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II. DIE UNGARNDEUTSCHEN IM 20. JAHRHUNDERT

 

1. Die Nationalitätenbewegung der Deutschen in Ungarn bis zum Ende des ersten Weltkriegs

Als Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung bei den Deutschen Südungarns bildete sich neben dem Bauerntum eine örtliche Handwerker-, Kaufmanns- und Intelligenzschicht heraus, die den Weg der Verbürgerlichung einschlug. Damit ist zu erklären, daß sich die Nationalitätenbewegung des Schwabentums eben dort entfaltete. Die ersten Organisationen waren eher wirtschaftlicher Art. Der im Jahre 1891 in Temeschwar gegründete Südungarische Landwirtschaftliche Bauernverein stand mit den ähnlichen ungarischen Agrarinitiativen (Albert Apponyi) in Verbindung. Der Verein tat viel für die Entwicklung der Landwirtschaft, übernahm aber keine politische Vertretung. Edmund Steinacker (1839-1929), Sohn eines protestantischen Priesters in Debreczin (Debrecen), erkannte als erster, daß die politische Willensbildung eine selbständige politische Partei forderte. Dabei halfen ihm Persönlichkeiten wie der Banater Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923), der in seinen Werken die Geschichte, Traditionen und den Sagenkreis der Schwaben bearbeitete und damit dazu beitrug, daß diese auf ihre Abstammung stolz sein konnten. Durch die Anstrengungen von Steinacker und seinen Mitarbeitern wurde die Ungarländische Deutsche Volkspartei im Jahre 1906 unter dem Vorsitz von Dr. Ludwig Kremling im Banater Werschetz gegründet. Die Partei konnte sich aber nicht landesweit durchsetzen, die ungarische Regierurig behinderte ihre Tätigkeit wegen ihrer Kontakte zu pangermanischen deutschen Organisationen (Allgemeiner Deutscher Schulverein, Gesamtdeutscher Verband). Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1910 konnte die Partei kein Mandat erlangen. Das Deutschtum in Ungarn wurde im ungarischen Parlament allein durch die siebenbürgischen Sachsen vertreten. Die 1876 gegründete Sächsische Volkspartei unterstützte die Politik der Regierung, und so versuchte sie die Interessen des Sachsentums in Siebenbürgen auch nach der Aufhebung der sächsischen Autonomie im Jahre 1876 zu vertreten. 1890 kam es zur Spaltung der Partei. Die als „Grüne" bezeichneten jungen Radikalen waren mit der Politik der Partei unzufrieden, gründeten eine neue oppositionelle Partei und nahmen Beziehungen zu den erwähnten deutschen Organisationen auf. Die sich um Rudolf Brandsch und Guido Gündisch gruppierenden „Grünen", waren im Gegensatz zu den als „Schwarze" bezeichneten Konservativen, die den „Volkstod" der Schwaben für unaufhaltbar hielten, bestrebt, auch mit dem Schwabentum zusammenzuarbeiten.

Während des ersten Weltkriegs trat die Tätigkeit der Parteien in den Hintergrund. Tausende von schwäbischen Männern kamen allerdings an die Front, wo sie mit den Soldaten des österreichischen und Deutschen Reiches unmittelbar in Berührung kamen, und die wirtschaftliche und militärische Stärke dieser deutschen Staaten kennenlernten. Sie wurden sich dessen bewußt, Mitglieder einer großen Kulturnation zu sein.

 

2. Zwischen den beiden Weltkriegen

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete die Auflösung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und die darauffolgenden Grenzziehungen brachten auch im Leben der Schwaben grundlegende Veränderungen. Der östliche Teil des Banats, Siebenbürgen, die Bukowina kamen zu Rumänien, das spätere Jugoslawien erhielt den westlichen Teil des Banats, die Batschka und die Gebiete südlich der Donau bzw. der Drau. Im zusammengeschrumpften Ungarn blieb eine deutsche Bevölkerung von ca. 550.000 Personen, die sich im wesentlichen auf drei Gebiete konzentrierte: auf die Schwäbische Türkei (Südungam), auf das ungarische Mittelgebirge und auf einen schmalen Streifen entlang der österreichischen Grenze. Ihr Anteil ging von 10 % auf 5-6 % zurück, während der der ungarischen Bevölkerung im Vergleich zur Vorkriegszeit (48 %) jetzt 90 % erreichte. Eine Verschiebung trat auch im Verhältnis des städtischen Deutschtums (17 %) und der ländlichen deutschen Bevölkerung (83 %) auf. Hinzu kam, daß sich letztere nicht in bestimmten Gebieten Ungarns konzentrierte. Den größten Anteil hatten dabei die Klein- und Mittelbauern. Die Anzahl der Deutschen war unter den Bergleuten und auch unter den Büdapester Industriearbeitern bedeutend, jedoch unter den Freiberuflern, der Intelligenz, den Beamten und Politikern gering. Laut Volkszählung von 1920 arbeiteten 25% der insgesamt 551.211 Deutschen im Agrarsektor, 15% in Handel und Gewerbe und ungefähr 4% übte einen Intelligenzberuf aus. Diese letzte Gruppe wurde weitgehend assimiliert. Der soziale Aufstieg ging daher mit dem allmählichen Verlust der Muttersprache, die man nur zu Hause sprach, und oft mit der Namensmadjarisierung einher. In der bis 1914 nach außen relativ abgeschlossenen Welt des Dorfes traten nach dem Krieg Veränderungen in den materiellen wie in den geistigen Strukturen ein. An erster Stelle sind hier die Industrialisierung (auch im Agrarsektor), die Entwicklung der Kommunikationsmittel und vor allem die sozioöko-nomischen Erschütterungen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise zu nennen, die zusammen zur sozialen Differenzierung der Dorfgesellschaft führten. All dies hatte auch auf die politische Situation des Ungamdeutschtums einen großen Einfluß. Da die Industriearbeiterschaft sich an der Sozialdemokratie orientierte, konnte eigentlich nur die Bauernschicht die politische Basis einer deutschen Volkspolitik abgeben. Deren Identitätsbewußtsein war zu dieser Zeit jedoch noch schwach, von einer Art Untertanen-Patriotismus geprägt, und bedeutete somit eher eine lokale, bestenfalls eine regionale Bindung.

Die verheißungsvollen nationalitätenpolitischen Initiativen hörten bedauerlicherweise auf, und in Ungarn, das den Trianon-Schock nicht überwinden konnte, verstärkten sich die Madjarisierungstendenzen, die in der Idee des einheitlichen Nationalstaates wurzelten. Das ungarnländische Deutschtum war in der Beurteilung der Situation uneinheitlich. Wir können in seinen Führungskreisen in dieser Zeit zwei Tendenzen unterscheiden. Rudolf Brandsch und sein Kreis vertraten einen markanten Standpunkt: „Egal, wie sich die Situation in unserer Heimat entwickelt, wir Deutschen fordern die freie Entwicklung unserer nationalen Kultur auf allen Gebieten und in allen Bezügen, wir fordern den freien Gebrauch unserer Muttersprache in den verschiedensten Gebieten der Öffentlichkeit und die Erfassung von Gesetzen, die diese Rechte zu jeder Zeit sichern können." Jakob Bleyer rief hingegen die Ungamdeutschen nicht nur zur Loyalität der gemeinsamen Heimat gegenüber, sondern auch zur Loyalität der ungarischen Nation gegenüber auf. „Die Rechte unseres Volkes sind uns heilig. Heilig sind jedoch auch jene staatlichen und emotionalen Bindungen, die uns seit Jahrhunderten in guten und schlechten Zeiten an die ungarische Nation binden." Bleyer legte mittelfristig keinen großen Wert auf eine organisierte Zusammenarbeit aller Ungamdeutschen. Er sah zwischen den Sachsen und den Schwaben unüberwindbare Gegensätze. Dies führte zum Abbruch seiner Beziehungen mit Brandsch. Der von Bleyer gegründete Deutsch-Ungarische Volksrat hielt. die Aufrechterhaltung der territorialen Integrität Ungarns für wichtig, und forderte für die Ungarndeutschen die Gewährung der gleichen Rechte, die auch anderen Nationalitäten zugesichert werden sollten. In seinem Programm verlangte der Volksrat die Schaffung eines deutschsprachigen Schulsystems und die muttersprachliche Kommunikation in den Gemeinden, hielt jedoch die landesweite Heranbildung einer eigenen Führungselite für nicht notwendig. Man plante einen Budapester Zentralrat, zu dem mehrere Bezirksräte gehören, die in ihren eigenen Angelegenheiten frei hätten entscheiden dürfen. Mehrere einheimische deutsche Organisationen stimmten diesem Plan zu.

Eine selbständigere und vielleicht realistischere Initiative war der Deutsche Volksrat für. Ungarn unter der Führung von Rudolf Brandsch. Diese umfaßte mehrere Organisationen. Diese Zersplitterung verhinderte natürlich ein effizientes Auftreten. Hinzu kam die Tatsache, daß mit dem Verlust der siebenbürgischen Sachsen dem einheimischen Deutschtum die aktivste, am meisten selbstbewußte Gruppe verloren ging. Ein reales Ziel konnte in dieser Situation nur die Bewahrung der Identität sein. Um dieses Ziel zu verwirklichen, gründete Bleyer 1924 den Ungam/äncfc'sch-Deufschen Volksbildungsverein und die Wochenzeitung Sonntagsblatt. Der Verein sollte ohne politisches Engagement die kulturellen Interessen, nationalen Eigenheiten und christlichen Tugenden vertreten und unterstützen. Bleyer vertrat nach 1926 allein das Ungämdeutschtum im ungarischen Parlament, charakteristisch ist aber, daß selbst er nur über die Liste der Regierungspartei zu seinem Mandat kam. Es ist aber zweifelsohne sein Verdienst, daß er jenen Organisationsapparat ins Leben rief, der für ein wirkungsvolles, die Interessen wahrendes Politisieren unerläßlich war. Diese Tatsache ist schon deshalb wichtig, da außer diesem Verein weder auf dem Gebiet der Wirtschaft noch der Politik eine eigenständige deutsche nationale Organisation Fuß fassen konnte.

Die vom Schicksal geschlagene ungarische Gesellschaft betrachtete sämtliche politische Bestrebungen der Deutschen, sogar ihre Präsenz in der Öffentlichkeit als latente Gefahr für die Integrität und Sicherheit des Landes. Das Festhalten an einer nicht-ungarischen Identität wurde dem Fehlen von Loyalität gleichgesetzt. Dieses Verhalten bestimmte die nationalitätenpolitischen Maßnahmen des ungarischen Staates praktisch bis 1948, und markierte zugleich auch jenen sehr engen Spielraum, der dem Ungamdeutschtum verblieb. Bleyer mußte einsehen, daß seine idealistischen Vorstellungen, seine Treue zur ungarischen Nation und seine natürliche Hinwendung zur deutschen Bauemschicht keine Unterstützung in den Reihen der Intelligenz fand. Er stellte in seiner Parlamentsrede vom 9. Mai 1933 bitter fest, daß 70 % der ungamdeutschen Jugend weder Deutsch schreiben noch lesen könne, und daß in vielen katholischen Schulen nicht einmal Religion in der Muttersprache unterrichtet werde. Er wollte das dadurch ausbalancieren, daß er diejenigen Jugendlichen der Intelligenz um sich versammelte, die bereit waren, eine aktive Rolle bei der Gestaltung des Schicksals der Ungamdeutschen zu spielen. Vielen wurde es auch ermöglicht, einige Semester in Deutschland zu verbringen. Es gehörte zur Kulturpolitik der Weimarer Republik, daß sie das Studium von Angehörigen deutscher Volksgruppen mit Stipendien unterstützte. Diese Stipendien wurden auf Empfehlungen der Nationalitätenführer ohne Wissen der betroffenen Regierungen mit der expliziten Zielsetzung vergeben, eine für die Führung der deutschen Minderheiten geeignete Intelligenz heranzubilden. Zu dieser Tendenz kann man auch jene Veränderung zählen, die in der ungarischen Politik eintrat. Ungarn strebte seit 1928 engere Beziehungen zu Deutschland an. Dies begünstigte auch die Nationalitätenpolitik und versprach besonders in der Schulfrage eine günstige Lösung. Zwischen 1926 und 1927 gehörten - aufgrund der Regelung von 1923 - 48 Schulen zum Typ .A", 63 Schulen zum Typ „B" und 308 zum Typ „C". Typ „A" war die eigentliche Minderheitenschule, wo Ungarisch Pflichtfach war, und alle anderen Fächer in der Muttersprache unterrichtet wurden. In den Schulen vom Typ „B" unterrichtete man Grammatik, Recht, Wirtschaftslehre, Naturwissenschaften und praxisorientierte Fächer in der Muttersprache, die ungarische Grammatik, Geographie, Geschichte und Sport auf ungarisch. Beim Typ „C" schließlich war lediglich Deutsch Pflichtfach, alle anderen Fächer wurden auf ungarisch unterrichtet. Das Problem zeigte sich dort, daß die überwiegende Zahl der Nationalitätenschulen meist zum Typ „C" gehörten, also nicht als eigentliche Minderheitenschule gelten konnte. Eine der wichtigsten Bestrebungen der Ungamdeutschen war es daher, in den folgenden Jahren möglichst viele „C-Schulen zu „B"-Schulen umwidmen zu lassen. Eine weitere Schwierigkeit bedeutete die muttersprachliche Ausbildung der Lehrkräfte. Laut einer zeitgenössischen Statistik hätte man 1400 Lehrer gebraucht, um'den reibungslosen Ablauf des muttersprachlichen Unterrichts zu sichern. 1923 standen jedoch nur 101 Lehrer mit deutschen Sprachkenntnissen zur Verfügung, von denen nur 4 in Minderheitenschulen unterrichteten. Die Schulpolitik stand also mit dem Assimilationsdruck in engstem Zusammenhang.

Mit dem Tod von Bleyer entstand ein großes Vakuum in der ungarndeutschen Nationalitätenpolitik. Gustav Gratz plädierte sogar für die Abschaffung der Minderheitenpolitik in Ungarn und gab sich mit dem Rückzug auf die kulturelle Identitätsbewahrung zufrieden. Seiner Meinung nach hätte eine konsequente deutsche Minderheitenpolitik die Schwaben einerseits vom Dritten Reich abhängig gemacht, zum anderen wären sie somit auch in eine Konfrontation mit dem madjarischen Nationalismus hineingetrieben worden. Andere zogen eine andere Schlußfolgerung, nämlich daß die Existenz der Ungamdeutschen nur noch in Anlehnung an Berlin und durch aktive Selbstorganisation der Minderheit zu sichern sei. Daraus wird, wie schon früher gezeigt, sichtbar, daß beide Richtungen im Gegensatz zu Bleyers Zielsetzungen standen. Die Orientierung an das deutsche Reich wurde immer deutlicher. Sie implizierte nationalpolitische Zielsetzungen und deren Manifestation in Form von Agitation und Propaganda.

Der Vorkämpfer dieser radikalen Erneuerung war die um den Bleyer-Schü-ler Franz Bäsch gescharte Gruppe der Volksdeutschen Kameradschaft. Durchdrungen von einer naiven Begeisterung überflutete diese die von Deutschen bewohnten Dörfer mit wirkungsvoller Agitation, die mit reichsdeutschen Mitteln finanziert wurde. Ihnen stand der Kreis der ängstlichen Konservativen gegenüber, an der Spitze der schon erwähnte Gratz, der sich den offiziellen Regierungsstandpunkt zu eigen machte und jedwelche Kursänderung ablehnte. Mit der Kameradschaft bzw. später mit dem Volksbund trat eine neue Generation auf die politische Bühne. Das Problem der Generation von Bleyer war noch, wie man als Ungar auch Deutscher sein konnte. Bäsch jedoch stellte die Frage, wie man als Deutscher in Ungarn weiterhin existieren und sich behaupten könne. Unter dem nachhaltigen Eindruck wachsender madjarischer Intoleranz wuchs deshalb in dieser Generation die Neigung, die Segregation einer Integration vorzuziehen, die Dissimilation einer Assimilation. Ihr Ziel war nun die Verteidigung der existentiellen Interessen der Ungamdeutschen.

Dieses Ziel rückte mit der am 26. November 1938 erfolgten Gründung des Volksbundes in greifbare Nähe. Die Organisation der Volksgruppe wurde gegründet, ihre Rechte bezüglich einer autonomen Selbstverwaltung wurden auf Intervention von Berlin ausgeweitet. Der Volksbund war zwar nicht imstande, das ganze Ungarndeutschtum zu mobilisieren, konnte aber wesentlich mehr Leute ansprechen als Seine Vorgänger. Der Grund seines Erfolges war wahrscheinlich, daß er die Ansprüche und Wünsche vieler Ungamdeutschen auf Selbstbestimmung und auf eine aktive politische Teilnahme befriedigen konnte. Hinsichtlich der äußeren Form war der Volksbund ein Abklatsch des Parteiapparates der Nationalsozialisten. Es gab verschiedene Unterorganisationen: die Frauenschaft; die Deutsche Voikshilfe; die Landesbauernschaft; das Amt für Rassen- und Bevölkerungspolitik und die nach dem Vorbild der Hitlerjugend Organisierte Deutsche Jugend. Die Funktionäre wurden im Rahmen von Schulungskursen ausgebildet. Auch wenn die Weltanschauung als zweitrangig betrachtet wurde, war es zur Erreichung der Ziele notwendig, den Orientierungskurs an Deutschland auszurichten, und das einerseits aus politischen Gründen, andererseits aber auch aus Mangel an eigenen Traditionen.In der Regierungszeit von Gömbös verurteilte man Bäsch wegen Schmähung der Nation zu einer Gefängnisstrafe, die ihm dann den Mythos eines Volksführers und Märtyrers einbrachte. Am Anfang des Krieges befanden sich die Ungamdeutschen praktisch bereits in einer Zwangslage. Nach der Gründung der lokalen Organisationen wurden die Beziehungen des Volksbundes zu Hitlerdeutschland immer enger. In diesem Rahmen wurden im Reich Kurse organisiert, an denen viele ungarndeutsche Jugendliche teilnahmen. 1941 meldeten sich zu „Sportkursen" in Deutschland ca. 1000 schwäbische Jugendliche, die die deutschen Behörden dann überreden sollten,, in die Reihen der SS einzutreten. Damit begann das Einspannen der Schwaben, um Nachschub für das militärische Potential der deutschen Armee zu schaffen. Ministerpräsident Bärdossy und der deutsche Außenminister Ribbentrop vereinbarten 1942, daß die ungarische Regierung die Rekrutierung von ca. 20.000 freiwilligen Schwaben in die deutsche Armee ermöglichen würde. Bärdossy machte geltend, daß nur Freiwillige einberufen werden dürften, in jedem Fall sei die Einwilligung der Eltern einzuholen, die Rekruten würden die ungarische Staatsbürgerschaft verlieren, das Reich müsse für sie beziehungsweise für ihre Angehörigen sorgen, und schließlich wollte man dje ganze Aktion unter Ausschluß der Presse abwickeln. Trotzdem verbreitete sich das Gerücht, dies würde für die ungarische Regierung eine gute Möglichkeit sein, die aktivsten Voiksbundisten loszuwerden. Die Menschen sprachen auch darüber, daß all diejenigen, die in die SS eintreten würden, samt ihren Familien nach Deutschland umgesiedelt werden. Jetzt dachten viele bereits darüber nach, ob es tatsächlich eine gute Entscheidung war, sich anläßlich der Volkszählung von 1941 zur deutschen Nationalität zu bekennen.

(Dieses Problem wiederholte sich tragischerweise in den Jahren nach dem Krieg, als man das Bekenntnis zur deutschen Nationalität der Treue zum Volksbund und gar zu Hitlerdeutschland gleichsetzte.)

Später war von einer freiwilligen Meldung nicht mehr die Rede. Die Schwaben wurden der SS nach der deutschen Besetzung Ungarns praktisch ausgeliefert, ungarische Gendarmen waren bei ihrer Rekrutierung behilflich. Währenddessen behielten die Anführer des Volksbundes ihre Positionen. Der Widerstand der Schwaben konzentrierte sich in erster Linie um Adam Berencz und um seine Zeitung Die Donau. Das Blatt wurde von der ungarischen Regierung 1944 verboten. Die Gestapo verhaftete die Gegner des Volksbundes, so auch Gratz, die Jreuebewegung" konnte jedoch eine bedeutende Untergrundtätigkeit ge^ gen die SS-Aktionen entfalten. Allein deswegen wäre es völlig verfehlt, die Ungamdeutschen kollektiv für-die Untaten des Nazismus verantwortlich zu'machen, aber genauso unzutreffend ist auch die Behauptung, daß das ganze Ungamdeutschtum die Gründung eines eigenen Staates innerhalb des ungarischen Staates angestrebt hätte.

 

3. Nach 1945

Das Kriegsende brachte doppeltes Leid für die Schwaben. Mehrere Zehntausend wurden in Viehwagen zur Zwangsarbeit in Arbeitslager in die Sowjetunion gebracht, wo sie unter unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen gerieten. Die jüngsten waren nicht einmal 17 Jahre alt. Tausende kamen infolge Kälte und Entbehrungen um, ungefähr 20 % der Verschleppten starben. Währenddessen vertiefte sich in Ungarn der Gedanke einer kollektiven Schuldzuweisung. Den Ton gab allen voran die Nationale Bauernpartei an. Der Generalsekretär der Partei Imre Koväcs, behauptete, daß alle Schwaben Voiksbundisten wären, und stellte in seiner Rede vom 10. April 1945 fest: „ Die Schwaben sind mit einem Bündel gekommen. Jetzt sollen sie auch mit einem Bündel gehen. Sie sollen am Schicksal Oer Deutschen teilhaben. Wir werden die Schwaben aussiedeln."DieKommunisten unterstützten diese Gedanken. Der Gesetzentwurf sah vor, den Schwaben, die sich anläßlich der Volkszählung von 1941 als Deutsche bekannt hatten, die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, und verurteilte sie zur Konfiskation und zur Vertreibung.

Es gehört zur Wahrheit, daß es auch auf der Seite Ungarns Proteste gegen die Aussiedlung der Deutschen gab. Der Name von Istväh Bibö soll hier vor allem erwähnt werden, der in einem Memorandum den Gedanken der kollektiven Verantwortung verurteilte und vor Ausschreitungen warnte. Aber nicht nur er, sondern auch die Kirchen ergriffen Partei für die Deutschen. Kardinal Mindszenty erhob in seinem Hirtenbrief seine Stimme im Interesse der Deutschen. Auch andere Parteien, so die Partei der Kleinlandwirte und die Sozialdemokratische Partei, mißbilligten die Aussiedlung. Alles war vergebens, denn die ungarische Regierung hatte die Frage unter Berufung auf das Potsdamer Abkommen bereits entschieden. Diese Entscheidung wurde schon dadurch erleichtert, daß der Alliierte Kontrollrat die Zahl der Deutschen, die in die amerikanische Zone auszusiedeln waren, mit 500.000 angegeben hatte. Niemand weiß genau, woher diese Zahl stammte. In Ungarn lebten höchstens 450.000-500.000 Deutsche, und diese Zahl verringerte sich, Soldaten und Flüchtlinge berücksichtigt, um mindestens 100.000 Personen. Die 1946 begonnene Vertreibung traf massenweise Ungarndeutsche, die nichts mit dem Volksbund oder mit der SS zu tun hatten, denen nur wegen ihrer deutschen Nationalität, ihrer deutschen

Muttersprache dieses Geschick zuteil wurde, oder die gar Mitglieder des Widerstandes waren. Nach den Angaben einer ungarischen Studie aus dem Jahre 1982 wurden ca. 135.000 Personen in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands ausgesiedelt, während die Zahl derjenigen, die in die sowjetische Zone ausgewiesen wurden, ungefähr 50.000-60.000 betrug. Die Schwaben verloren damit ihre gesamte Intelligenz bzw. Führungselite. Die in Ungarn verbliebene deutsche Bevölkerung wurde dadurch praktisch auf eine Stufe zurückgeworfen, die an die Ansiedlungszeit erinnerte: Besitzlos, der Verbindung zur Volksgruppe beraubt, mußten die Familien auf sich allein gestellt von.vorne anfangen. Die Ungamdeutschen waren einer Reihe von Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt, die sowohl politische Diskrimination wie wirtschaftliche Benachteiligungen bedeuteten. Die Folge war eine vollständige wirtschaftliche und soziale Umstrukturierung der deutschen Bevölkerung Ungarns. Die Ungarndeutschen blieben de jure bis 1950 (die Verfassung sicherte 1949 die Gleichberechtigung aller Nationalitäten), de facto bis 1955 entrechtet. 1955 wurde der Kulturverband der Deutschen Werktätigen in Ungarn gegründet, der ab 1969 unter dem Namen Demokratischer Verband Ungamländischer Deutscher, ab 1978 als Demokratischer Verband der Ungamdeutschen, und schließlich ab 1989 - die eingetretenen Veränderungen repräsentierend - als Verband der Ungarndeutschen wirkte. Dies bedeutete zwar eine Wende und das Ende der Entrechtung, die Mehrheit der in Ungarn zurückgebliebenen Deutschen bekannte sich aber - unter der nachhaltigen Einwirkung der erlebten Ereignisse - noch lange Jahre nicht zu der deutschen Nationalität. Bis Anfang der Fünfziger Jahre erhielten die deutschen Kinder überhaupt keinen muttersprachlichen Unterricht, es gab keinerlei deutsche Kulturaktivität. 1961 wurde die gewaltsame Organisierung der Landwirtschaftsproduktionsgenossenschaften abgeschlossen, die eine große Veränderung für die in der überwiegenden Mehrheit in dörflicher Umgebung lebenden Deutschen bedeutete. Es läßt sich generell feststellen, daß in der Nationalitätenpolitik Ungarns bis 1968 das Prinzip des Automatismus vorherrschend war, dem zufolge sich während des Aufbaus des Sozialismus die Nationalitätenprobleme eigentlich von alleine lösen würden.

Ab 1968 läßt sich jedoch ein neues Konzept beobachten, dem zufolge die Integration der Nationalitäten angestrebt, ihre sprachliche Assimilation jedoch verhindert werden soll-M. Das Problem damit war, daß dieses Konzept nur zentrale Regelungsmaßnahmen vorsah, aber die Herausbildung einer autonomen Selbstorganisation auf lokaler Ebene unmöglich machte. Einen aktiveren Auftritt und damit eine Veränderung dieser Betrachtungsweise löste die Tatsache aus, daß die ungarische Öffentlichkeit immer unruhiger die Assimilationspolitik der Nachbarländer seit den Siebziger Jahren beobachtete, die die dortigen ungarischen Minderheiten bedrohte. Dies wurde zum Auslöser der Veränderung der offiziellen ungarischen Betrachtungsweise, indem nun Ungarn die Nationalitätenpolitik der Nachbarländer dadurch in eine positive Richtung zu beeinflussen versuchte, daß es bestrebt war, seine eigenen Nationalitäten .beispielhaft" zu behandeln. Hier spielte die Aufwertung der „Brückenfunktion" eine wichtige Rolle, die in den sozialistischen Ländern die Nationalitäten spielen sollten. Die Kädär-Ära, die die Nationalitätenpolitik scheinbar unterstützte, versuchte im Grunde genommen erst gar nicht die Heilung der Wunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgerissen worden waren. Obwohl das System 1955 die Gründung eines Landesverbandes ermöglicht hatte, achtete es bis Mitte der 80er Jahre strikt darauf, den Bestrebungen nach Selbstorganisation, der Gründung von regionalen und lokalen Organisationen und Vereinen Einhalt zu gebieten. Die Gründung von einheimischen deutschen Zivilorganisationen wurde nicht zugelassen. Die damalige DDR pachtete sich förmlich die Ungarndeutschen im Rahmen von offiziellen Kulturbeziehungen, mit denen auch die unga-nsche Regierurig bei der Stärkung der Beziehungen rechnete. Vor allem im schulischen Bereich kam viel Hilfe, die auch bitter nötig war, da es sowohl an Lehrern wie an Lehrmitteln mangelte. Man soll an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, daß das ungarische wissenschaftliche Leben eine große Hilfe von der ehemaligen DDR erhielt, viele Forscher durften auf eine Studienreise gehen und die ungarischen Germanistikstudenten konnten im Rahmen von zwischenstaatlichen Vereinbarungen ganze Semester an ostdeutschen Universitäten absolvieren. Bedauerlicherweise durfte von derartigen Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland oder zu Österreich erst gar nicht die Rede sein. Erst die in der internationalen Situation eintretenden Veränderungen machten es möglich, daß die Ungamdeutschen auch mit diesen Ländern und mit ihren dort lebenden Verwandten und Familienmitgliedern wieder normale Beziehungen pflegen durften. Die Unterstützung der DDR konnte auf vielen Gebieten Hilfe leisten, die Ungamdeutschen sahen jedoch die DDR nie als ihr Mutterland an. Seit 1986 dräferierte die offizielle ungarische Politik immer intensiver die Anerkennung der BRD als Mutterland. Der Besuch des Staatspräsidenten Richard von Weizsäcker stärkte diese Tendenz weiter.

Ungarn und die BRD unterschrieben am 7. Oktober 1987 einen Vertrag über die Unterstützung der Ungarndeutschen und ihrer Kultur. Partnerschaften und Kulturbeziehungen entstanden, gegenseitige Besuche konnten stattfinden. Die grundlegenden Veränderungen brachten jedoch auch in Ungarn die politischen Ereignisse am Ende der 80er Jahre. Das Wort „Deutsch" klingt wieder gut in Ost-Europa, es kommt immer mehr Hilfe aus den deutschsprachigen Ländern, die auch auf örtlicher Ebene zu schönen Ergebnissen führt. Der zwischen der Ungarischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland am 6. Februar 1992 unterschriebene .Grundvertrag" über die freundschaftliche Zusammenarbeit und Partnerschaft verstärkte diese Veränderungen. Artikel 19 dieses Vertrages regelt detailliert, den europäischen Rechtsnormen entsprechend, die Rechte der einheimischen Minderheiten. Die „gemeinsame Deklaration" von 1987 wurde am 25. September 1992 im Sinne des Grundvertrages für weitere fünf Jahre verlängert. Es kam viel Hilfe aus Deutschland, sowohl in materieller wie in geistiger Hinsicht. Besonders wichtig war diese Hilfe bei der Gründung und der infrastrukturellen Versorgung der Regionalbüros, ebenso unentbehrlich war sie aber auch bei der Verwirklichung der Deutschen Bühne Sexard/Szekszärd oder des Kultur- und Unterrichtszentrums Frankenstadt/Baja, um nur einige Beispiele zu erwähnen. Unbedingt erwähnen muß man auch die Hilfe der deutschen Länder und Stiftungen. Als Beispiel soll hier Bayerns Hilfe bei der Verwirklichung des Nationalitätengymnasiums in Werischwar/Pilisvörösvär angeführt werden oder die Tätigkeit der Düsseldorfer Hermann-Niermann-Stiftung, die vielerorts im Land eine unschätzbare Hilfe zur Modernisierung von Nationalitätenkindergärten und -Schulen gewährte. Das Land Baden-Württemberg spielt eine herausragende Rolle, da es bereits früher die Patenschaft für die nach dem Krieg vertriebenen und ausgesiedelten osteuropäischen Deutschen übernommen hatte und gerade durch diese Verbindung den Ungamdeutschen eine effektive Hilfe gewähren konnte. Um dieses Ziel zu verwirklichen, hat das Land eigens eine Stiftung, die Donauschwäbische Kulturstiflung, ins Leben gerufen. So wurde auch der Wunsch der von ihrer Heimat getrennten Deutschen erfüllt: Sie konnten nun eine Vermittlerrolle zwischen Ungarn und Deutschland spielen.

Nach und nach konnte sich eine bescheidene deutsche Nationalitätenliteratur entfalten. Schwäbische Künstler konnten sich in das kulturelle Leben des Landes einschalten. Die wissenschaftlichen Forschungen - in erster Linie die Dialektologie und Volkskunde - wurden intensiviert, und heute verfügt das Ungamdeutschtum über ein eigenes Forschungsinstitut (siehe unten!). Die organisatorische Pluralisierung der Ungarndeutschen setzte ein, statt des früher einzigen Wochenblatts existieren heute schon mehrere periodische Zeitschriften, es wurden zahlreiche kulturelle und andere Vereine gegründet. Seit 1990 können die Ungamdeutschen - auf lokaler Ebene - bei den Fragen, die ihre Existenz als Nationalität betreffen, mitentscheiden, vielerorts bildeten sich reine Nationalitätenselbstverwaltungen, anderenorts kamen in die örtlichen Selbstverwaltungen Nationalitätenabgeordnete. 1995 entstanden 164 deutsche Selbstverwaltungen. Es zeugt von der gesellschaftlichen Anerkennung der Ungarndeutschen, daß sie im Verhältnis zu ihrer Anzahl im Lande mehr Stimmen anläßlich der lokalen Wahlen erhielten. Im gleichen Jahr wurde auf eigenen Beschluß der Verband der Ungarndeutschen aufgelöst und die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen gegründet. Zwar verabschiedete man noch 1993 das Nationalitätengesetz, doch die parlamentarische Vertretung der Nationalitäten wurde bis zum heutigen Tag nicht verwirklicht. Andererseits ist erfreulicherweise die Verstärkung der Jugendaktivität zu beobachten. Die Gemeinschaft Junger Ungamdeutscher sorgt durch eifrige Organisationsarbeit in allen von Deutschen bewohnten Gebieten Ungarns für den Zusammenschluß der deutschen Jugendlichen in Freundeskreisen bzw. in Örtlichen Vereinen (z. Z. ca. 50 Freundeskreise mit über 1800 Mitgliedern) und organisiert für ihre Mitglieder Jugendlager, Kultur- und Sportveranstaltungen, Wettbewerbe und Ausflüge. Sie nahm Kontakt mit den wichtigsten europäischen Jugendorganisationen auf und arbeitet mit diesen zusammen. Die neueste Jugendorganisation wurde in den letzten Tagen mit dem Namen Verein Ungarndeutscher Studentinnen ins Leben gerufen und organisiert den Zusammensluß der ungarndeutschen Universitäts- und Hochschulstudentinnen. Es gibt auch mehrere vielversprechende Initiativen zur Wiederbelebung der Studentenvereine, die im Vorkriegsungarn über Traditionen verfügten.

 

  
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