfang der 1960-er Jahre es eindeutig beweisen, daß (in der zweiten Hälfte des 19-ten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts) die Ungarn, die Deutschen und die Rumänen auf gleiche Weise wirtschafteten.
Gyula ist das östlichste Kettenglied in jener Reihe der Siedlungen entlang des Flusses Körös, wo die Gehöftwirtschaft herausgebildet wurde. Diese Ortschaften haben kein Hotter mit zentraler Ausbildung. Der Siedlungskern befindet sich in der Nähe des Flusses, unweit von einer der Gemarkungen, die Felder mit den Gehöften in größerer Entfernung, in entgegengesetzter Richtung. Der Ursprung der Gehöftwirtschaft ist von der ungarischen Geschichtschreibung bis auf heute nicht voll erschlossen. Fest steht nur, daß die Gründe in der allmählichen Intensivierung der Landwirtschaft nach dem ausgehenden Mittelalter zu suchen sind, und daß sie im 18-19. Jahrhundert in dieser Gegend eine alltägliche Erscheinung war. Die ethnographischen Fachstudien heben die Bedeutung jener Erneuerung hervor, daß im Gehöft die Einheit von Wohn- und Arbeitsstelle im großräumigen Hotter verwirklicht wurde, zugleich sicherte sie größere Freiheit den Bauern, da sie die Felder um die Gehöfte nicht mehr in die Flurgemeinschaft zwangen. Anders betrachtet war offensichtlich das der „Zwang", demzufolge die ganze Einwohnerschaft zur Gehöftwirtschaft überging, obwohl sie - die reformierten Ungarn ausgenommen - darin einig waren, daß keine Gruppe auf ihrem früheren Wohnort diese Bewirtschaftungsform gekannt hatte. Nach urkundlichen Angaben waren bereits in den 1720-er Jahren Bauten im Gyulaer Hotter. Schon auf den Blättern der ersten, von Kaiser Joseph II. verordneten militärischen Kartierung sieht man im Gyulaer Hotter eine Reihe von alleinstehenden Bauten auf den westlich liegenden, höheren Äckern. Den Fluß entlang, auf den tiefer liegenden Gebieten begann man erst nach den Entwässerungsarbeiten in den 1850-er Jahren Gehöfte zu bauen.
Aufgrund der ethnographischen Sammlungen konnte um die Jahrhundertwende die Mehrheit der Gehöfte im 60 000 Katastraljoch großen Hotter von Gyula ein Haus mit Zimmer und Küche gewesen sein, dem sich natürlich Wirtschaftsgebäude anschlossen. Aber es standen noch Gehöfte, die eine primitivere Form bewahrten: der Stall war unter einem Dach mit dem einzigen, vom Backofen beheizten Wohnraum. Beide hatten eine Tür auf den Hof, aber auch in die gemeinsame Wand schnitt man einen Durchgang, damit man nicht auf den Hof hinaus muß, falls bei den Tieren etwas vorkommt. In diesen Gehöften hielt sich im Winter der Bauernsohn oder ein Knecht auf, damit jemand bei den Tieren sei - vor allem bei den Pferden, denn die Kühe überwinterten in der Stadt. Alle drei-vier Tage wurde warme Kost hinausgetragen, wenn die Entfernung von der Stadt zu groß war, um jeden Tag die warme Mahlzeit dort einnehmen zu können. In den meisten Gehöften lebten jedoch die Bauernfamilien das ganze Jahr hindurch draußen. Ein Beispiel dazu, wie die verschiedenen Entwicklungsstufen neben einander existierten, war der Fall des „gescheiten Japport", ein deutscher Bauer, der in den dreißiger Jahren bürgerliche Ansprüche hegte und von seinen Neuerungen berühmt war: Um die primitiven Verhältnisse der Zivilisation auszugleichen, ließ er auf seinem Gehöft ein Badezimmer bauen, das er auch regelmäßig benutzte. Das war natürlich eine einmalige und isolierte Erscheinung.
In Hinsicht der Gehöfttypen, der Arbeitsvorgänge und -mittel der Bewirtschaftung waren aufgrund der ethnographischen Sammlungen zwischen den drei Volksgruppen keine Unterschiede aufzuweisen. Keine von ihnen konservierte, im Vergleich zu den anderen archaischere Elemente. Lediglich sei zu bemerken, daß sowohl die Deutschen als auch die Rumänen die ältere ungarische Benennung des Gehöftes in ihrem Dialekt bewahrten: sa-lasch bzw. salas. Schriftliche Angaben bezeugen, daß im Kreise der Ungarn bereits um 1820-30 das Wort szállás [Behausung] von tanya [Gehöft] verdrängt wurde. Der dargestellten kulturellen Homogenität steht etwas doch gegenüber. Die Mitglieder der einzelnen Volksgruppen bildeten sich charakteristische Meinungen über das Wesen und die Erfolge der eigenen Bewirtschaftung sowie die der anderen. Diese Meinungen bildeten kein festes System, zeugen jedoch von Vorurteilen, die in den unterschiedlichen Traditionen wurzeln.
Das Selbstbild der Deutschen charakterisiert die folgende, zurückkehrende, bündige Behauptung: „Die Deutschen waren bessere Familien." „Besser" bezieht sich hier ausgesprochen auf das Habe, auf den Wohlstand. (Nebenbei bemerkt, mir fiel auf, daß sich meine Partner während der Gespräche meist zum Teil davon distanzierten, was sie erzählten. Daher steht in den folgenden Außerungen immer „sie" anstatt „wir", abgesehen davon, ob sie von der eigenen oder der anderen Gruppe sprachen.)
,.Die Deutschen sagten, die Kraft ist bei den jungen Leuten. Wenn ihr Sohn oder ihre Tochter heiratete, wurde ihnen alles übergeben. Der ungarische und der rumänische Bauer gaben nicht einmal mit 85 das Erbe ihrem 60 jährigen Sohn heraus. Sie mußten sich als Pächter oder Halbpächter verdingen und verließen ihren Vater. Bei den Rumänen war die Lage noch schlimmer. Die spielten Karten während der Arbeit. Die Deutschen gaben ihnen Darlehen, dann kauften sie ihnen alles ab."
Schauen wir mal, was die Meinung der Ungarn war!
„Die Deutschen waren meist Großbauern, aber es gab auch Tagelöhner unter ihnen. Die Großbauern arbeiteten wenig. Im Winter waren sie immer zu Hause." (Ein Reformierter)
„Der Deutsche war stärker, reicher. Man weiß nicht, wovon. Die Ungarn bauten Getreide an, beschäftigten sich aber nicht mit Mästen, wie die Deutschen." (Ein Katholik)
„Die Deutschen waren die ersten in Hinsicht auf das Vermögen. Sie betrieben auch Weinbau. Sie waren auch geschäftstüchtiger. Auch viele Handwerker waren unter ihnen." (Ein Reformierter)
Besonders die Deutschen in Elek (eine benachbarte deutsche Großgemeinde) mästeten viele Schweine. Die Eleker Deutschen, wo sie auch Fuß faßten, wurden bald reich. Sie pachteten, vermittelten. Sie drangen auch in Gyula ein" (Ein Katholik).
,.Die Deutschen waren geizig. Sie bauten Wein an. Die Ungarn aber hatten den Wein gem. Viele gaben sogar ein Viertel (d.h. 1200 Quadratklafter) Feld für den Wein. So erstärkte sich das Deutschtum" (Ein Katholik).
,.Die Deutschen waren bessere Bauern und auch reicher. Sie waren fleißig. Die Wala-chen lobe ich nicht, auch unter ihnen waren welche" (Ein Katholik).
„Mein Vater erzählte mir, die Deutschen kamen so hierher, daß sie die besten Felder bekamen. Fleißige gab es auch unter den Rumänen, aber wenig Bauern. Der eine, Mis-kucza, so sagt man es, fand Geld, so wurde er reich. Die Deutschen wirtschafteten besser. Auf besseren Feldern konnte man ja auch. Sie waren die ersten. Auch fleißig waren sie. Auch unter den Rumänen fand man gute, fleißige Bauern" (Ein Katholik).
„Der walachische Bauer war geizig, auch zu den Dienstleuten war er nicht gut. Der Deutsche gab ihnen wenigstens zu essen, wenn auch sonst nichts" (Ein Katholik).
Schließlich übergeben wir das Wort den Rumänen.
„Die Ungarn verdingten sich nicht gern als Dienstleute, eher als Erd- oder Dammarbeiter. Die katholischen ungarischen Bauern wiertschafteten besser als die reformierten. Die Rumänen verdingten sich selten bei Rumänen, denn dort war es am schlimmsten. Die deutschen Bauern waren die besten, sie nahmen gern Rumänen in ihren Dienst. Aber die deutschen Bauern hatten die Gewohnheit, auf das Gehöft hinauszugehen, um ihren Ackerknecht zu belauschen. Der hat ihn dann meist bemerkt und ihn fest verhaut oder ihn mit der Eisengabel gestochen. Nachher sagte er, er meinte, es wäre ein Dieb gewesen. "
„Die Rumänen wurden allmählich in den Bánom (ein tief liegender, wäßriger Hotterteil, früher ein Sumpf, wo nach der Befreiung der Leibeigenen die Felder für die Kleinhäusler ausgemessen wurden) verdrängt. 1945 hatten in Józsefbenedek (hier waren im Hotter die besten Ackerfelder) nur mehr zwei rumänische Familien ein Gehöft. Die Deutschen zahlten den Rumänen viel, nur damit sie gehen und ihren Hof übergeben. Die Deutschen übergaben ihrem Sohn das Vermögen, wenn er heiratete, die Rumänen bis zu ihrem Tode nicht. Der Sohn konnte prozessieren oder auf einem Bau Arbeit suchen. Die Deutschen brauchten nicht zu prozessieren, denn alles ging in Ordnung. Die Rumänen hielten sich aber Advokate. Zum Wirtschaften verstanden sich die Deutschen besser. Die machten sich über die Sache her, vor allem die Eleker, von denen konnte man was lernen. Die schonten die Pferde nicht so."
Ohne uns auf die Analyse des Begriffs „Vorurteil" tiefer einzulassen oder zu bestreiten, wie schädlich jene nachteiligen Unterscheidungen auswirken können, die sich auf soziale-kulturelle-sprachliche Vorurteile berufen, sei hier jedoch darauf hingewiesen, daß die Vorurteile immer auch eine Wahrheitsgrundlage haben. Es ist aber schwer, objektiv zu entscheiden, was aus der obigen Beispielsammlung bloßer Vorurteil ist, was zum wirklichen Kern der genannten Unterschiede gehört. Es ist selbstverständlich, daß sie die andere Gruppe lieber beurteilen als die eigene, aber trotz dieser ausgesprochenen Tendenzen ist das Bild nicht so einfach. Neben der Selbstsicherheit der Deutschen begegnet man auch dem selbstkritischen Ton der Ungarn und der Rumänen (z.B. was das Weintrinken und die schlechte Behandlung der Dienstleute betrifft). Zwar wird das erfolgreiche Wirtschaften der Deutschen eindeutig anerkannt, doch gesellen sich auch verschiedene Erklärungen hinzu, welche die Ungarn und die Deutschen zum Teil entlasten, z.B. daß sie von Anfang an die guten Felder besaßen oder die Betonung von Unternehmungsgeist und Fleiß als ethnische Charakteristika. Wie sehr sie an die Traditionen gebunden waren, zeigt auch die Tatsache, daß die Ungarn und auch die Rumänen dessen bewußt waren, wie vorteilhaft die deutsche Erbfolge ist, sie aber trotzdem nicht übernahmen.
Es ist historisch belegt, daß die ersten deutschen Siedler vom Gutsherrn vertraglich geregelte Begünstigungen erhielten. Die verjährten jedoch bald. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Deutsch-Gyulaer ebenso Leibeigenen wie die Einwohner von Ungarisch-Gyula.3 Die Höfe wurden tatsächlich gesondert ausgemessen und die Deutschen strebten auch bei den Kommasieningen immer danach, ihre Sonderstellung zu bewahren. So an der Stelle des schon erwähnten Józsefbenedek, dessen Name zum Teil an das mittelalterliche, seitdem untergegangene Dorf Szentbenedek erinnert, zum anderen an den Patron von Deutsch-Gyula, den heiligen Joseph (ung. József), nachdem man den neuen Stadtteil auch Josephstad (ung. Józsefváros) nannte. Den Hotterteil erwähnte man auch als Németbenedek (Deutsch - Benedikt).
Ob die anfänglichen Begünstigungen oder die unzweifelbar mitgebrachte höhere Bildung und das Produzentenbewußtsein, eventuell die sich später herausgebildete Siedlermentalität den Grund des schnelleren Fortkommens der Deutschen bildeten? Eine ausreichende Antwort darauf gibt es weder im Gyulaer noch im Landesrahmen. Vermutlich ist hier mit der komplexen Wirkung mehrerer Faktoren zu rechnen.
Die Verbürgerlichung der Bauern kennzeichnet sich auch in jener Reihe von Farbli-thographien, die 1857 vom durchreisenden Wiener Zeichner Joseph Böss über die Gyulaer Deutschen und Ungarn verfertigt wurden. Der deutsche Mann hat ein Gewand aus blauem Tuch an, eine Hose mit Klappe und Stiefeln. Der ungarische Mann hat nur auf dem Oberkörper blaues Tuch an, was auf dem damaligen Ungarischen Tiefland ein Zeichen des Wohlstandes war, sonst hat er noch eine weite Hose (ung. gatya) an. Der eckige Hut und das geschnittene Haar des Deutschen hielt man für „modischer" als des Ungarn halbkugelförmigen Hut und Kreishaar. Auch am Frauengewand ist der eher bürgerliche Geschmack der Deutschen augenscheinlich. Das Äußere der deutschen Frau ist weniger markant eben dadurch, daß sie nicht auffallen möchte. Ihre Zierde bilden eine einfache Haube und ein auf den Rücken gebreitetes Tuch. Die Ungarin unterscheidet sich in der stolzeren Haltung, sie steht mit in die Hüften gestemmten Händen da. Ihr Halstuch ist bunt, ihr Hemd hat Puffärmem. Die Rumänen zeichnete der Künstler leider nicht in Gyula, sondern im Nachbardorf Kétegyháza ab. Die Kleidung der Rumänen ist noch „bäuerlicher" als die der Ungarn. Zwar sollte man mit der Gleichsetzung vorsichtig sein, denn bereits in der Beschreibung von Imre Palugyay (1855) ist zu lesen, daß „die Einwohner von Kétegyháza noch mehr walachisch in der Kleidung sind als die Gyulaer. "4
Unter den Deutschen waren vermutlich schon bei der Ansiedlung Handwerker. Daß man bei der Gründung von Deutsch-Gyula zum Patron den Hl. Joseph wählte, der unter anderem Schutzpatron der Zimmerleute war, zeugt auch davon. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts waren die Deutschen aus Gyula über die Grenzen ihrer Stadt hinaus bekannte Maurer und Zimmerleute. Während des Jahrhunderts, ganz bis zum ersten Weltkrieg erbauten sie nicht nur die örtlichen öffentlichen Gebäuden und Wohnhäuser, sondern auch im benachbarten Komitat Arad und im nahen Banat sind viele Kirchen und ähnliche bedeutende Bauten Zeugen ihrer Arbeit. Sie wurden auch in Siebenbürgen beschäftigt, ihren Überlieferungen nach sogar auf dem Balkan und in der Türkei, was vermutlich das gleiche Gebiet bedeuten konnte.
Zu den oben zitierten Meinungen der Gyulaer Bauern zurückgekehrt, fällt einem auf, daß sie den Fleiß und „Draufgängertum" der Eleker über die der Gyulaer setzen. Unserer Meinung nach deshalb, weil im benachbarten kleineren und homogeneren Dorf der mit der Siedlermenetalität verbundene Erwerbsgeist besser zur Geltung kam, als im Kreise der Gyulaer, die sich zu dieser Zeit bereits auf dem Wege der Urbanisierung und Assimilierung befanden.
Die positive Bewertung der Wirtschaftsmethoden der Deutschen konnte auch dadurch gestärkt werden, daß die Deutschen, später die Deutschstämmigen von der Einigung der beiden Städte bis zum zweiten Weltkrieg an der politischen und gesellschaftlichen Führung von Gyula einen zahlenmäßig größeren Anteil hatten, was offensichtlich mit den Vermögensverhältnissen zu erklären ist. Um ihren Einfluß zu demonstrieren, sei hier erwähnt, daß sie nach 1940 jahrelang verhindern konnten, daß ihre Weingärten, die unmittelbar an die Deutsche Stadt grenzten, zu Hausplätzen ausgemessen werden, und damit stellten sie sich der natürlichen Ausdehnung der Stadt entgegen. Bereits im Mittelalter sind in Gyula Weingärten belegt, die örtliche Tradition jedoch verbindet den Weinbau mit den Deutschen. Auch die hiesigen Einwohner deutscher Abstammung erzählen gern jene, auch in anderen ungarndeutschen Gemeinden bekannte Sage, daß die Frauen, obwohl es verboten war, unter ihren weiten Röcken versteckt die guten Rebensorten aus der alten Heimet in die neue einschmuggelten. Die örtliche Folklore lobt auch den einstigen guten Ruf des Gyulaer Weines. Sie behaupten, früher wurde er sogar nach Wien geliefert, und die Phylloxera (die in den Jahren nach 1880 alles vernichtete) sei Schuld am Rückfall des Weinbaus. Wenn auch die Weingärten im letzten Jahrhundert keinen großen Wert mehr darstellten, waren sie doch ein Symbol des Wohlstandes und als solche beeinflußten sie die Bewertung der Wirtschaft. Im Besitz der Ungarn und Rumänen waren bedeutend weniger Weingärten als bei den orsteingesessenen deutschen Familien.
Unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen jene Bewertungen moralischen Charakters, die die Vorurteile der Gruppen am unmittelbarsten ausdrücken. Die Habgier, die eher mißtrauische (also nicht gewohnt familiäre) Behandlung der Dienstleute und ähnliche Bemerkungen zeugen davon, daß das Warenproduzenten-Bewußtsein bei ihnen entwickelter und moderner war als bei den Ungarn und den Rumänen. Zugleich wird auch angedeutet, daß die Mentalität dieser Art von der eigenen Gruppe als etwas nicht Ziemendes, ja sogar Amoralisches zurückgewiesen wird.
Die Einstellung der Rumänen mit umgekehrtem Vorzeichen kann nicht ausschließlich der Voreingenommenheit zugeschrieben werden, wie es auch der Selbstbewertung abzulesen ist. Einige Attitüden lassen darauf schließen, daß ihre Beurteilung früher noch schlimmer ausfiel oder daß die Gewährsleute während der Gespräche die Meinung ihrer Gruppe zu entschärfen versuchten. Fast als eine Art Entschuldigung fügten sie hinzu, daß auch unter ihnen gute Bauern waren, wenn auch nicht viele. Dies kann auch so gedeutett werden, daß sie den Vorurteilen gegenüber nach Objektivität strebten. Die Einschätzung fällt auch so sehr negativ aus, widerspiegelt aber die Auffassung des deutschen Bauern genau, denn für seine Gruppe war der Zeitvertrieb (wie das Kartenspielen) während der Arbeit unvorstellbar. Das Verdachtmotiv kommt auch zum Vorschein, wo über den rumänischen Großbauern erzählt wird, der nicht aus eigenem Fleiß, sondern aus gefundenem Geld reich wurde; doch ist ja bekannt, daß dies ein - von Volksgruppen unabhängiges — vielerorts vorkommendes, folkloristisches Element ist. Wir fanden keine Erklärung dafür, warum sich die rumänischen Dienstleute nicht gern bei den rumänischen Bauern verdingten, und warum die Deutschen lieber Rumänen einstellten als Ungarn oder Deutsche. Moralischer Art ist auch die Erwähnung der nachlässigen Arbeit und der Zahlungsunfähigkeit. Dies alles stärkt uns in der Behauptung, obwohl es ethnographisch und kulturhistorisch nur teilweise demonstriert werden konnte, daß die drei Volksgruppen im 19. Jahrhundert im Prozeß der Verbürgerlichung der Bauern auf je verschiedenen Stufen standen. Die Traditionen, welche das Unternehmertum und die Modernisierung hinderten, legten erst die Deutschen ab, am verschlossensten verhielten sich die Rumänen.
Die Darstellung der Ungarn - der überwiegenden Mehrheit — ist in den zitierten Texten am blassesten. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sich beim Vergleichen in der Mitte verhalten, und auch wegen ihrer höheren Zahl keine so charakteristische Züge aufzuweisen sind, wie bei den Randgruppen. Im Hintergrund der Unterscheidung zwischen den katholischen und den reformierten Ungarn steht vermutlich die höhere - fast zweifache -Zahl und die wirtschaftliche Stärke der Katholiken.
Zur Analyse muß ich noch hinzufügen, daß meine Gesprächspartner zwischen 1878 und 1906 geboren wurden. Wenn man bedenkt, daß ihre Anschauungsweise natürlich von ihren Eltern geformt wurde, stellt es sich heraus, daß alles, was sie erzählten, für die Zeit zwischen 1860 und dem zweiten Weltkrieg gültig ist. Im Jahre 1910 - also in der Halbzeit - sah die sprachliche und konfessionelle Teilung von Gyula wie folgend aus:5 Die Gesamtbevölkerung der Siedlung: 24 284 Personen
ungarischer Muttersprachedeutscher Mutterspracheslowakischer Mutterspracherumänischer Mutterspracherutenischer (ukrainischer) Muttersprakroatischer Mutterspracheserbischer Muttersprachesonstiger Mutterspracherömisch-katholischgriechisch-katholischreformiertevangelischorthodoxunitarischisraelitischsonstigeungarischsprechen |
198081581313254033828120941016975764339159213323710 |
81,6%6,5%10,4%49,8%28,8%13,9%97,1% |
Einige Erklärungen sind zu den Angaben der Volkszählung hinzuzufügen. Obwohl wir keine Untersuchungen zur Assimilation durchführten, ist aufgrund der Ortskenntnisse anzunehmen, daß die Zahl der Deutschen etwas Höher lag (um 3-4 %). Zu dieser Zeit bekannte sich ein Teil von ihnen auch dann zur Ungarisch als Muttersprache, wenn er noch deutsch konnte. Da die Deutschen ausschließlich römisch-katholisch waren, damals bereits mit eigener Kirche und deutschem Gottesdienst, sind sie von den Katholiken ungarischer Muttersprache nicht zu trennen. Anders steht es mit den Rumänen, deren wirkliche Zahl wahrscheinlich mit der der Orthodoxen zusammenfällt. In ihren Reihen war auch die Assimilation, mit der der Sprachschwund einherging, bestimmt geringer, als unter den Deutschen, denn die Umgebung der Stadt bestand zum Teil aus rumänischen Dörfern, mit denen sie in reger Verbindung waren. Die Slowaken stammten bestimmt aus dem benachbarten Békéscsaba und waren größtenteils ständig auf den Gehöften lebende und arbeitende Gesindeleute, die am gesellschaftlichen Leben der Stadt nicht teilnahmen. Nur selten ließen sie sich endgültig in Gyula nieder.
Abschließend sei uns erlaubt, auf eine mögliche Quelle des analysierten Vorurteilnetzes, auf die Nationalcharakterologie hinzuweisen. Sie hat eine umfassende theoretische wie auch praktische, also reelle Charakteristiken beinhaltende Literatur. Elek Fényes, der im ungarischen Reformzeitalter in mehreren, sehr populären landeskundlichen Werken die nationalen Charakterzüge der Völker des Landes zusammenfaßte, schreibt über die Ungarn: „Er ist verschwenderisch, meistens nicht sparsam; arbeiten kann er gut und hat auch die Kraft dazu, aber nicht immer die Lust"; über die Deutschen: „Stille, arbeitsame, fleißige Leute; sie haben das städtische Leben gern, die Ordnung, das Schöne, die Wissenschaften, das Gewerbe; mit ausgezeichnetem Fleiß betreiben sie Acker- und Weinbau, Pferdezucht, daher sind sie die vermögendsten unter den Leibeigenen in Ungarn ...sie sind am ehesten bereit unter den ungarländischen Völkern fremder Muttersprache, das Ungarische aufzunehmen und zu erlernen"; über die Rumänen: „Die Walachen sind guten Herzens, sehr gastfreundlich... aber die traurigen Folgen der Jahrhunderte währenden Unterdrückung wirken auch heute noch, denn sie sind nicht arbeitsam..."6
Mit Absicht zitierten wir nur jene Teile, die sich auf die Arbeit und das Wirtschaften beziehen; die Charakterisierungen sind übrigens viel ausführlicher und behandeln noch viele andere Gebiete des Lebens, insbesondere die der Moral. Eine unmittelbare Verbindung zwischen den oberen gesellschaftlichen Klassen und den Bauern sind in diesem Bereich, mangels weiterer Kenntnisse, vorläufig nicht aufzuweisen. Im vergangenen Jahrhundert verstärkte sich in Ungarn sprunghaft der Einfluß der Massenkommunikation, häufiger wurden die Infonnationskontakte zwischen den einzelnen Gegenden und unter den gesellschaftlichen Schichten. Darüber hinaus ist anzunehmen, daß die Meinung der Gyu-laer Volksgruppen übereinander von den örtlichen Traditionen und der gesellschaftlichen Struktur beeinflußt geformt wurde.