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7. Verfassung und Politik in Südosteuropa

 

Die deutsche Siedlung in Ungarn nach den Türkenkriegen und ihre Entwicklung bis 1945 zwingt nach Beispielen der lokalen Selbstverwaltung der deutschen Kolonisten zu fragen. Die bei ihnen im 19. Jahrhundert bestehenden Pläne zu einer überregionalen deutschen Selbstverwaltung sind dabei mitzuberücksich-tigen und ebenso auch die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der deutschen Bevölkerung Ungarns als Antwort auf die Magyarisierungsbestrebungen entstehenden politischen Gruppierungen und Parteien.

Für die politische Arbeit waren vor allem die Zeitungen wichtig. Daher wird das Pressewesen in einem ausführlichen Beispiel vorgestellt. Neben den eingehenden Betrachtungen der fast ausschließlich auf die deutsche Bevölkerung ausgerichteten Entwicklungen ist eine zusammenfassende Darstellung der verfas-sungsmäßigen und politischen Verhältnisse in Ungarn und Südosteuropa an die Seite zu stellen, da die deutsche Bevölkerung seit ihrer Ansiedlung in diese eingebunden war und sich an ihnen mehr oder weniger aktiv beteiligt hat. Die zwischen der deutschen Bevölkerung und den anderen Nationalitäten Südosteuropas bestehenden Beziehungen werden gerade auf diesem Gebiet sehr deutlich.

Immo Eberl

 

1683 Belagerung Wiens durch die Türken und Sieg des Entsatzheeres
2.9.1686 Rückeroberung Ofens
1686 Beginn der Ansiedlung deutscher Kolonisten in Ungarn
1687 Der ungarische Landtag erkennt das Erbrecht des Hauses Habsburg an
1689 Impopulationspatent
1691 Siebenbürgen unter habsburgischer Oberhoheit
11.9.1697 Sieg Prinz Eugens über die Türken bei Zenta
26.1.1699 Frieden von Karlowitz
1703-1711 Kuruzzenaufstand in Ungarn: weitgehende Vernichtung der deutschen Siedlung
1705 Leopold I. +
1705-1711 Joseph I.
30.4.1711 Frieden von Sathmar: Neubeginn der Ansiedlung deutscher Kolonisten in Ungarn
1711-1740 Karl VI. (als König von Ungarn Karl III.)
1718 Frieden von Passarowitz
1722-1723 Preßburger Landtag: Zustimmung zur Pragmatischen Sanktion, damit zur weiblichen Erbfolge; Einladung an deutscheKolonisten zur Ansiedlung in Ungarn
1723-1726 Erster großer Schwabenzug: besonders zahlreiche Einwanderung deutscher Kolonisten
1731 Carolina Resolutio: Einschränkung der Religionsausübung für Nichtkatholiken und ihre Nichtzulassung zu öffentlichen Ämtern
18.9.1739 Frieden von Belgrad
1740-1780 Maria Theresia
1763-1773 Zweiter großer Schwabenzug mit Ansiedlung deutscher Kolonisten
1777 Reform des Schulwesens
1780 Erste Wirtschaftsschule der Welt für Bauernkinder in Szarvas
1780-1790 Joseph II.
1781 Toleranzedikt: freie Religionsausübung und Zulassung von Nichtkatholiken zu öffentlichen Ämtern
1781 Konzivilitätsdekret
1782-1787 Dritter großer Schwabenzug: Ansiedlung deutscher Kolonisten
1785 Aufhebung der Komitatsverwaltung und Verzeichnung der adeligen Güter
1785 Abschaffung der erblichen Leibeigenschaft
1785-1787 Erste offizielle Volkszählung
28.1.1790 Joseph II. zieht seine Erlasse bis auf das Toleranzedikt und die Verordnung über die Leibeigenschaft zurück
1790-1792 Leopold ll.
1792-1835 Franz I.
1804 Entstehung des Kaiserreichs Österreich
1805 Gesetze werden in ungarischer und lateinischer Sprache veröffentlicht
1806 Kaiser Franz verzichtet auf die Stellung als Kaiser des Hl. Rom. Reichs deutscher Nation
1809 Napoleon ruft Ungarn zum Abfall von Habsburg auf
1815 Wiener Kongreß
1835-1848 Ferdinand I.
1844 Gesetz über die Einführung der ungarischen Sprache als Amtssprache
5.1.1847 Die Opposition fordert das Vertretungsrecht der Nichtadeligen an den Munizipien, Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebungder Reallasten gegen Ablösung
15.3.1848 Revolution in Pest
7.4.1848 Regierung Graf Ludwig Batthyäny. Ernennung des ersten unabhängigen verantwortlichen ungarischen Ministeriums
1848-1916 Franz Joseph I.
13.12.1848 Der kaiserliche Oberbefehlshaber Windischgraetz überschreitet die ungarische Grenze
14.4.1849 Unabhängigkeitserklärung: Entthronung des Hauses Habsburg
15.-18.6.1849 Russische Truppen überschreiten die ungarische Grenze
11.8.1849 Ludwig Kossuth dankt ab
13.8.1849 Kapitulation bei Vilägos
1849-1850 Feldmarschall Haynau verwaltet Ungarn
1851-1867 Absolutismus: Nochmaliger Versuch, Ungarn in einen zentralisierten Gesamtstaat zu integrieren
1867-1871 Regierung Graf Andrässy
1867 Österreichisch-ungarischer Ausgleich
8.6.1867 Franz Joseph wird zum ungarischen König gekrönt
1868 Kroatisch-ungarischer Ausgleich
1868 Nationalitätengesetz
1873 Vereinigung von Pest, Buda und Obuda zu Budapest
1896 Milleniumsfeierlichkeiten
1898 Ortsnamengesetz: alle Orte in Ungarn müssen ungarische Namen tragen
1902 Gründung des Landesverbandes der Industriellen
1906 Gründung der Ungarländisch-Deutschen Volkspartei
28.6.1914 Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet
1914-1918 Erster Weltkrieg
21.11.1916 Kaiser Franz Joseph +
1916-1918 Kaiser Karl (als ungarischer König Karl IV.)
16.10.1918 Völkermanifest Kaiser Karls
29.10.1918 Kroatien trennt sich von Ungarn
31.10.1918 Michael Károly wird Ministerpräsident: weitgehende Zugeständnisse an die Nationalitäten
3.11.1918 Waffenstillstand
16.11.1918 Ungarn löst sich von Österreich und wird Republik
24.11.1918 Gründung der Kommunistischen Partei Ungarns
1919 Proklamierung der Räteregierung: Verstaatlichungen
24.7.1919 Einmarsch Rumäniens
14.11.1919 Die rumänischen Truppen verlassen Budapest, Übernahme der Regierung durch Nikolaus Horthy
1.3.1920 Nikolaus Horthy Reichsverweser
4.6.1920 Friedensvertrag von Trianon. Ungarn verliert 13,3 Millionen Einwohner. Der Anteil der Magyaren an der BevölkerungUngarns liegt bei 89,5 % und der Deutschen bei 6,9 %
1921 Vergebliche Rückkehrversuche König Karls IV.
1921-1931 Regierung Graf Bethlen: seit 1926 Revisionspolitik. 1927 Freundschaftsvertrag Ungarn-Italien
1932-1936 Regierung Gömbös: 1934 Deutsch-ungarisches Wirtschaftsabkommen
2.11.1938 Erster Wiener Schiedsspruch: ein Teil der Slowakei fällt an Ungarn zurück
30.8.1940 Zweiter Wiener Schiedsspruch: Nordsiebenbürgen fällt an Ungarn zurück
27.6.1941 Ungarn erklärt der UdSSR als Verbündeter des Deutschen Reichs den Krieg
19.3.1944 Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen
15.10.1944 Versuch des Reichsverwesers Horthy, den Kampf einzustellen, führt zu seiner Absetzung und die Machtübernahme durchdie Pfeilkreuzler
13.2.1945 Eroberung Budapests durch die Rote Armee

 

1a. Markgraf Ludwig Wilhelm I. von Baden-Baden (1677-1707) gen. der Türkenlouis

Um 1700.  Ganzfigurenportrait (Ausschnitt);

Frans van Stampart zugewiesen

Öl auf Leinwand; 231,7cm x 139,5cm

Privatbesitz

Geb. Paris 8. April 1655 als Sohn des Erbprinzen Ferdinand Maximilian von Baden-Baden und der Luise Christiane von Savoyen-Carig-nan (Schwester des Vaters Eugens von Sa-voyen), t Rastatt 4. Januar 1707. Er übernahm die Regierung von seinem Großvater, Wilhelm I., 1677.

Der Beiname Türkenlouis begleitet den Markgrafen von Baden-Baden seit dem Sieg, den er über die Türken bei Slankamen nahe dem Zusammenfluß von Theiß und Donau 1691 errang. Obwohl er auch an militärischen Erfolgen im spanischen Erbfolgekrieg beteiligt war, liegt doch der Schwerpunkt seiner Leistungen 1682 Feldmarschall nahm er nacheinander teil an der entscheidenden Schlacht am Kahlen-berg 1683, durch die Wien befreit wurde, und an der Einnahme von Ofen (1686), womit die Habsburgerden mittleren Donauraum eroberten. Ludwig Wilhelm hat sich auch als Stadtgründer einen Namen gemacht. Er ließ in seinem Territorium Stadt und Schloß Rastatt bauen. Hierher legten die Besatzungsmächte nach 1945 das Notaufnahmelager für die Flüchtlinge aus dem Südosten und die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge und Aussiedler in Baden-Württemberg (ab 1960).

Literatur: K. J. Bauer, Ludwig Wilhelm, Mark graf von Baden, «der Türkenlouis«, Heidel berg 1904; E.Petrasch und E.Zimmermann, Der Türkenlouis. Katalog zur Ausstellung zum 300. Geburtstag des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, Karlsruhe 1955; Ludwig Wilhelm I., in: Biograph. Lexikon zur Geschichte dosteuropas, hg. von Mathias Bernath, Bd. 3, München 1979, S. 56 f.     

Ute Richter

7.1a

 

2. Franz Joseph I., Kaiser von Österreich (1848-1916) und König von Ungarn (1867-1916)

1908; Portraitphotographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Geb. Schloß Schönbrunn 18. August 1830, t Schloß Schönbrunn 21. November 1916, Eltern: Erzherzog Franz Carl und Sophie von Bayern.

Das Photo wurde 1908 aus Anlaß des 60. Regierungsjubiläums des Kaisers aufgenommen. Die Regierungszeit Franz Josephs war geprägt von Auseinandersetzungen um das habsburgische Territorium. Als er 1848 den Thron bestieg, sein Vater hatte auf die Nachfolge verzichtet, sah Franz Joseph nur in der Gewalt die Möglichkeit der um Freiheit und Demokratie rebellierenden Ungarn Herr zu werden, ohne seine Macht zu verlieren. Ungarn blieb ständiger Krisenherd. Auch im eigenen Land hatte er sich weiterhin mit Forderungen nach Demokratie auseinanderzusetzen. Nach der Schlacht von Königgrätz und dem damit verbundenen Hinausdrängen aus dem Deutschen Bund durch Preußen war der Kaiser gezwungen, sich mit dem Südosten zu arrangieren, wenn er nicht ein Auseinanderbrechen der Donaumonarchie riskieren wollte. So kam es 1867 zum Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn. Dieser verhinderte allerdings nicht die weitere Entfremdung der slawischen Bevölkerung vom Gesamtstaat. Deren Konsequenz zu sehen, ist ihm durch seinen Tod erspart geblieben. Im Gegensatz zu dem 1914 ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand hatte er keine Absichten, den österreichisch-ungarischen Dualismus durch einen österreichisch-ungarisch-slawischen Trialis-mus zu ersetzen.

Literatur: P. Hanák, Der Österreich-ungarische Ausgleich 1867, außen-, innen- und wirt schaftspolitisch gesehen. Donauraum. Gestern, heute, morgen, Wien 1967; P. Hanäk, Die Stellung Ungarns in der Monarchie. Probleme der Franzisko-Josephinischen Zeit 1848-1916, Wien 1967.               

Ute Richter

 

7.2

 

3. Franz Deák (1803-1876), ungarischer Reformpolitiker

Portraitphotographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Franz Deäk, den man später den »Weisen des Vaterlandes« nannte, ist wohlder bedeutendste Politiker Ungarns im 19. Jahrhundert gewesen. Während Kossuth radikal seine sozialistischen Ideen zu verwirklichen suchte, war es Deäks Verdienst, die liberalen Richtungen Ungarns zu einigen und ihnen ein einheitliches Programm zu geben. Auf ihn geht die liberale Konzeption der ungarischen Verfassung von 1847/1848 zurück. Unter der 1848 neu gebildeten Regierung war Deäk Justizminister, folgte aber nicht den Revolutionären nach Debreczen, sondern zog sich zunächst aus der Politik zurück, ohne freilich weiterhin die Lösung der ungarischen Frage aus den Augen Ausgleich geht in seinen Gedanken letztlich auf ihn zurück. Deäk gilt als gemäßigter Reformer, der selbst über seinen mittelbaren Erfolg sagte: Was Gewalt und Macht rauben, können Zeit und Glück wiederherstellen.

Literatur: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. 3 (Die Völker des Reiches), hg. v. A. Wandruszka und P. Urbanitsch, Wien 1980, S. 372 ff.                                          

Ute Richter

 

7.3

 

4. Jugoslawien (1914) 1918-1945

 

1914 Unter dem emigrierten Reichsratsabgeordneten Dr. Ante Trumbic aus Kroatien bildete sich in London ein Juqoslawisches Komitee
20.7.1917 Pakt von Korfu zwischen dem Jugoslawischen Komitee und der serbischen Exilregierung: Königreich der Serben Kroatenund Slowenen unter der serbischen Königsfamilie geplant
Okt. 1918 Nationalrat in Agram fordert südslawischen Nationalstaat, Bildung einer Landesregierung, Verbindung zu Ungarn gelöst
3.11.1918 Schwäbischer Nationalrat für die südungarischen Gebiete gebildet
25.11.1918 Serbische Nationalversammlung in Neusatz erklärt das Banat, die Batschka und die Branau von Ungarn gelöst
1.11.1918 Zusammenschluß des Kroatisch-slowenischen Staats mit dem Königreich Serbien, dem sich bereits im NovemberBosnien-Herzegowina und Montenegro angeschlossen hatte, zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen
17.11.1918-18.6.1919 Temeschburg besetzt
8.12.1918 Schwäbische Nationalversammlung in Temeschburg protestiert gegen das Vorgehen der Serben und Rumänen in Sudungarn
Januar 1919 Ministerpräsident Protic vespricht deutscher Abordnung Kulturautonomie. Deutsch wird Unterrichtssprache an Volks- und Bürgerschulen in Werschetz
1919 In Paris erhält der südslawische Staat etwa ein Drittel des Banats, die Batschka und den südlichen Teil der Branau
10.9.1919 Jugoslawien verpflichtet sich zum Minderheitenschutz
6.10.1919 Deutsche Oberrealschule in Werschetz
25.10.1919 Tageszeitung »Deutsches Volksblatt« in Neusatz
21.5.1920 Gymnasium Neuwerbaß wird deutsche Anstalt
20.6.1920 Schwäbisch-Deutscher Kulturbund in Neusatz gegründet
20.7.1920 Wahlgesetz der Nationalversammlung: wahlberechtigt waren Männer über 21 Jahre
1920/1921 Kleine Entente mit der Tschechoslowakei und Rumänien
20.8.1920 Schulprogramm des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes im Unterrichtsministerium überreicht
27.8.1920 Verstaatlichung des gesamten Schulwesens
28.6.1921 Zentralistische Verfassung: Auflösung der den historischen Ländern entsprechenden Verwaltungsgebiete
14.7.1921 Auf deutschen Einspruch Schließung der ersten Klassen an allen deutschen Gymnasien rückgängig gemacht
16.8.1921 Tod König Peters I., Nachfolger Alexander I.
1.9.1921 Deutsche Parallelabteilung an staatlichen Gymnasien in Neusatz und Pantschowa
1.10.1922 Landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft in Neusatz
17.12.1922 Partei der Deutschen in Hatzfeld gegründet
18.3.1923 Die Parlamentswahlen zur Skupstina ergeben acht deutsche Abgeordnete
9.2.1925 Wahl zur Skupstina ergibt nur fünf deutsche Mandate
Januar 1927 Landwirtschaftliche Zentraldarlehenskasse in Neusatz
11.9.1927 Wahl zur Skupstina ergibt sechs deutsche Mandate
1.12.1927 Das katholische Kirchenblatt >Der Familienfreund« erscheint
1928 Höhepunkt in der Dauerkrise des Landes. Parteiführer der antizentralistischen Kroatischen Bauernpartei Stiepan Radic erschossen. Separatistischer Landtag in Agram
6.1.1929 König Alexander I. löst Parlament und Parteien auf und setzt Verfassung außer Kraft; Beginn der sog. Königsdiktatur
3.10.1929 Neuer Staatsname: Jugoslawien
28.8.1930 Schwäbisch-Deutscher Kulturbund vom Ministerrat genehmigt
19.11.1930 Verfassung der Deutsch-Evangelischen Christlichen Kirche A.B. wird Staatsgesetz
1931 Deutsch-Evangelische Landeskirche konstituiert: Landesbischof Dr. Philipp Popp, Kirchenpräsident Dr. Wilhelm Roth
29.6.1931 Schulstiftung der Deutschen in Neusatz gegründet
3.9.1931 Ende der Königsdiktatur
8.11.1931 Wahl zum Parlament ergibt nur ein deutsches Mandat
11.10.1931 Private Deutsche Lehrerbildungsanstalt in Groß-Betschkerek eröffnet
23.1.1933 Stundentafel für die deutschen Klassen der höheren Volksschule
Februar 1933 Visitationsreise von Bischof Wilhelm Berning (Osnabrück) zu den deutschen Katholiken in Jugoslawien
ab 1933 Auseinandersetzungen in der deutschen Volksgruppe
26.9.1933 Deutsche Lehrerbildungsanstalt nach Neuwerbaß verlegt
1.5.1934 Handelsvertrag mit dem Deutschen Reich, daraufhin Deutsches Reich in Einfuhr und Ausfuhr Jugoslawiens an ersterStelle
9.10.1934 Alexander I. bei einem Staatsbesuch in Marseille durch Angehörige der Ustasabewegung Ante Pavelics aus Kroatienermordet; sein minderjähriger Sohn Peter II. steht vorläufig unter Regentschaft
5.5.1935 Wahl zum Parlament ergibt zwei deutsche Mandate
22.6.1935 Wochenblatt >Die Donau« in Apatin beginnt als Sprachrohr der Katholischen Aktion unter Adam Berenz den Kampf gegenNeuheidentum und Nationalsozialismus
13.12.1937 Zentraldarlehenskasse kauft Schloßgut in Futok, das zum Schulgut und zum Schulungszentrum der deutschen Volksgrup-pe ausgebaut wird
30.5.1939 Sammlung für die deutsche Schulstiftung beginnt auf einer Großkundgebung in Apatin
5.7.1939 Rüstungskredit des Deutschen Reichs für Jugoslawien
26.8.1939 Ausgleich zwischen der jugoslawischen Regierung und den Kroaten
28.3.1940 Dr. Georg Graßl, Präsident der deutschen Schulstiftung, und Landesbischof Dr. Philipp Popp zu Senatoren ernannt
23.8.1940 Private Deutsche Lehrerbildungsanstalt vom Ministerrat gesetzlich anerkannt
23.8.1940 Deutsches Vollgymnasium in Neuwerbaß genehmigt
12.12.1940 Durch Vermittlung des Deutschen Reichs Freundschaftsvertrag mit Ungarn
25.3.1941 Beitritt zum Dreimächtepakt
27.3.1941 Militärputsch stürzt Regentschaft für Peter II.
6.4.1941 Angriff des Deutschen Reichs auf Jugoslawien, der zum Waffenstillstand führte (17.4.1941), und Besetzung des Landes.Jugoslawien löst sich auf. Serbien unter Militärverwaltung, Kroatien und Montenegro selbständig. Abtretungen an Italien,Ungarn, Deutschland, Bulgarien. Peter II. und die Regierung begibt sich nach London
21.6.1941 Gesetz über die Rechtsstellung der deutschen Volksgruppe in Kroatien
4.7.1941 Kommunistische Partei Jugoslawiens beginnt bewaffnete Aktionen: Partisanen unter Josip Broz-Tito
30.9.1942 Umsiedlung von Angehörigen der deutschen Volksgruppe aus bestimmten Gebieten Kroatiens (Gottschee)
6.8.1943 Verordnung über die Rechtsstellung der deutschen Volksgruppe im Banat und in Serbien
15.12.1943 UdSSR erkennt die provisorische Regierung Titos an
16.6.1944 Exilregierung schließt Abkommen mit Tito
September/Oktober Die Evakuierung der Donauschwaben beginnt, doch gelingt es nicht mehr, alle Einwohner der Batschka und des Banats
1944 rechtzeitig aus dem Gefahrenbereich zu bringen
20.10.1944 Einnahme Belgrads durch die Rote Armee. Das Nationalkomitee übersiedelt dorthin, während Peter II. nicht nach Belgradzurückkehrt
ab Herbst 1944 Enteignung und Entrechtung der Deutschen in Jugoslawien
1944/1945 Einweisung der Deutschen in Jugoslawien in Internierungslager
11.11.1945 In der Wahl erhält die Volksfront rund 90 % der Stimmen
29.11.1945 Jugoslawien zur föderativen Volksrepublik ausgerufen

 

5. Jugoslawien: Die deutschen Abgeordneten in der Skupstina

1923

Photographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Die Aufnahme zeigt die acht deutschen Abgeordneten in der Skupstina: (I.Reihe sitzend von links nach rechts) Prof. Josef Täubel, Dr. Hans Moser, Dr. Stefan Kraft, Pfarrer Samuel Schumacher, Dr. Simon Bartmann, (2. Reihe von links nach rechts) Dr. Wilhelm Neuner, Franz Schauer und Peter Heinrich.

 

5a. Franz Hamm (1900-1988), Kirchenpräsident der Batschka und deutscher Parlamentarier in Belgrad und Budapest

1980

Photographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Franz Hamm aus Neuwerbass hat seine grundlegende Ausbildung auf dem dortigen Gymnasium erhalten. Er studierte an der Hochschule für Welthandel in Wien und an der Handelshochschule in Mannheim. Anschließend war er beim »Deutschen Volksblatt« in Neusatz tätig. Er wurde Präsidialmitglied des Jugoslawischen Presseverbandes, Gemeinderat in Neusatz und aufgrund seiner aktiven Tätigkeit in der Deutschen Evangelischen Kirche in Jugoslawien auch bald in den Gremien in führendere Positionen berufen. Er wurde 1938 Abgeordneter in Belgrad, 1941 nach der Auflösung Jugoslawiens und Besetzung der Batschka und der Branau durch Ungarn weltlicher Präsident der ebenfalls geteilten Deutschen Evangelischen Kirche im ehemaligen Jugoslawien in diesen Gebieten und 1942 auch Abgeordneter im Budapester Parlament. Trotz gesundheitlicher Belastung hat er sich in diesen Jahren nicht geschont und mußte als überzeugter Christ auch noch gegen die nationalsozialistischen Kräfte auf seinen Ansichten beharren. Die Vertreibung und Flucht stand am Ende dieses ersten Lebensabschnittes, die Franz Hamm nicht nur Heim und Heimat, sondern auch die erste Ehefrau nahm.

Trotz dieser persönlichen Belastungen hat er nicht gezögert, sich sofort der Fürsorge für die geflüchteten Landsleute aus der Batschka in Österreich anzunehmen. Er hat diese Tätigkeit im evangelischen Pfarramt in Salzburg begonnen und als Leiter des Hilfskomitees für die Deutsche Evangelische Landeskirche in Jugoslawien in Stuttgart fortgeführt, dessen Gründung er angeregt hatte. Er hat seine Fürsorge für die Arbeit dieser Organisation auch fortgesetzt, als er beruflich Referent im Vertriebe-nenministerium der neuentstandenen Bundesrepublik Deutschland geworden war. Er wurde 1949 Vorsitzender des von ihm mitbegründeten Südostdeutschen Kulturwerks, das er 25 Jahre hindurch leiten sollte und im gleichen Jahr auch Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Jugoslawien, was er bis 1958 blieb, um dann zum Bundes-Ehrenvorsitzenden der Landsmannschaft zu werden. Mit Franz Hamm starb am 5. August 1988 nicht nur eine der markantesten Persönlichkeiten der Donauschwaben aus Jugoslawien, sondern auch einer der führenden Köpfe der Erlebnisgeneration. In diesem Zusammenhang ist an der Mitwirkung Hamms bei der Gestaltung und Unterzeichnung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen am 5. August 1950 in Stuttgart hinzuweisen.

Literatur: Georg Wild, Die Deutsche Evangelische Kirche in Jugoslawien 1918-1941, München 1980; Franz Hamm. Festschrift zum 80. Geburtstag, hrsg. von Georg Wild (f), München 1981; der Nachlaß von Franz Hamm befindet sich aufgrund der Schenkung von Dr. Herbert Hamm jun. im Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen; für zahlreiche Hinweise ist Herrn Konrektor a. D. Friedrich Binder, Tübingen, und dem Haus der Donauschwaben in Sindelfingen ganz besonders zu danken.

Immo Eberl

 


7.5 7.5a

 

6. Rumänien 1918-1945

7,4.1918 Anschlußerklärung von Bessarabien an Rumänien, dessen deutsche Minderheit sich dadurch erhöhte
28.11.1918 Bukowina mit Rumänien vereint. Die deutsche Bevölkerung stimmt dieser Erklärung durch ihren Volksrat zu
1.12.1918 Nationalversammlung der Rumänen in Karlsburg-Weißenburg: Beschluß der Union Siebenbürgens mit Rumänien
Januar 1919 Gründung der Schwäbischen Autonomiepartei durch Dr. Kaspar Muth und Prälat Blaskowitsch
8.1.1919 Deutsch-sächsischer Nationalrat in Mediasch: Zustimmung zur Union Siebenbürgens mit Rumänien
März 1919 Gründung der Deutsch-schwäbischen Volkspartei
8.5.1919 Gründung des Deutsch-schwäbischen Kulturverbandes
21.6.1919 Aufteilung des Banats durch die Pariser Friedenskonferenz. Rumänien erhält etwa zwei Drittel des Banats. Die Deutsch-schwäbische Volkspartei mit der Angliederung an Rumänien einverstanden
9.12.1919 Rumänien unterzeichnet Minderheitenschutzvertrag: Autonomiezusage
1921 Agrarreform, die den Großgrundbesitz ausschaltet
1921 Bündnisse Rumäniens mit der Tschechoslowakei (23.4.), Jugoslawien (5.6.) und Polen (3.3.) als kleine Entente
13.3.1921 Gründung der Deutsch-schwäbischen Volksgemeinschaft
18.9.1921 Gründung des Verbandes der Deutschen in Rumänien
20.7.1927 Tod König Ferdinands I.; Nachfolger wird sein Enkel Michael
1929 Regierung Maniu gibt zentralistische Politik auf und errichtet sieben Regionen, die weitgehend den historischen Ländernentsprachen (Bukarest, Czemowitz, Kischinev, Klausenburg, Craiova, Jassy und Temeschburg)
6.6.1930 Die Nationalversammlung ruft den aus der Verbannung zurückgekehrten Karl, Vater König Michaels, zum König Karl II. aus
1931-1932 In Regierungen Nikolaus lorga und Alexander Vajda-Voevod: Rudolf Brandsch Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen
1934 Balkanpakt mit der Türkei, Griechenland und Jugoslawien. Polen, Rumänien und die UdSSR garantieren sich ihreGrenzen, Verzicht der UdSSR auf Bessarabien
10.2.1935 Gründung der Deutschen Volkspartei Rumäniens
26.6.1935 Fritz Fabritius zum Vorsitzenden des Verbandes der Deutschen in Rumänien gewählt
10.2.1938 Königsdiktatur Karls II. Unterdrückung der »Eisernen Garde- Codreanus
23.3.1939 Abkommen mit dem Deutschen Reich über Erweiterung des deutsch-rumänischen Warenaustausches
26.6.1940 Ultimatum der UdSSR an Rumänien zur Abtretung der Nordbukowina und Bessarabiens. Rumänien nimmt das Ultimatumauf deutschen Rat an (27.6.). Umsiedlung aus Bukowina, Bessarabien und Dobrudscha
Anfang Juli 1940 Karl II. ersucht das Deutsche Reich um eine Garantie der rumänischen Grenzen und um die Entsendung einer deutschenHeeresmission
30.8.1940 Zweiter Wiener Schiedsspruch: Nordsiebenbürgen mit 43500 km2 und 2,5 Millionen Einwohnern an Ungarn abzutreten.
  Dafür garantiert das Deutsche Reich die neuen Grenzen
4.9.1940 Generalstabschef Ion Antonescu zum Staatsführer berufen
6.9.1940 Abdankung Karls II. Nachfolger wird wieder König Michael I., der Marschall Antonescu diktatorische Vollmachten überträgt
September 1940 Andreas Schmidt zum deutschen Volksgruppenführer ernannt
20.11.1940 Deutsche Volksgruppe zur juristischen Person öffentlichen Rechts erklärt
23.11.1940 Beitritt zum Dreimächtepakt
21.-23.1.1941 Putsch der »Eisernen Garde« wird von Antonescu niedergeschlagen
22.6.1941 Eintritt in den Krieg gegen die UdSSR, um Bessarabien und die Nordbukowina zurückzugewinnen
August 1941 Das Gebiet zwischen Dnjestr und Bug als Provinz Transnistrien gewonnen
ab 1943 Verbindungen Rumäniens zu den Alliierten, um einen Sonderfrieden zu erreichen
20.8.1944 Die Rote Armee dringt in Rumänien ein
23.8.1944 König Michael stürzt Marschall Antonescu, läßt ihn verhaften und befiehlt Einstellung des Kampfes
12.9.1944 Waffenstillstandsvertrag in Moskau: Bessarabien und Nordbukowina gehen neuerlich verloren, 300 Millionen DollarReparationen an die UdSSR. Krieg gegen Deutschland
Januar/Februar 1945 Deportation von Angehörigen der deutschen Minderheit in die UdSSR
6.3.1945 Dr. Petru Groza, Vorsitzender der den Kommunisten eng verbundenen Partei der »Front der Pflügers Ministerpräsident.Der Weg des Landes zur Volksdemokratie sowjetischer Prägung vorgezeichnet. Schon im Laufe des Jahres 1946übernahm die Kommunistische Partei die vollständige Macht im Land
30.12.1947 Abdankung König Michaels und Proklamation der Volksdemokratie

 

7. Rudolf Brandsch (1880-1953), siebenbürgisch-sächsischer Politiker

Portraitphotographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Brandsch war führend in der europäischen Nationalitätenpolitik. Nach seiner Tätigkeit als Lehrer und Pfarrer in Siebenbürgen wurde er Abgeordneter im Budapester Parlament (1910-1918) und in der Bukarester Nationalversammlung (1919-1933). Er war 1931/1932 in Rumänien als Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen tätig. Brandsch hatte 1922 den »Verband der Deutschen Volksgruppen in Europa« gegründet und war bis zu seinem Eintritt in die rumänische Regierung dessen Präsident. 1953 wurde er ohne nähere Begründung verhaftet und starb während der Haftzeit.

Literatur: K. Keßler, Rudolf Brandsch. Ein südostdeutscher Volksmann, (Veröffentlichung des Südostdeutschen Kulturwerks, Reihe B. 25. München 1969); E. Eisenburger, Rudolf Brandsch, Cluj-Napoca 1983.        

Ute Richter

 

 

8. Tschechoslowakei 1918-1945

Tafel

31.5.1918 Vertrag von Pittsburgh zwischen Tschechen und Slowaken: Autonomie für diese
28.10.1918 In Prag wird die tschechische Republik ausgerufen
13.11.1918 Die Deutschen in Böhmen und Mähren erklären sich gemäß der deutsch-österreichischen Nationalversammlung als Teildes Deutschen Reiches
4.3.1919 Verbot, an den Wahlen zur Nationalversammlung Deutsch-Österreichs teilzunehmen. Generalstreik und Massendemon-strationen.
2.11.1919 Gründung des Deutschen Kulturverbandes (DKV) in der Tschechoslowakei
24.1.1920 Gründung der Zipser Deutschen Partei in Käsmark
1920 Kleine Entente zwischen Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien, später auch Frankreich
Mitte 1921 Der Deutsche Kulturverband hat 180000 Mitglieder
25.11.1922 Leutschau verliert den Sitz des Verwaltungszentrums. Die Zips wird geteilt in Oberzips und Unterzips
30.9.1923 Bezirkswahlen: Die Zipser Deutsche Partei erhält 10 Sitze
6.7.1925 Hus-Tag wird Staatsfeiertag
15.11.1925 Die Zipser Deutsche Partei entsendet gemeinsam mit dem Bund der Landwirte, der Deutschen Gewerbepartei und derMagyarischen Nationalpartei einen Abgeordneten ins Prager Parlament
Mai 1929 Der Slowakenführer Tuka wird zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt
1929 Gründung der Karpatendeutschen Partei
März 1931 Die Tschechoslowakei lehnt eine Zollunion zwischen dem Deutschen Reich und Österreich ab
1933 Der vom Deutschen Reich beeinflußte Nationalsozialismus beginnt einzuwirken
4.10.1933 Sudetendeutsche Heimatfront unter Konrad Henlein
November 1934 Studentenunruhen in Prag, als die Universitätsinsignien der deutschen Universität an die tschechische ausgeliefert werdenmüssen
29.4.1935 Verbot des Namens Sudetendeutsche Heimatfront
30.4.1935 Umwandlung der Sudetendeutschen Heimatfront zur Sudetendeutschen Partei
19.5.1935 Wahlerfolg der Sudetendeutschen Partei: sie erhält zwei Drittel aller deutschen Stimmen
1935-1938 Ingenieur Sigmund Keil aus Schwedler (Karpatendeutsche Partei) Mitglied des Prager Senats
16.10.1937 Konrad Henlein fordert Autonomie der 3,5 Millionen Deutschen
Mai 1938 Gemeinderatswahlen in der Tschechoslowakei: die Sudentendeutsche Partei erhält ca. 92 % der abgegebenen deutschenStimmen
29.9.1938 Münchner Abkommen der Großmächte Deutsches Reich, Großbritannien, Italien und Frankreich: die sudetendeutschenGebiete werden an das Deutsche Reich abgetreten. Die neugebildete tschechoslowakische Regierung lehnt sichaußenpolitisch an das Deutsche Reich an
6.10.1938 Autonomie für die Slowakei: Ministerpräsident Josef Tiso
8.10.1938 Autonomie für die Karpatho-Ukraine
November 1938 Einmarsch der Ungarn in die Südslowakei
15.3.1939 Auflösung der Tschechoslowakei: Böhmen und Mähren Protektorat des Deutschen Reiches, Slowakei und Karpatho-Ukraine selbständig
18.3.1939 Schutzvertrag der Slowakei mit dem Deutschen Reich
1939 Gründung der Volksgruppe der Karpatendeutschen (Sitz Preßburg; Volksgruppenführer war Staatssekretär Ingenieur Franz Karamsin)
31.3.1939 Gebietsabtretungen der Slowakei an Ungarn
21.7.1939 Verfassung der Slowakei: Parlament mit 80 Abgeordneten und ständestaatlichen Zügen. Staatsrat mit 18 Mitgliedern, einerdavon Vertreter der Deutschen. Als Parteien zugelassen: die Slowakische Volkspartei und die Deutsche sowie dieMagyarische Partei, die bald darauf den Charakter von nationalen Sektionen der slowakischen Staatspartei annahmen
5.9.1939 Die Slowakei tritt in den Krieg gegen Polen ein
26.10.1939 Tiso Staatspräsident der Slowakei
1940 Deutsche Partei der Slowakei: 120Ortsgruppen mit 57000 Mitgliedern
26.11.1940 Schulgesetz der Slowakei: deutsche Schulautonomie
24.6.1941 Slowakei im Krieg gegen UdSSR
November 1942 Die Deutsche Partei der Slowakei stellt statt bislang zwei vier Abgeordnete
12.5.1943 Zustimmung der USA, daß die Tschechoslowakei nach Kriegsende ihre Westgrenze von vor 1938 zurückerhält, und diedeutsche Bevölkerung aussiedelt
6.6.1943 Zustimmung der UdSSR zu diesem Plan der Exilregierung
18.8.1944 Rote Armee überschreitet ehemalige Grenze der Tschechoslowakei
29.8.1944 Aufstand im Industriegebiet von Neusohl im Oktober von deutschen Truppen niedergeschlagen
September 1944 Beginn der Evakuierung der Deutschen aus der Zips, die bis Ende Januar 1945 durchgeführt wurden
23.1.1945 Deklaration des slowakischen Parlaments betont Selbstbestimmung der slowakischen Nation
17.2.1945 Minister Nemec übernimmt nach Rückzug der deutschen Truppen mit slowakischem Nationalrat in Kaschau Regierungs-geschäfte
18.-20.3.1945 Benes verhandelt in Moskau über die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei
5.5.1945 Aufstand in Prag. Beginn der Vertreibung der deutschen Bevölkerung (2,3 Mill. Flüchtlinge), die von blutigen Exzessenbegleitet wird (500000 Tote)
25.5.1945 Benes kehrt nach Prag zurück. Die Slowakei wird der Prager Regierung unterstellt
29.6.1945 Die Tschechoslowakei tritt die Karpatho-Ukraine an die UdSSR ab

 

9. Käsmark/Zips. Holzkirche

Innenansicht

Photographie

Privatbesitz

Die protestantische Pfarrkirche wurde 1717 nach dem Muster der schlesischen Gnaderkirche errichtet, wobei das für den Steinbai, geltende System für den Holzbau übernommen wurde.

Literatur: J. Hefty, Die Käsmarker Holzkirche. Käsmark 1933; O. Schürer-E. Wrese, Deutsche Kunst in der Zips, Brünn-Wien-Leipzig 1938.                                              

Ute Richter

 

7.9

 

10. Rußland und die deutschen Kolonisten 1762-1945

1762-1796 Katharina II.
4.12.1762 Kolonisten zur Ansiedlung in Rußland eingeladen
1763 Die Zarin wiederholte ihren Aufruf mit dem Versprechen weitgehender Privilegien (z. B. Befreiung vom Militärdienst) für dieKolonisten. Deutsche Kolonien an der Wolga
1767 Einberufung einer Gesetzgebenden Kommission von 564 Abgeordneten, unter ihnen auch 14 Deutsche aus dem Baltikum
1768-1774 Russisch-türkischer Krieg: Besetzung der Moldau und der Walachei
1772 Erste Teilung Polens
21.7.1774 Frieden von Kütschük Kainardsche: Rußland erhält Zugang zum Schwarzen Meer, Gebiete in Nordkaukasien und dasInterventionsrecht zugunsten der griechisch-orthodoxen Kirche in der Türkei
1783 Einverleibung der Krim
1787-1792 Zweiter Türkenkrieg im Bund mit Österreich. Rußlands Grenze am Dnjestr
1793 Gründung der Hafenstadt Odessa
1793 Zweite Teilung Polens: Rußland erwirbt Teile Litauens, Wolhynien und Podolien
1794 Freiheitskampf der Polen niedergeschlagen und Warschau erobert
1795 Dritte Teilung Polens: Rußland erhält die restlichen ostpolnischen Gebiete bis zum Bug und zur Memel sowie dasHerzogtum Kurland
1796-1801 Paul I. Er legt die Leistungen der leibeigenen Bauern fest und stellt durch einen Eid aller Bauern, also auch der leibeigenen,erstmals in der russischen Geschichte eine unmittelbare Beziehung zwischen Zar und leibeigenen Untertanen her.Einwanderungen von Kolonisten in sein Reich hat er nicht gefördert, sondern sogar die Verbindungen seines Landes mitdem Ausland möglichst unterbrochen, so z.B. durch Verbote von Auslandsreisen oder ausländischer Publikationen.
1801-1825 Alexander I. Werbung für die Kolonisation in den südlichen Gouvernements
1809 Alexander I. erhält von Schweden Finnland und die Álandinseln
1810 Die Zentralbehörden (Reichsrat, Ministerien) werden in eine bis 1917 gültige Organisationsform gebracht. Auch dasBildungswesen des Reichs erhielt seine bis 1917 bestehende Organisationsform: in jedem Kirchdorf sollte eine einjährigePfarrschule, in jeder Kreisstadt mindestens eine zweijährige Kreisschule, in der Hauptstadt des jeweiligen Gouvernementsein vierjähriges Gymnasium und in jedem der sechs Verwaltungsbezirke eine Universität bestehen. Die deutschenKolonisten haben größten Wert auf die Einführung dieser Schulen gelegt, da sie dort in deutscher Schrift und Spracheausgebildet wurden
1812 Friede von Bukarest: Rußland erhält von den Türken Bessarabien
1814 Einwanderung deutscher Kolonisten nach Bessarabien
1825-1855 Nikolaus I.
26.12.1825 Dekabristenaufstand in St. Petersburg niedergeschlagen
1828-1829 Russisch-türkischer Krieg. Im Frieden von Adrianopel erhält Rußland das Donaudelta und einen Teil Armeniens
1830-1831 Polnische Revolution niedergeschlagen
1842 Einstellung der staatlichen Förderung für die Ansiedlungen, Rückgang im Zustrom neuer Kolonisten
1849 Nikolaus I. unterstützt Österreich im Kampf gegen die aufständischen Ungarn
1855-1881 Alexander II.
1856 Friede von Paris: Rußland verliert die Donaumündung mit einem Teil Bessarabiens
1861 Aufhebung der Leibeigenschaft
1863/1864 Polnischer Aufstand
1863/1865 Reformgesetze über die Schulen
1864 Justizreform: Einführung unabhängiger Gerichte
1864 Einführung der Selbstverwaltung für Gouvernements und Kreise, die vom Provinzadel getragen wird
1870/1871 Panslawismus zwingt nach Gründung des Deutschen Reichs gegen die deutschen Kolonien vorzugehen. Nachdem sichbereits 1869 der Dorpater Historiker Carl Schirren gegen die zunehmende Russifizierung des Baltikums gewandt hatte,
1871 wurden die deutschen Kolonisten der Allgemeinen Bauernordnung von 1861 und der Landschaftsordnung von 1869unterstellt. Die bisherige Selbstverwaltung der deutschen Kolonien damit unmöglich
1874 Aufhebung des Privilegs der Befreiung vom Militärdienst für die deutschen Kolonisten. Auswanderung aus den deutschenKolonien insbesondere nach den USA
1878 Berliner Kongreß: Rußland erhält den 1856 verlorenen Teil Bessarabiens zurück
1881-1894 Alexander III.
Beziehungen zum Deutschen Reich schlechter, verstärkter Druck auf die Kolonisten, sich russifizieren zu lassen. Gesetzevon 1887 und 1892 gegen Fremde und Kolonisten
1894-1917 Nikolaus II.
1904/1905 Niederlage im russisch-japanischen Krieg, Revolution von 1905
30.10.1905 Einführung der Duma als legislatives Organ
27.4.1906 Das autokratisch regierte Reich zu einer konstitutionellen Monarchie umgewandelt. Zunehmende Radikalisierung der linken Parteien
1910/1911 Landreform, 1917 30% der Bauern eigener Hofbesitz
1910, 1912 Anträge in der Duma, den Kolonistenbesitz einzudämmen
1.8.1914 Aufbruch des Ersten Weltkriegs
September 1914 Obwohl die Kolonisten deutscher Abstammung russische Staatsbürger waren und zum Kriegsdienst herangezogen wurden, wurde ihr Grundbesitz beschlagnahmt und nur die Versorgungslage der Bevölkerung und des Heeres verhinderte einen sofortigen Vollzug. Dennoch wurde die wirtschaftliche Existenz der Bevölkerung deutscher Herkunft bis 1917 weitgehend zerstört. Die deutschen Ortsnamen mußten 1914 sofort durch russische ersetzt werden.
15.3.1917 Revolution und Abdankung des Zaren. Die Provisorische Regierung setzte den Krieg fort
7.11.1917 Oktoberrevolution der Bolschewiken. Bürgerkrieg kostet einen großen Teil der Kolonisten das Leben und vernichtet ihren noch erhaltenen Besitz.
18.3.1917 Tagung der Vertreter der deutschen Bevölkerung in Odessa
20.-22.4.1917 3.3.1918 Tagung von 86 Vertretern der deutschen Kolonien aus 15 Gouvernements in Odessa. Ein Komitee von drei Personen wird beauftragt, die Interessen der deutschen Bevölkerung gegenüber der Provisorischen Regierung wahrzunehmen. Frieden von Brest—Litowsk
24.-28.2.1918 Konferenz in Warenburg verabschiedet das >Projekt eines nationalen Zusammenschlusses aller Wolgakolonien< zu einer selbständigen Wolgarepublik im russischen Föderationsstaat
Ende April 1918

19286.1.192431.1.1924

Kommissariat für deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet durch die russische Zentralregierung errichtetAuswanderung aus den deutschen Kolonien, Bevölkerungszahl um 26,5% verringertGründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der WolgadeutschenFöderalistische Verfassung für die Union der Sozialistischen SowjetrepublikenIn den deutschen Kolonien wurde Deutsch zur Amtssprache und neben Russisch und Ukrainisch auch zur Amtssprache der Wolgarepublik. Die 1914 abgeschafften deutschen Ortsnamen durften wieder eingeführt werden.
1933 Neben der Wolgarepublik bestehen zehn deutsche Rayons (Landkreise) und etwa 300 deutsche Dorfräte in national gemischten Landkreisen.In den frühen 30er Jahren zwangsweise Kollektivierung der Bauern. In der Wolgarepublik wurden dabei etwa 50000 Deutsche aus der bäuerlichen Oberschicht (= Kulaken) deportiert.
22.6.1941 Ausbruch des Krieges zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich
10.7.-Ende Oktober 1941

Die deutsche Bevölkerung wurde nach zahlreichen Hinrichtungen vor der sich rasch nähernden Front nach Sibirien, in die Regionen Altai, Kasachstan und benachbarte Gebiete deportiert und dort zu Schwerstarbeiten gezwungen: etwa 35000 Deutsche von der Krim, 100000 Deutsche aus den ukrainischen Gebieten östlich des Dnjepr, 400000 Deutsche aus dem Gebiet der Wolgarepublik, ca. 80000 Deutsche aus den Gebieten Saratow, Stalingrad, Astrachan, Moskau und Kujbyschew (Samara) sowie 25000 Deutsche aus den Republiken Georgien und Aserbaidschan deportiert
1942—1944 folgten rund 50000 Deutsche aus kleineren Siedlungsgebieten in die Deportation
1941 Die Autonome Wolgarepublik praktisch aufgehoben
1941/1942

überrollten die deutschen Truppen einen Teil der rußlanddeutschen Bevölkerung, der nicht mehr hatte deportiert werden können. In den folgenden Jahren zog er sich mit dem deutschen Heer nach Westen zurück.
1945/1946 konnten von den rund 150000 Rußlanddeutschen in den westlichen Besatzungszonen etwa die Hälfte untertauchen, während die übrigen an die Russen ausgeliefert wurden. Weitere 200 000 Rußlanddeutsche überrollte die Rote Armee im Warthegau. Von diesen 270-280000 Personen sollen 15-30% durch sofortige Erschießungen hingerichtet oder auf den Transporten in den Norden Sibiriens und Zentralasiens umgekommen sein.
Bis 1954/1955 waren die Rußlanddeutschen in den Deportationsgebieten strengsten Zwangsmaßnahmen unterworfen. Freispruch vom Vorwurf der Kollaboration. Erst seit dieser Zeit können sie sich freier bewegen, dürfen aber nicht zu ihren ehemaligen Wohnorten zurückkehren. Obwohl die Rußlanddeutschen noch heute in Sibirien, Kasachstan u.a. ihre Sprache und Literatur bewahrt haben, auch deutschsprachige Zeitungen erscheinen, ist eine geschlossene oder zumindest geschlossenere Ansiedlung seit 1941 nicht mehr existent.

 

11. Die Grundlagen der Selbstverwaltung in den donauschwäbischen Siedlungen (18.-20. Jahrhundert)

Tafel

Die ungarischen Könige hatten im Mittelalter den deutschen Bürgern und Kolonisten als »Gästen« weitreichende Selbstverwaltungsrechte verliehen. Diese Rechte haben die donauschwäbischen Kolonisten des 17. und 18. Jahrhunderts nicht mehr erhalten. Die ins Land strömenden Bauern waren zwar persönlich frei und blieben dies meist auch, erhielten aber über die sich daraus ergebende wirtschaftliche Freizügigkeit hinaus sehr geringfügige Mitwirkungsrechte an der Verwaltung ihrer Siedlungen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß die Hofkammer auf den staatlichen Gütern die Privilegien der Kolonisten weit mehr beachtet hat als die adligen Grundherren. Die Gründung einer Gemeinde auf dem Besitz der Hofkammer erfolgte bei der Ansiedlung durch die Bildung des Ortsvorstandes. Diese Regelung wurde in den meisten Fällen auch bei Ortsgründungen auf Adelsbesitz beibehalten. In den donauschwäbischen Gebieten vollzog sich die Einsetzung und Aufgabenstellung in der Selbstverwaltung folgendermaßen:Die Herrschaft benannte drei Männer der Gemeinde, von denen einer durch die Kolonisten zum Richter, d.h. zum Ortsvorsteher bzw. Schultheiß, gewählt wurde. Neben diesem Richter wurden Geschworene gewählt. Der Richter war, neben der Verwaltung des Ortes, für die öffentliche Ordnung und Sicherheit im Bereich der Gemeinde verantwortlich. Wie seine Bezeichnung besagte, war er auch verpflichtet, in kleineren Streitigkeiten und Vergehen Recht zu sprechen. Der Richter mußte die Zuwendungen der Hofkammer an die Kolonisten verteilen und hatte die Verordnungen und Erlasse der Herrschaft und der Komitate durchzusetzen. Vor ihm wurden Eheverträge geschlossen und Testamente aufgesetzt. Er war für Erbschaftsangelegenheiten ebenso zuständig wie für die Betreuung der Waisen und die Ablieferung der Zehnten. Er wurde in seinem Amt von den Geschworenen unterstützt. Wegen seiner Tätigkeit war er von Militäreinquartierungen, Vorspannleistungen und den Frondiensten (Robot) befreit und erhielt sogar im 18. Jahrhundert 24 Gulden als Bezahlung im Jahr. Sein äußeres Abzeichen war ein silberbeschlagener und mit einem Silberknopf versehener Richterstock. Der ihn meist begleitende Kleinrichter hat die von ihm verhängten Strafen - meist Prügelstrafen - sofort vollzogen. Diese Aufgabe ging im 19. Jahrhundert an die Konstabier und Polizisten über, während der Kleinrichter zum Amtsdiener und Austrommler der örtlichen Bekanntmachungen wurde. Außer dem Kleinrichter waren noch die Feldhüter im Dienst der Gemeinde. Ihre Aufgabe war, die Saaten zu bewachen. Neben den Gemeinderichter trat später der Gemeindenotär, der auf Lebenszeit gewählt wurde. Er war für die Abfassung der Schriftstücke der Gemeinde zuständig. Die donauschwäbischen Gemeinden haben keinen weiten Spielraum zur Selbstverwaltung erhalten. Beispielhaft dafür ist das 1780 in allen Dörfern des Banats bekanntgegebene Urbarium Banaticum mit einem eigenen Absatz über die Richterwahl, der für alle Dörfer, also sowohl die der Hofkammer als auch die adligen und geistlichen Grundherren unterstehenden galt:

Siebenter Absatz

Von der Richterwahl

Erstens: Keiner Gemeinde ist verstattet, ohne Vorwißen des Grundherrn eine Richterwahl vorzunehmen.

Zweytens: Einer jeden dergleichen Wahl, soll Jemand von Seiten des Grundherrn bey-wohnen.

Drittens: Der Grundherr hat drey taugliche Subjecta vorzuschlagen, aus welchen die Gemeinde einen zum Richter waehlt. Viertens: Wer unter diesen dreyen bey der Gemeinde die meisten Stimmen bekoemmt, wird derselben als erwaehlter Richter vorgestellt.

Fuenftens: Die Stimmen stehen den Ansaeßi-genzu, nicht aber den Innsaßen, und muessen gehoerig gesammelt werden. Sechstens: Das Richteramt dauert nur ein Jahr, und nimmt mit dem ersten November seinen Anfang.

Siebentens: Wenn der Richter in seinem Jahr das Amt gut verwaltet hat, so kommt er allzeit mit jenen drey Candidaten wieder in die Wahl, wenn er sich aber nicht seiner Pflicht gemaeß betragen sollte, kann er nicht nur bey der neuen Wahl ausgelaßen, sondern auch noch im Lauf seines Jahres abgesetzt werden. Achtens: Der Richter hat nicht nur die Contri-butions-Einnahme, sondern auch ueberhaupt alle Gemeinderechnungen, mit Zuziehung der Geschwornen zu besorgen. Neuntens: Die Wahl der neuen Geschwornen, oder Bestaettigung der Alten haengt ebenfalls von der Wahl der Grundherrschaft ab. Zehntens: Richter und Geschworne mueßen durchaus auf die Erhaltung guter Ordnung in der Gemeinde sehen, und alle Ausschweifungen, und Mißbraeuche zu verhueten suchen. Der starke Einfluß der jeweiligen Herrschaft auf die Richterwahl sicherte deren Einfluß auf die Gemeinde. Erst die Ereignisse von 1848 änderten die Gemeindeverfassung und gaben der Gemeinde eine eigenständigere Stellung. Gemeinderichter und Gemeinderat wurden nun von den Bürgern gewählt. Wahlrecht hatten aber nur die Pächter oder Personen mit einem bestimmten Steuersatz.

Die Gemeindevertretung wurde von den Virilisten als Großsteuerzahlern und den gewählten Mitgliedern jeweils zur Hälfte gebildet. Gleichzeitig wurden die Aufgaben der Gemeinde erweitert, zu deren Ausführung sie mehr Beamte als bislang benötigte. Der Ortsvorstand setzte sich seit dem I.Januar 1872 aus dem Richter, dem Vizerichter, den Geschworenen, dem Kassier, dem Notär, dem Vizenotär (ab 1895), dem Waisenvater und dem Gemeindearzt zusammen. Dieser Aufbau der Gemeinde als unterster Verwaltungseinheit blieb bis 1918 bestehen. Auch unter den Nachfolgestaaten Ungarns war eine Selbstverwaltung der Gemeinden nicht erwünscht, weshalb eine solche auch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges über Ansätze nicht hinausgekommen ist. Die Versuche der Donauschwaben, eine über die einzelnen Gemeinden hinausgehende Selbstverwaltung aufzubauen, waren entweder erfolglos oder sie sind in die Forderungen der politischen Parteien der Deutschen mit eingebracht worden. Das Dorf hat bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts den Kern der donauschwäbischen Beteiligung an der Selbstverwaltung dargestellt. Nur in wenigen Fällen (Temeschburg, Apatin, Neusatz u.a.) ist dies auch in einer Stadt der Fall gewesen.

Literatur: J. V. Senz, Apatiner Heimatbuch, Straubing 1966; J. Bach, Neuhatzfeld-Ceste-reg 1828-1944, München 1972; H. Bräuner, Lenauheim (Tschatad). Ein Heimatbuch, o. O. 1982; A. P. Petri-J. Wolf, Heimatbuch der Heidegemeinde Triebswetter im Banat, Spaichingen 1983; G. Adam-A. P. Petri, Heimatbuch der deutschen Gemeinde Orczydorf im Banat, o. O. 1983.                                  

  Immo Eberl

12. Temeschburg. Rathaus

Photographie

Walter Chef, Ludwigsburg

Das aus österreichischer Zeit stammende Rathaus ist noch heute ein Ausdruck der selbst im Absolutismus handelnden Bürgergemeinde Temeschburgs.

 

7.12

 

13. Die Minderheitenproblematik vor 1918

Tafel

Als im 18. Jahrhundert die Großen Schwabenzüge dem Kaiser Kolonisten nach Ungarn brachten, waren es gemäß der damaligen Gesellschaftsordnung Untertanen - Untertanen zum Beispiel des Herzogs von Württemberg oder des Markgrafen von Baden, der Hohenzoller'schen und Fürstenberger Fürsten oder des Klosters St. Blasien im Schwarzwald. Sie mußten sich vor ihrer Übersiedlung dazu die Erlaubnis ihrer Obrigkeit besorgen, mußten vor ihrem Abzug aus ihrer Erbuntertänigkeit und den damit verbundenen Pflichten und Lasten entlassen werden, sich davon freikaufen. In ihrer neuen Heimat waren sie auch nur Untertanen, aber - falls sie sich nicht durch einen adeligen Grundherren hatten anwerben lassen - Untertanen direkt des Kaisers, desselben Kaisers übrigens, der der Oberherr auch ihrer alten Herren gewesen war, und von kaiserlichen Behörden betreut. Das mag nebst vielen anderen Faktoren den Gedanken an eine Übersiedlung erleichtert haben, und von Vorteil konnte es durchaus auch sein, direkt Untertan des Kaisers zu werden, weil kleinere Herren meist mehr von ihren Untertanen forderten, ja fordern mußten und weniger großzügig sein konnten als die großen. Als die Siedlungsbewegung Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu ihrem Abschluß gekommen war, hatte sich die Situation der deutschen Kolonisten in Ungarn weithin geändert. Die Aufhebung der Leibeigenschaft durch Kaiser Joseph II., dessen Toleranzedikt und das Konzivilitätsdekret, alles aus dem Jahre 1781, verschafften bis dahin unvorstellbare Freiheiten in sozialer, religiöser und politischer Hinsicht und mußten sich positiv auswirken, so wenig sie aus Untertanen eines Monarchen freie Bürger im Sinne eines modernen Staates machten. Außerdem fanden sich die deutschen Kolonisten in Ungarn gerade seit der Regierung Josephs 11.(1780-1790) einem erwachten magyarischen Nationalgefühl gegenübergestellt. Es war die Folge vieler Faktoren, wie des Einwirkens der französischen Aufklärung und der Ideen des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Herder (gestorben 1803) mit ihrer Hochschätzung des organisch Gewachsenen und Natürlichen, also auch des Volkstums; es war mehr noch die Folge radikaler Ereignisse wie der Französischen Revolution von 1789 und der Umtriebe von Jakobinern, es war vor allem auch eine Reaktion auf die zentralistischen Reformen des Josephinismus.

Daß sich Joseph II. nicht hatte auch zum ungarischen König krönen lassen, und die Heilige Stephanskrone 1784 nach Wien in die kaiserliche Schatzkammer gekommen war, um hier wie irgendein gewöhnliches Schmuckstück verwahrt zu werden, hat die Ungarn tief verletzt. Daß 1783 die deutsche Amtssprache für die gesamte Monarchie angeordnet wurde, ließ in Ungarn erst den Wunsch nach offiziellem Gebrauche des Magyarischen statt des bisher üblichen Latein aufkommen. Die Rücknahme der meisten josephinischen Reformen noch durch den sterbenden Kaiser selbst und dann durch dessen Nachfolger erschien als Triumph des Widerstandes und verstärkte nationale Tendenzen.

Diese orientierten sich aber immer mehr nach dem französischen Vorbild. Nation und Staat wurden identifiziert. Wichtig erschienen nicht die natürlichen Gegebenheiten wie das Volkstum, sondern die politische Ordnung und das Recht des Mitwirkens und Mitgestaltens in ihr, das nur durch Akzeption und Anpassung erwerbbar schien. Da in Ungarn die politischen Rechte weithin beim Adel lagen, und dieser in seiner überwiegenden Mehrheit, zu etwa vier Fünftel, magyarisch war, und vom adeligen Selbstbewußtsein ohnehin eine gewisse Faszination ausstrahlte, hat der ungarische Adel die Richtung bestimmt, obwohl in dem Vielvölkerstaat der Stephanskrone die Magyaren um 1840, am Vorabend der Ungarischen Revolution, mit 4,8 Millionen unter fast 13 Millionen Menschen keineswegs die Mehrheit ausmachten. Auch diese Zahlenverhältnisse erklären das immer stärker werdende Streben nach Einschmelzung der nichtmagyarischen Bevölkerungsteile, nach Magyarisierung also. Gründe der rationalen Staatsverwaltung kamen hinzu.

Von den anderen Völkern innerhalb Ungarns wurde aber damit entschieden zu viel verlangt. Slawen und Rumänen konnten sich darauf berufen, daß sie sogar länger als die Magyaren auf ungarischem Boden siedelten, die Deutschen verwiesen auf ihre alten, bei der Ansiedlung gewährten Privilegien und darauf, daß sie seinerzeit keineswegs in der Absicht gekommen wären, Magyaren zu werden. Als Ungar, das heißt als politisch vollberechtigter Bürger Ungarns, konnte man sich durchaus auch als Deutscher fühlen, schwerlich als Magyaren ohne Aufgabe der eigenen Sprache und Sitte. Diesen Unterschied aber vermochten die Magyaren schon aus sprachlichen Gründen nicht nachzuvollziehen, da in ihrer Sprache Ungarn eben Magyarenland (Magyarország) war.

Die Geschichte der Magyarisierung Ungarns ist mit viel wechselseitigem Mißverstehen verbunden und hat sich aus heutiger Sicht durchaus als Fehlentwicklung erwiesen. Nicht erst heute, schon an ihren Anfängen haben selbst hochberühmte magyarische Politiker dagegen gesprochen. Freilich gab es auch Befürworter und gerade unter den eher als andere Völker zur Assimilation neigenden Deutschen der un-garländischen deutschen Sprachinseln. Schon 1792 hatte ein Gesetz das Magyarische zum obligatorischen Lehrfach in allen Schulen Ungarns gemacht. 1844 erklärte ein anderes Gesetz das Magyarische zur Staatssprache, deren Gebrauch bei allen Behören binnen einer gewissen Frist verpflichtend war. 1848 verkündete der Reichstag, daß es in Ungarn nur eine einzige, nämlich die magyarische Nation gäbe.

Der Ausgang der Ungarischen Revolution stoppte die Magyarisierung nur für wenige Dezennien. Die in letzter Zeit häufiger vorgenommene Magyarisierung von Familiennamen wurde 1849 von der kaiserlichen Regierung für ungültig erklärt und 1850 wie schon 1815 genauen Regeln unterworfen. Nach dem Ausgleich von 1867 versuchte das Nationalitätengesetz von 1868 eine neue Ordnung aufgrund der Gleichberechtigung aller Nationen, ohne freilich dieser Forderung gerecht werden zu können, denn Magyarisch blieb Staatssprache und es war nur vorgesehen, daß alle Gesetze und Verordnungen auch in Übersetzung publiziert werden sollten und daß man sich in gemischtsprachigen Komitatsversammlungen und Gemeinderäten als Redner auch der eigenen Muttersprache bedienen dürfe.

Den Kirchen wurde Autonomie in ihrem Bereich eingeräumt, was auch für das kirchliche Schulwesen galt. In den seit 1873 vom Staat unterhaltenen Schulen mußte der Unterricht selbstverständlich auf magyarisch erfolgen. Das machte die Kirchen zu Hütern des ethnischen Kulturgutes, forderte ihnen aber auch größte Opfer für das teure Schulwesen ab und beschwor die Gefahr herauf, sich bei Annahme staatlicher Unterstützungsgelder für die Schulen den staatlichen Forderungen beugen zu müssen. Schon 1879 und 1883 wurde für alle Volks- und Mittelschulen (worunter auch die Gymnasien gerechnet wurden) in Ungarn erneut ein ausreichender Unterricht in magyarischer Sprache angeordnet und die Anstellung als Lehrer von der Befähigung zum Unterricht auch in der magyarischen Sprache abhängig gemacht. Von hier führt der direkte Weg zur berüchtigten »Lex Apponyi« der Jahre 1907 und 1908, dem unter dem damals als Kultus- und Unterrichtsminister wirkenden Grafen Albert Apponyi (gestorben 1933) erlassenen Schulgesetz, das von den Kindern die perfekte Beherrschung der magyarischen Sprache in Wort und Schrift verlangte und als Schulziel »das Zugehörigkeitsgefühl zur magyarischen Nation« erklärte. In denselben Zusammenhang der Magyarisierung Ungarns gehört auch das unter dem ungarischen Ministerpräsidenten Dezső Bánffy (gestorben 1911) vom Reichstag im Jahre 1898 erlassene Ortsnamengesetz, das für alle Gemeinden und selbst für Berge und Flüsse den Gebrauch der offiziellen magyarischen Namen vorschrieb.

Das Gesetz hat überall heftige Proteste ausgelöst, und bei den betroffenen Menschen und in ihren Gegenden das Gefühl aufkommen lassen, die Rechte auf die angestammte Heimat seien in Gefahr. Daß im privaten Verkehr nun erst recht die vertraute Namensform gebraucht wurde, war nur eine eigentlich voraussehbare Reaktion. Die Auflösung der Habsburgermonarchie infolge des Ersten Weltkrieges geschah aufgrund des proklamierten Selbstbestimmungsrechtes der Völker. In den Nachfolgestaaten stellte sich freilich sogleich ebenfalls das Problem der ethnischen Minderheiten. Insbesondere waren die in Streusiedlungen lebenden Deutschen davon betroffen. Bei der politischen Neuordnung auf den Friedenskonferenzen gelang es nicht, einen allgemeinen Minderheitenschutz zum Beschluß zu erheben und ins Statut des neu geschaffenen Völkerbundes aufzunehmen. Das scheiterte schon am Protest der Rumänen und Jugoslawen, die sich zu den Siegermächten rechneten und keineswegs zu den neu gebildeten Staaten, wie der Tschechoslowakei und Polen, denen in erster Linie eine Schutzgarantie für die in ihren Grenzen lebenden Minderheiten aufgenötigt wurde. Niemand wollte sich durch internationale Vorschriften die eigene Souveränität beschränken lassen. So kam es nur dazu, daß in bilateralen Vereinbarungen zwischen den Alliierten einerseits und jeweils der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien andererseits die Verpflichtung dieser Staaten zu einem entsprechenden Minderheitenschutz fixiert und dies in die Friedensverträge von Versailles, St-Germain und Trianon aufgenommen wurde. Das meinte wörtlich das »Heimatrecht« der Minderheiten, ein auch im französischen Originaltext aufscheinendes deutsches Wort, und die Protektion »der Interessen der Einwohner, die sich von der Mehrheit der Bevölkerung nach Rasse, Sprache und Religion unterscheiden«. In Rumänien war sogar für die Siebenbürger Sachsen eine gewisse »örtliche Autonomie« vorgesehen. Die Zukunft mußte zeigen, was sich aus diesen Bestimmungen von 1919 und 1920 machen ließ.

Literatur: H. Kraus, Das Recht der Minderheiten, Berlin 1927; Th. Veiter, Nationale Autonomie, Wien-Leipzig 1938; H. Steinacker, Das Wesen des madjarischen Nationalismus, in: D. Walter, H. Steinacker, Die Nationalitätenfrage im alten Ungarn (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 3), München 1959, S. 29-67; E. Viefhaus, Die Minderheitenfrage und die Entstehung der Minderheitenschutzverträge auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 (Marburger Ostforschungen 11), Würzburg 1960; J. Weidlein, Zur Geschichte der Namensmadjarisierungen, in: Südostdeutsches Archiv 10 (1967), S. 177-192; H. Sundhausen, Der Einfluß der Herderschen Ideen auf die Nationsbildung bei den Völkern der Habsburger Monarchie (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission 27), München 1973; F. Gottas, Ungarn im Zeitalter des Hochliberalismus. Studien zur Tisza-Ära (1875-1890), Wien 1976; W. Schlesinger, Die Entstehung der Nationen, in: Nationesi (1978), S. 11-62; A. Wandruszka und P. Urbanitsch (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Band III: Die Völker des Reiches, Wien 1980; C.Göll-ner, Das ungarische Ortsnamengesetz, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 7 (1984), S. 172-176. Harald Zimmermann

 

14. Ludwig Kremling (1861-1930), deutscher Politiker in Jugoslawien

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Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Kremling studierte Geographie, Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaften in Budapest und ließ sich 1925 als Rechtsanwalt in Neusatz/Batschka nieder. Nebenbei betätigte er sich politisch und begründete 1906 die Ungarländisch-Deutsche Volkspartei und 1922 die Partei der Deutschen in Jugoslawien mit.

Literatur: A. P. Petri, Kurzbiographien deutschbewußter Männer im ungeteilten Banal, München 1979.                     

Ute Richter

 

7.14

 

15. Jakob Bleyer (1874-1933), Germanist und deutscher Politiker in Ungarn

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Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Seine Karriere als Politiker ergab sich aus den Umständen vor dem Ersten Weltkrieg, als die rigorose Magyarisierungspolitik der ungarischen Regierung die Kultur der Deutschen radikal zu unterdrücken drohte. Als Sohn donauschwäbischer Bauern aus der Batschka schlug er die wissenschaftliche Berufslaufbahn eines Germanisten ein und wurde Hochschulprofessor. Er widmete sich besonders den deutsch-ungarischen literarischen Wechselbeziehungen. Auf ihn gehen die Anfänge der deutschen Südostforschung zurück (ab 1929 leitete er die Fachzeitschrift »Deutsch-Ungarische Heimatblätter«). Als Befürworter der Eigenständigkeit und Respektierung der donauschwäbischen Volksgruppe trat er 1918 in die Öffentlichkeit, als er die Leitung des deutsch-ungarischen Volksrates übernahm. 1919 wurde er nach Johann Junker Nationalitätenminister in der ungarischen Regierung, mußte ein Jahr später jedoch zurücktreten, da seine rückhaltlosen Forderungen nach Selbständigkeit der deutschen Volksgruppe untragbar geworden waren. Seine Führungsrolle in der »deutschen Frage« blieb unumstritten. Bleyer betätigte sich weiterhin politisch in den von ihm gegründeten Organen »Sonntagsblatt für das deutsche Volk in Ungarn« (1921) und »Ungarländisch Deutscher Volksbildungsverein« (1924).

Literatur: H. Schwind, Jakob Bleyer. Ein Vorkämpfer und Erwecker des ungarländischen Deutschtums, München 1960; Gedenkband zum 50. Todestag Jacob Bleyers 5. Dezember 1933, hg. von F.Spiegel-Schmidt, (Suevia Pannonica, Bd. 1)Sinsheim 1983.

Ute Richter

 

7.15

 

16. Stefan Kraft (1884-1959), deutscher Politiker in Jugoslawien

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Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Der Sohn donauschwäbischer Eltern setzte sich schon früh für die Belange seines Volksstammes ein. Bereits als Student der Natur-. Rechts- und Staatswissenschaften gehörte er in Wien dem Kreis um Adam Müller-Guttenbrunn und Edmund Steinacker an und trat in den von Rudolf Brandsch gegründeten Deutschen Volksrat für Ungarn ein, dessen Abteilung er in Neusatz leitete. 1919 wurde er dort Obmann der Druckerei- und Verlags-AG, die u.a. die Tageszeitung Deutsches Volksblatt herausgab. Er war Mitbegründer des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes sowie Präsident der deutschen Genossenschaftszentralen. 1922 gründete er die »Partei der Deutschen«, deren Vorsitz er übernahm und als deren Abgeordneter er 1923 ins Parlament einzog. Dort fungierte er bis 1939, bis er auf nationalsozialistischen Druck hin ausschied. Er rief in dieser Zeit (1931) die Deutsche Schulstiftung ins Leben, in deren Rahmen er das höhere deutsche Schulwesen aufbaute. 1949 übersiedelte er von Österreich nach Deutschland, wo er sich für die Eingliederung seiner Landsleute einsetzte.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien, hg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Bonn 1961; J. V. Senz, Das Schulwesen der Donauschwaben im Königreichjugoslawien, München 1969.

Ute Richter

 

7.16

 

17. Die Minderheitenproblematik in Südosteuropa seit 1918

Tafel

Ungarn

Als die Donaumonarchie Ende 1918 auseinanderbrach, fand die bisherige Magyarisie-rungspolitik eine - nur vorübergehende - Unterbrechung. Ministerpräsident Michael Käro-lyi versuchte zwar, durch weitgehendes Nachgeben gegenüber den Nationalitäten den Bestand Ungarns zu retten. In diesem Zusammenhang wurde ein Autonomiegesetz für die Deutschen erlassen (29. Januar 1919). das der deutschen Bevölkerung weitgehende Autonomierechte zugestand. Alle Deutschen des Landes wurden zu einer einheitlichen deutschen Nation zusammengefaßt, in den deutschen Siedlungsgebieten wurden autonome deutsche Rechtsgebiete (Gaue) gebildet, in der Verwaltung, der Rechtspflege, im Unterrichtswesen, in den Kultur- und Kirchenangelegenheiten wurde der deutschen Bevölkerung volle Autonomie zugestanden.

Sie sollte als gesetzgebendes Organ eine deutsche Nationalversammlung wählen. Die gemeinsamen Angelegenheiten Ungarns sollten im Reichstag beschlossen werden, in dem die Deutschen nach ihrer Bevölkerungszahl vertreten sein sollten. Die deutsche Nation sollte ein deutsches Ministerium und die deutschen Gauverwaltungen als Regierungsorgane erhalten, wobei der deutsche Minister die Aufsicht und Kontrolle über die letzteren haben sollte. Durch geheime Wahl wurde Johann Junker (1864-1922) zum ersten Nationalitätenminister bestimmt. Die kommunistische Räterepublik erschwerte 1919 den weiteren Ausbau der deutschen Selbstverwaltung, der nach deren Sturz durch Jakob Bleyer (vgl. 7.15) als zweiten Nationalitätenminister fortgesetzt wurde. Mit der Machtübernahme Hor-thys kehrte der ungarische Staat zur Politik der Vorkriegszeit zurück, die neben den Magyaren keine anderen Nationalitäten zuließ. Die Nationalitätenpolitik Kärolyis hatte die im Vertrag von Trianon (1920) geschaffenen neuen Grenzen Ungarns nicht verhindern können. Der Friedensvertrag verteilte die deutsche Bevölkerung  Ungarns auf dessen  Nachfolgestaaten Ungarn, Rumänien und Südslawien (ab 1929 Jugoslawien) sowie im Norden auf die Tschechoslowakei. Auf die Minderheitenprobleme in der Zips wird im folgenden nicht eingegangen, da sie in der Zwischenkriegszeit eher in Zusammenhang mit den sudetendeutschen Problemen gesehen werden müssen. Die donauschwäbischen Proteste gegen die Regelungen des Vertrags von Trianon blieben erfolglos.

Da 1920 von Ungarn die politisch und kulturell aktiveren Volksgruppen in südungarischen Raum und in Siebenbürgen abgetrennt worden waren, waren die Deutschen im neugebildeten magyarischen Nationalstaat weitgehend ohne politische Tradition und vor allem ohne Führungsschicht. Jakob Bleyer hat diesen Mangel erkannt und die kulturellen Interessen, Eigenheiten und Traditionen gefördert. Er gründete dazu das Sonntagsblatt (1921) und den Ungarländisch Deutschen Volksbildungsverein (1924), dessen hauptsächlicher Mitarbeiter er wurde. Der Verein vermochte durch Bildung von Ortsgruppen in deutschsprachigen Gemeinden, durch Einrichtung von Bibliotheken, Veranstaltung von Volksund Trachtenfesten, Musik- und kulturellen Wettbewerben sowie durch die Herausgabe von deutschem Schrifttum das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen Ungarns zu stärken. Die Wirkung dieser Maßnahmen blieb wegen des Widerstands der örtlichen Behörden begrenzt. Selbst in den Zeiten des höchsten Mitgliederstandes hat der Volksbildungsverein nicht mehr als 15 000 Mitglieder besessen. Bleyer gründete 1929 mit den Deutsch-ungarischen Heimatblättern eine wissenschaftliche Zeitschrift.

Er war dabei davon überzeugt, daß eine auf Wahrheit eingestellte Forschung ... allen deutschen Volksgruppen Altungarns das unverlierbare Bewußtsein einprägen wird, daß sie in ihrer Heimat keine Fremden sind, sondern daß ihnen die Würde europäischer Kulturträger zukommt. Bleyer stand durch seine Bemühungen im Gegensatz zur Magyarisierungspolitik der Regierung. Als er kurz vor seinem Tod in einer Rede im Parlament darauf hinwies, daß die Stellung des Staates zur deutschen Schule dazu geführt habe, daß ca. 70 % der deutschen Schulentlassenen weder deutsch schreiben oder lesen könnten und 90 % der deutschen Mittel- und Oberschulabsolventen unfähig seien, einen deutschen Brief zu schreiben oder einen fehlerlosen deutschen Satz zu bauen, erhob sich gegen ihn große Entrüstung in der ungarischen Öffentlichkeit, die erst nach seinem Tod im gleichen Jahr verebbte. Neben der überaus schwierigen Schulsituation für die deutsche Volksgruppe begann die ungarische Regierung mit einer Aktion zur Magyarisierung der nichtmagyarischen Familiennamen (Verordnung vom 27. Juli 1933). Während dieser Vorgang vor dem Ersten Weltkrieg dem Wunsch des einzelnen entsprang, und nur in einigen Berufssparten Druck ausgeübt wurde, entstand nach dem Weltkrieg der Vitezorden, der nur Offiziere und Soldaten mit magyarischen Namen aufnahm; dasselbe geschah bei den Sportlern, der Polizei, dem Heer. Die organisierte Aktion wurde auf das Personal der Staatsbahnen und die Lehrer ausgedehnt. In Provinzstädten wurde durch Rundschreiben an alle Bürger mit deutschem oder slowakischen Namen Druck ausgeübt, diese magyarisieren zu lassen.

In Lehrerpräparandien und höheren Schulen wurde gedroht, daß das Diplom bzw. Reifezeugnis verweigert werde, wenn keine Magyarisierung der Namen erfolge. Ein Landesverein für die Namensmagyarisierung mit Protektoren wie dem Fürstprimas Seredi von Gran und den protestantischen Bischöfen Jó-zan, Ravasz und Raffay bildete sich, um diesen Vorgang zu fördern. Allein im Jahr 1934 wurden rund 100000 Namen magyarisiert. Unter den Schülern und Mitarbeitern Bleyers brach nach 1933 Streit über den weiteren Kurs des Volksbildungvereins aus. Dabei begann sich die nationalsozialistische Machtergreifung im Deutschen Reich auszuwirken. Gegen den liberalen Kurs des Volksbildungsvereins trat die um Dr. Franz Basch geschalte »Volksdeutsche Kameradschaft«, die bis 1938 unter nationalsozialistischen Einfluß geriet, obwohl das Deutsche Reich anfänglich kaum Interesse zeigte, die deutsche Volksgruppe Ungarns gegen die dem Deutschen Reich und Hitler nahestehende ungarische Regierung zu unterstützen. Inden überaus harten Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Volksgruppe, aber auch zwischen dieser und der magyarischen Umgebung fielen 1937 in einer Rede des Abgeordneten Adam Rieß (Kleinlandwirtepartei) erstmals drohende Worte gegen die deutsche Volksgruppe, daß sie gut daran täte, sofort ihre Siebensachen zu pak-ken und auszuwandern, denn dies wird ihnen eher oder später doch zuteil werden. Die » Kameradschaft« um Dr. Franz Basch gründete im November 1938 den »Volksbund der Deutschen in Ungarn« (VDU). Basch stellte in der Gründungsversammlung ein politisches Programm vor, das sich von dem des Volksbildungsvereins weit unterschied. Der VDU wollte die kulturelle Autonomie mit Anerkennung der Volksgemeinschaft und Rechtspersönlichkeit der Volksgruppe, die Lösung der Schulfrage, Gründung von Tages- und Wochenzeitungen und eine eigene Partei. Eine gewisse Annäherung zwischen VDU und Regierung erfolgte im Zuge des Wiener Abkommens (30. August 1940). In einer Vereinbarung des deutschen und ungarischen Außenministers wurde der »Deutschen Volksgruppe« eine enge Beziehung zum Deutschen Reich zugestanden, ebenso eine Beteiligung an der Stellenbesetzung der Behörden nach ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung und auch das Recht, ihre früher geführten, deutschen Familiennamen   wieder  anzunehmen.  

Der  alte Volksbildungsverein Bleyers wurde daraufhin aufgelöst. Gleichzeitig entstand, von der ungarischen Regierung gefördert, die »Treuebewegung«, die unter führender Mitarbeit des Geistlichen Josef Pehm (Kardinal Mindszenty) versuchte, die Ungarndeutschen für sich zu gewinnen, die nicht dem VDU nahestanden. Es hat sich dabei vor allem um das wirtschaftlich fundierte Bauerntum und die sozialdemokratisch eingestellte deutsche Arbeiterschaft Budapests und der Industriebezirke gehandelt. Dennoch gelang es dem VDU, ca. 50-60000 eingeschriebene Mitglieder und eine tatsächlich weit höhere Anhängerzahl zu gewinnen. Der VDU glich sich in seiner Organisationsform immer weiter der deutschen NSDAP an, was die Zahl seiner Gegner noch erhöhte, zumal er bei den Rekrutierungen für die Waffen-SS eine undurchsichtige Rolle spielte. Die Meldungen zur Waffen-SS waren zahlenmäßig geringfügig. Erst ab April 1944 wurden die Zahlen der Ungarndeutschen in der Waffen-SS durch Zwangsrekrutierungen höher. Sie soll angeblich bei ca. 120000 Mann gelegen haben. Der VDU konnte die Schulfrage mit der Regierung weitgehend lösen. Nach der deutschen Besetzung Ungarns (19. März 1944) hat der VDU in seiner Rechtslage jedoch keine Verbesserung erfahren. Die Schulen der Volksgruppe wurden weiterhin vom ungarischen Kultusministerium beaufsichtigt, und die Presse der Volksgruppe ebenso von ungarischen Behörden zensiert. Die Magyarisie-rungspolitik der 30er Jahre hat den größeren Teil der politisch aktiven deutschen Minderheit zur engen Anlehnung an die NSDAP bewo-gen, obwohl die politische Unterstützung derselben lange auf sich warten ließ. Viele Deutsche haben sich jedoch der Politik des VDU nicht angeschlossen, die ihre Nachwirkung in mehreren Todesurteilen und Hinrichtungen (unter anderem von Dr. Franz Basch 1946) erleben sollte. Von dieser Haltung wurde die Nachkriegsgeschichte der deutschen Minderheit in Ungarn mitbeeinflußt.

 

Rumänien

Die Nationalversammlung der ungarländi-schen Rumänen hatte nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie in Karlsburg den Anschluß an Rumänien erklärt (1. Dezember 1918). Dabei wurden allen mitwohnenden Völkern weitgehende Privilegien zugesichert. Obwohl diese Beschlüsse nicht widerrufen wurden, hat sie die rumänische Regierung später weder bestätigt noch zur Grundlage ihrer Minderheitenpolitik gemacht. Der in Mediasch tagende Sachsentag hat aufgrund der Karlsburger Beschlüsse seine Zustimmung zum Anschluß an Rumänien gegeben (9. Januar 1919). Der gemeinsame, jahrzehntelange Widerstand von Sachsen und Rumänen gegen die ungarische Magyarisierungspolitik hat diesen Beschluß zweifellos gefördert. Die Deutschen im Banat waren in ihrem Entschluß für Rumänien zurückhaltender. Nachdem Rumänien bereits einen Teil ihres Landes militärisch besetzt hatte, schloß sich der »radikal-deutsche« Flügel des schwäbischen Nationalrats Rumänien an. Die noch zurückhaltendere Gruppe der »Gemäßigten« unter Dr. Kaspar Muth folgte sogar erst im Sommer 1920 nach dem Friedensvertrag von Trianon. Die Deutschen in Bessarabien hatten sich dagegen schon am 7. März 1919 für Rumänien erklärt, während sich die Vertreter des Buchenland-Deutschtums nach Bewilligung ihrer politischkulturellen Forderungen bereits am 26. November 1918 für den Anschluß der Bukowina an Rumänien erklärt hatten. Die Siebenbürger Sachsen unter Dr. Rudolf Brandsch erhielten dabei wegen ihrer langen politischen Tradition die Führungsrolle im groß-rumänischen Deutschtum.

Nachdem sich in Bessarabien aus dem Bezirkskomitee Tarutino des 1917 gegründeten Allrussischen Verbandes russischer Bürger deutscher Nationalität ein Deutscher Volksrat für Bessarabien gebildet hatte, und im Banat die Deutsch-schwäbische Volksgemeinschaft entstanden war (13. März 1921), die sich mit der politischen Entwicklung abgefunden hatte, kam es in Czernowitz zur Bildung der lockeren Dachorganisation aller deutschen Gruppen in Rumänien, die sich Verband der Deutschen in Rumänien nannte (18. September 1921). Der Vorsitz des Verbandes ging zunächst an Dr. Rudolf Brandsch (bis 1931) und dann an den Banater Schwaben Kaspar Muth (1931-1935). Zwischen der rumänischen Regierung und den deutschen Volksgruppen ergab sich eine gute Zusammenarbeit, die sogar zu einer offenen Förderung der »Deutsch-schwäbischen Volksgemeinschaft« und ihrer Volkstumsarbeit im Sathmarer Gebiet führte. Auch der in der Do-brudscha erst 1924 entstandene Verband rumänischer Bürger deutscher Abstammung schloß sich 1931 dem Verband der Deutschen in Rumänien an. Die Volksdeutschen Politiker haben wegen des Wahlgesetzes Absprachen mit der jeweiligen Regierungspartei treffen müssen, was ihnen jeweils zwischen 4-10 Sitze in der Kammer einbrachte. Obwohl in der Folgezeit die Verfassung von 1923 wegen ihrer unverbindlichen Formulierungen ebenso eine Enttäuschung für die Deutschen war, wie das Nichtverabschieden eines Minderheitenstatuts, um die Karlsburger Beschlüsse von 1918 zu verwirklichen, haben die Deutschen in dieser Zeit in Rumänien Vorrechte besessen, die andere Minderheiten nicht gehabt haben. Dieses gute Verhältnis begann erst zu zerfallen, als die bisherige Führungsschicht am Anfang der 30er Jahre von jüngeren und mehr zum Deutschen Reich hin orientierten Kräften abgelöst wurde. Sowohl die Banater Schwaben als auch die Deutschen in der Bukowina und in Bessarabien waren sich nach dem Ersten Weltkrieg ihres Deutschtums noch entschiedener bewußt geworden als zuvor. Der nationale Flügel des Deutschtums in Rumänien hat sich vom Programm der NSDAP früh beeindrucken lassen, zumal Rumänien durch die Eiserne Garde und die Schwäche des Parlaments eine dem Deutschen Reich vergleichbare politische Entwicklung genommen hat.

Aus der im Jahre 1922 von dem Rittmeister a.D. Fritz Fabritius begründeten Baugenossenschaft »Selbsthilfe« entstand durch Verbindung zur NSDAP die Nationale Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR), die als Nationalsozialistische Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien (NEDR) bei der Wahl zum Sachsentag 1933 die Mehrheit auf sich vereinigen konnte, obwohl sie Gegner vor allem in den kirchlichen Kreisen Siebenbürgens und des Banats besaß. Da der Kreis um Fabritius gegenüber den späteren Führern der Volksgruppe die Unabhängigkeit seiner Partei bewahren wollte (so z.B.: In unwandelbarer Verbundenheit mit unserer Heimat stehen wir auf dem Boden des Staates Rumänien, dem wir unsere Kraft und Treue zur Verfügung stellen), wurde durch Entgegenkommen der alten Führungskräfte um Dr. Hans Otto Roth ein Konflikt innerhalb der Volksdeutschen vermieden, obwohl das Entstehen einer eigenen Deutschen Volkspartei (DVR) (1935-1938) nicht vermeidbar war. Die demokratischen Parteien Rumäniens haben die deutsche Erneuerungsbewegung mißtrauisch betrachtet, zumal diese gewisse Kontakte zu den rechtsradikalen Kreisen um die Eiserne Garde Codreanus besaß. Nachdem der Verband der Deutschen in Rumänien 1935 zur Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien mit einem gemeinsamen Volksrat und den diesen untergeordneten Gauräten der einzelnen Gebiete mit ihren Obmännern umgestaltet war, wurde diese mit Fabritius als alleinberechtigte Vertretung der deutschen Minderheit anerkannt (6. Februar 1938).

Der Staatsstreich König Karls II. einigte die deutsche Minderheit wieder. Sie stellte in der ständigen Volksvertretung des Königs zwölf Abgeordnete. Die außenpolitische Anlehnung an das Deutsche Reich führte ohne Beteiligung der deutschen Volksgruppe am Rand des Wiener Schiedsspruchs zwischen Ungarn und Rumänien zu einem deutsch-rumänischen Protokoll (30. August 1940). In diesem bekam die deutsche Volksgruppe die völlige Gleichberechtigung zuerkannt, die durch das Gesetz bestätigt wurde, das der Deutschen Volksgruppe in Rumänien die juristische Person öffentlichen Rechts (20. November 1940) zuerkannte. Die deutsche Volksgruppe konnte sich durch die enge Zusammenarbeit Rumäniens mit dem Deutschen Reich entscheidende Vorteile sichern, die sich z. B. im Ausbau des autonomen Schulwesens niederschlug. Doch wurde auch der Einfluß der NSDAP zunehmend stärker. Fabritius wurde 1940 als Leiter der deutschen Volksgruppe durch den jungen Andreas Schmidt abgelöst, der als Vertrauensmann der NSDAP angesehen werden kann. Das Gesetz über die Deutsche Volksgruppe hatte dieser alle rumänischen Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit zugeordnet und deren enge Verbindung zum Deutschen Reich durch das symbolische Zeigen der deutschen Flagge neben der Rumäniens bestätigt. Während sich die Leitung der Volksgruppe Ende 1940 dahingehend äußerte, daß das Verhältnis des Rumäniendeutschtums zum Staat entsprechend dem Verhältnis zwischen Deutschland und Rumänien sei, bezeichnete Schmidt die Volksgruppenführung 1944 als eine Dienststelle der Reichsführung der SS, womit die Hoffnung eines Anschlusses von Siebenbürgen an das Deutsche Reich verknüpft war.

Die Umsiedlungen der Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina und der Dobrudscha und die Abtretung Nordsiebenbürgens und Sath-mars an Ungarn hatten die deutsche Volksgruppe um etwa ein Drittel ihrer Angehörigen vermindert. Seit 1940 begann mit Unterstützung der Volksgruppe die mehr oder weniger gewaltsame Einziehung der wehrpflichtigen Deutschen in die deutsche Wehrmacht oder die Waffen-SS. In der rumänischen Armee dienten etwa 45000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, während etwa 60000 in die Waffen-SS integriert wurden. Da diesen von Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen wurde, wie allen deutschstämmigen Ausländern, die der Wehrmacht, der Waffen-SS, der Polizei oder der Organisation Todt angehörten (1943), hatte die spätere Regierung Rumäniens damit eine Handhabe, diesen Männern  als  Deserteuren  die  rumänische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Die Volksgruppe hatte nicht nur innerhalb der Deutschen des Landes Gegner, sondern sie hat auch trotz ihrer äußerlichen Erfolge in der Anerkennung der deutschen Minderheit, in der Schul- und Kulturautonomie mit verstärktem Ausbau des Schulwesens und der Einsetzung deutscher Bürgermeister und Vizebürgermeister (so z.B. in Mediasch schon 1938) das Verhältnis der Deutschen zum rumänischen Staat gespannter werden lassen als zuvor. Nach dem Zusammenbruch Rumäniens 1944 wurden die Dienststellen der Volksgruppe und ihrer Organisationen geschlossen und kurz darauf die Führungsschicht der Volksgruppe interniert, wobei jedoch häufig auch bislang politisch   inaktive   Deutsche   miteinbezogen wurden. Die mit Teilen der deutschen Wehrmacht abgezogenen Funktionäre der Volksgruppe waren in den letzten Kriegsmonaten für die Evakuierung der noch im Bereich des deutschen   Heeres   stehenden   deutschen Siedlungsgebiete tätig,  während  im  inzwischen sowjetisch besetzten Rumänien die Lage   der  deutschen   Minderheit   recht-   und schutzlos geworden war. Obwohl sich die rumänischen Behörden anfänglich nicht sehr haßerfüllt zeigten, konnte die Enteignung der deutschen Minderheit mit wenigen Ausnahmen (Dienst im rumänischen Heer, bewußte Stellung gegen die Volksgruppe) nicht verhindert werden, ebenso auch nicht die bald beginnenden Deportationen von Deutschen in die Sowjetunion, der bald darauf nach der kommunistischen  Machtergreifung  die  Verbannungen in die Bärägansteppe folgen sollten. Der politische Schwerpunkt in der deutschen Minderheit Rumäniens lag zwischen 1918 und 1945 weitgehend bei den Siebenbürger Sachsen. Der Widerstand gegen die Volksgruppe ging zum großen Teil von den katholischen Banater Schwaben aus. Trotzdem hat sich dieser - insbesondere in der Kriegszeit - nicht ausgeweitet. Die Geschichte der deutschen Minderheit ist in dieser Zeit bei allen regionalen Unterschieden durch ihre Zusammenfassung im »Verband der Deutschen in Rumänien« und in der Volksgruppe als eine Einheit zu sehen.

Jugoslawien

Der schwäbische Nationalrat, der sich nach dem Ende der Donaumonarchie gebildet hatte, hat die Forderung, das Banat von Ungarn abzutrennen, abgelehnt (8. Dezember 1918). Er setzte sich damit bewußt in Gegensatz zu den serbischen und rumänischen Forderungen. Nachdem der Friedensvertrag von Tria-non das Banat geteilt hatte, haben sich die zu Südslawien bzw. Jugoslawien gekommenen deutschen Bevölkerungsteile in den neuen Staat eingefügt. Die gegen die Deutschen gerichteten Maßnahmen ließen die heterogen in geschlossenen und zerstreuten Siedlungsgebieten lebende deutsche Minderheit rasch zu einem Gemeinschaftsbewußtsein gelangen. Der Mittelpunkt für die deutsche Minderheit wurde das deutsche Siedlungsgebiet im ehemaligen Südungarn mit dem Zentrum in Neusatz.  Hier entstand eine Tageszeitung (Deutsches Volksblatt) und der Schwäbisch-Deutsche Kulturbund (20. Juni 1920). In diesem Bereich waren die jugoslawischen Behörden wegen des noch immer vorhandenen magyarischen Einflusses entgegenkommender, um die deutsche Bevölkerung zu gewinnen. Diese erhielt daher auf kulturpolitischem Gebiet, vor allem im Schulwesen, umfangreiche Zugeständnisse. Der Kulturbund, der sich die Pflege der Volkstumsüberlieferung und Verbreitung desselben ebenso wie die Ausbildung der deutschen Pfarrer und Lehrer als Aufgabe gestellt hatte, konnte bis 1924 in der Woiwodi-na und Syrmien in 128 Ortsgruppen 55000 Mitglieder gewinnen.

In Slawonien, Kroatien und Slowenien hatte der Kulturbund wegen der Gegnerschaft katholisch-klerikaler Kreise anfänglich Schwierigkeiten, sich auszubreiten. Als sich die außenpolitische Situation des Staates festigte, begannen auch in der Woiwo-dina Maßnahmen gegen die deutsche Minderheit. Schon 1922 wurde das gesamte Schulwesen verstaatlicht und 1924 der Kulturbund aufgelöst und sein Vermögen beschlagnahmt. Die im gleichen Zeitraum durchgeführte Agrarreform benachteiligte die deutsche Minderheit, da sie deutschen Bauern Pachtland entzog und diese nur ausnahmsweise in den Kreis der Zuteilungsberechtigten   aufgenommen  wurden. Das sich von der bäuerlichen Genossenschaft Agraria als Ausgangspunkt seit 1922 bildende deutsche Genossenschaftswesen wurde als oft einzige organisatorische Zusammenfassung des Deutschtums in den folgenden Jahren von großer Bedeutung. Anknüpfend an die seit 1906 bestehende Ungarländische deutsche Partei entstand 1922 die Deutsche Partei unter der Leitung von Dr. Ludwig Kremling und Dr. Stefan Kraft, die in der Wahl von 1923 acht Mandate erringen konnte (1925 fünf Mandate; 1927 sechs Mandate) und sich dem Regierungsblock anschloß. Die bis zur Auflösung 1929 bestehende Partei, die sich für die deutsche Minderheit einsetzte, war bei Serben und Slowenen ungern gesehen, wie sich bei den Wahlkämpfen zeigte. Die deutschen Abgeordneten konnten nach vielen Bemühungen 1927 endlich Kommunalwahlen im deutschbesiedelten Gebiet durchsetzen, durch die die deutsche Bevölkerung stärker an der Selbstverwaltung beteiligt wurde, da bis dahin nur ernannte Beamte die Gemeindeverwaltungen versehen hatten. Die Einführung der Königsdiktatur (1929) hob diesen Fortschritt ebenso auf, wie sie die Deutsche Partei verbot und den seit 1927 erneut tätigen Kulturbund zwang, seine Satzungen zu überarbeiten und erneut genehmigen zu lassen, was nach vielen Mühen erst 1931 gelang. Obwohl sich die Minderheitenpolitik seit 1929 verhärtet hatte, konnte unter der Initiative Dr. Krafts das staatliche Zugeständnis zu deutschen Schulen und Gründung einer Schulstiftung erreicht werden.

Da die Parteien einer nationalen Gruppe auch nach der Verfassung von 1931 verboten blieben, schlossen sich die Deutschen der Regierungspartei an, die in Wahlen einem deutschen Kandidaten einen Wahlkreis überließ. Während diese relativ einfache Regelung für die Batschka und das Banat galt, war in Kroatien-Slawonien und Slowenien die Lage schwieriger, da hier die Zahl der Deutschen keine eigenen Kandidaten zuließ. Nur in der Gottschee konnten die Deutschen dem der beiden Kandidaten ihre Stimme geben, der eher auf ihre Interessen einging. Nachdem sich die Schulfrage befriedigend gelöst hatte, wurde die deutsche Minderheit neuerlich, vor allem in Slowenien, beim Erwerb von Grund und Boden behindert. Es gelang erst nach Jahren, diese Beschränkung aufzuheben. Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich in der zweiten Hälfte der 30er Jahre stabilisiert, wobei die engeren Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Jugoslawien eine gewichtige Rolle spielten. In diesem Augenblick kam es zu einer inneren Krise der Volksgruppe. Zum Generationenkonflikt (Hinwendung zur Doppelmonarchie bzw. zum Deutschen Reich) trat mit dem Eindringen nationalsozialistischer Ideen ein ideologischer Konflikt hinzu, der alles bisher Erreichte in Frage stellte. Da diese Erneuerungsbewegung sich vor allem auch der deutschen Bevölkerungsgruppen in Kroatien und Slawonien annahm, die bislang nicht erfaßt worden waren, mußte der Kulturbund seine Tätigkeit erweitern und intensivieren. Die Spaltung des deutschen Volkstums in zwei Lager führte spätestens 1938 dazu, daß eine geschlossene Politik der Volksgruppe nicht mehr möglich war. Da das Deutsche Reich wegen der jugoslawischen Außenpolitik in diesen Auseinandersetzungen keine Partei ergriff und die von Jugoslawien anerkannten Volkstumsorganisationen weiter unterstützte, kam es 1939 zum Ausgleich zwischen den beiden Gruppen. Zwar trat Dr. Stefan Kraft von seinen Ämtern zurück, aber mit Dr. Josef Janko wurde ein gemäßigter Vertreter der Erneuerungsbewegung Vorsitzender des Kulturbundes. Doch kam es zu neuer Erbitterung, als die ältere Generation in der Volkstums- und Genossenschaftsarbeit zurückgedrängt wurde. Als in den Kulturbund nationalsozialistische Ideen eindrangen, Formen von Organisationen der NSDAP übernommen wurden und sogar eine Volksdeutsche Einheitstracht propagiert wurde, kam es zum Widerstand der älteren Generation der Volksgruppe und auch der Kirchen. Die Lage innerhalb der Volksgruppe blieb somit weiterhin gespannt, während der äußere Druck nachließ.

Die Anziehungskraft des Deutschen Reiches begann auf die Volksdeutschen zu wirken, vor allem nach dem Anschluß Österreichs an das Reich. Unter den Volksdeutschen in Slowenien gab es sogar Kundgebungen für einen Anschluß an das Deutsche Reich (März 1939). Die deutsche Minderheit hatte in dem kurzen Zeitraum zwischen dem Kompromiß der Erneuerungsbewegung und der älteren Generation (1939) und der Ausdehnung des Krieges auf Jugoslawien (1941) einen Auf- und Ausbau ihrer Institutionen erlebt. Sie hatte auch vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes profitiert und sich durch eine freiwillige Steuer der Angehörigen der Volksgruppe die erforderlichen Mittel geschaffen, um ihre Organisation unterhalten zu können. Nach dem Militärputsch im März 1941 kam es verschiedentlich zu Zwischenfällen, doch die von der neuen Regierung und der Volksgruppe geübte Zurückhaltung konnte größere Zusammenstöße vermeiden. Bei Kriegsausbruch wurden die Volksdeutschen einberufen. Einige flüchteten in den nächsten Tagen nach Ungarn, Rumänien oder in die Steiermark. Eine Weisung an die Volksdeutschen, dem Stellungsbefehl des jugoslawischen Heeres keine Folge zu leisten, blieb weitgehend unbekannt. Obwohl anfänglich den von der jugoslawischen Regierung als Geiseln festgesetzten Angehörigen der deutschen Volksgruppe Gefahr zu drohen schien, wurden sie sowohl in Peterwardein als auch in Werschetz in der Karwoche 1941 freigelassen. In allen, auch nichtdeutschen Gemeinden, wurden Ortswachen aufgestellt. Im deutschen Siedlungsgebiet kam es zu keinen Kämpfen. Nach der Zerschlagung Jugoslawiens wurde auch die deutsche Minderheit auf die Nachfolgestaaten aufgeteilt. In Kroatien erhielt die deutsche Volksgruppe eine weitreichende Autonomie, die sogar dazu führte, daß ein eigenes Wehrbezirkskommando entstand, also staatliche Funktionen übernommen wurden.

Diese Rechte führten zu kroatischen Befürchtungen, daß die deutsche Minderheit zu einem Staat im Staate werden könne. Im Banat erkannte die jugoslawische Regierung Ne-dic die Deutsche Volksgruppe im Banat und Serbien als juristische Person des öffentlichen Rechts an (Juli 1941). Die deutsche Selbstverwaltung im Banat war eigentlich keine Nationalitätenautonomie mehr, da die deutsche Volksgruppenleitung Exekutivorgan der deutschen Militärverwaltung war, eine Gebietsherrschaft mit staatlichen Aufgaben ausübte und weitgehende Handlungsfreiheit besaß. Die Batschka und Branau wurden von Ungarn besetzt und die dortige deutsche Minderheit damit dem in Ungarn ansässigen Deutschtum angegliedert. Der im Laufe der folgenden Jahre zunehmende Partinsanenkampf gegen die deutsche Wehrmacht und die deutsche Minderheit führte in direkter Linie zur vollständigen Vernichtung der deutschen Volksgruppe durch Arbeitslager, Mord und Vertreibung nach Kriegsende. In der ehemaligen jugoslawischen Volksgruppe wurde ebenfalls für die Waffen-SS und Wehrmacht geworben. Die Werbung der sog. Freiwilligen wurde vielfach unter zumindest moralischem Zwang durchgeführt. Bis Januar 1944 waren im Banat und in Serbien rund 22000 Mann eingezogen, von denen 600 bei der Wehrmacht und der Rest bei der Waffen-SS diente. In der Batschka lag die Zahl Ende 1943 bei 22125 Mann in der Waffen-SS und in Kroatien betrug die Zahl bei der Waffen-SS 17 538 Mann und bei der Wehrmacht 1386.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn (Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. 2), Berlin 1956 (mit weiterer Literatur); Das Schicksal der Deutschen in Rumänien (Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. 3), Berlin 1957 (mit weiterer Literatur); J. Weidlein, Schicksalsjahre der Ungarndeutschen. Die ungarische Wendung (Ostdeutsche Beiträge, Bd. 2), Würzburg 1957; Geschichte der Ungarndeutschen in Dokumenten 1930-1950, hg. von J. Weidlein, Schorndorf 1958; H. Schwind, Jakob Bleyer, Ein Vorkämpfer und Erwecker des ungarländischen Deutschtums (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks B, Bd. 14), nchen 1960; Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien (Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. 5), Berlin 1961 (mit weiterer Literatur); J. V. Senz, Apatiner Heimatbuch. Aufstieg, Leistung und Untergang der donauschwäbischen Großgemeinde Abthausen/Apatin im Batscher Land, Straubing 1966; J. Weidlein, Zur Gechichte der Namensmadjarisierungen, in: Südostdeutsches Archiv 10 (1967) S. 177ff.: Johann Wuescht, Jugoslawien und das Dritte Reich, Stuttgart 1969; Wolfgang Miege. Das Dritte Reich und die deutsche Volksgruppe in Rumänien 1933-1938. Frankfurt/Main 1972: E. Wagner. Quellen zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen 1191-1975 (Schriften zur Landeskunde Sie benbürgens. Bd. 1). Köln/Wien 21981; E. Illyes. Nationale Minderheiten in Rumänien. Siebenbürgen im Wandel (Ethnos. Bd. 23). Wien 1981./m/770

Immo Eberl

18. Werischwar/Pilisvörösvár/ Ungarn

1985

Zweisprachiges Ortsschild

Photographie

 

19. Deutschpilsen/Nagybörzsöny/ Ungarn

1985

Zweisprachiges Ortsschild

Photographie

 

7.18 7.19

 

20. Wegweiser in Rumänien

1984

Photographie

Jugoslawien hat nach Kriegsende die deutsche Minderheit vertrieben. In Ungarn wurden zwar auch zahlreiche deutschstämmige Bewohner vertrieben, doch blieb eine größere Minderheit im Lande. In Rumänien wurden nach dem Krieg überhaupt keine Vertreibungen vorgenommen. Während in Ungarn heute in einigen Orten mit hohem Anteil deutschstämmiger Einwohner Ortsschilder mit deutschem und ungarischem Ortsnamen aufgestellt wurden, ist dieses in Rumänien nicht der Fall. Der dem Dichter Nikolaus Lenau zu Ehren an seinen Geburtsort verliehene Name Lenauheim ist aber von diesen Vorgängen nicht berührt worden, wie der Wegweiser zeigt. Im Jahre 1971 wurde durch ein internes Rundschreiben in Rumänien die offizielle Verwendung der deutschen Ortsnamen untersagt.

 

7.20

 

21. Das Entstehen des deutschsprachigen Pressewesens, am Beispiel des Banats und der Batschka

Tafel

Unmittelbar nach der Erfindung des Buchdrucks begann der Siegeslauf des Pressewesens. Zeitungsähnliche Flugblätter in Form von Ein- oder Mehrblattdrucken haben die Reformation Luthers verbreitet und den Dreißigjährigen Krieg begleitet. Diese meist als Neue Zeitung bezeichneten Flugblätter wollten die breite Bevölkerung informieren. Mit dem 17. Jahrhundert entstand die periodische Presse, die ihre Publikationen zunächst meist wöchentlich erscheinen ließ. Die ersten Wochenblätter sind aus Wolfenbüttel und Straßburg (beide 1609) bekannt. Schon 1622 erschien eine Wochenzeitung in Wien. Bald genügte die wöchentliche Nachrichtenübermittlung nicht mehr: 1650 erschien in Leipzig bereits die erste Tageszeitung. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Zeitungen nur von geringer Auflagenhöhe. Erst ab dieser Zeit begann sich die Massenpresse durchzusetzen, die mit der Erfindung von Rotationsmaschine (1872), Setzmaschine (1884), Telegraph und Telephon die für das heutige Zeitungswesen erforderlichen Voraussetzungen erhielt.

Über die Vorgänge in Ungarn und Siebenbürgen hatten Einblattdrucke und Zeitungsnachrichten, z.B. die Fugger-Zeitung, schon früh ihre Leser informiert. Sicherlich haben die Zeitungsberichte den einen oder anderen Kolonisten bewogen, nach Ungarn aufzubrechen. Trotz der dauernden Verkehrsverbindungen zwischen den neuen Siedlungsgebieten an Donau und Theiß sollte nach dem Beginn der Rückeroberung Ungarns beinahe noch ein ganzes Jahrhundert vergehen, bis in diesem Raum eigene Zeitungen zu erscheinen begannen. Als erstes Wochenblatt des Banats - und Südungarns überhaupt - erschienen ab 1771 die Temesvarer Nachrichten. Als Herausgeber firmierte der Buchdruk-ker Matthäus Heimerl, der erst 1770 in Te-meschburg eine Druckerei eröffnet hatte, über deren Errichtung seit 1758 mit einer Reihe von Interessenten verhandelt worden war. Heimerl hatte wenige Monate nach Eröffnung seiner Druckerei im alten Seiden-Haus in der Fabri-que-Vorstadt bei der Landesadministration das Gesuch eingereicht, eine Zeitung und einen Kalender herausgeben zu dürfen. Beides wurde ihm erlaubt. Die Zeitung brachte Ankündigungen, Nachrichten aus Wiener Blättern und wirtschaftliche Mitteilungen, z. B. über Wochenmärkte und Preise. Der Preis belief sich pro Ausgabe auf 1/2Groschen, höchstens aber zwei Kreuzer.

Die Zeitung erschien im Halbbogenformat mit vier Seiten, denen jede zweite Woche eine Beilage als Anhang hinzugefügt wurde. Die Beilage umfaßte 2-4 Seiten, der Gesamtumfang des Blattes konnte daher bis zu acht Seiten betragen. In den Beilagen wurden Aufsätze veröffentlicht, die den Leser weiterbilden oder belehren sollten, wie z.B. über die Geschichte des Banats oder die Art und Weise, wie Seidenraupeneier am besten auszubrüten sind. Matthäus Heimerl hat durch diese Beiträge, zu denen noch beißende Satiren auf die Temeschburger Gesellschaft seiner Zeit hinzukamen, den Kreis seiner Abonnenten keineswegs auf die dünne Intellektuellenschicht seiner Stadt beschränken, sondern anscheinend weite Kreise bis zum Landwirt in der Umgebung der Stadt ansprechen wollen. Sein Bemühen ist jedoch gescheitert. Die Temesvarer Nachrichten haben schon bald wieder ihr Erscheinen eingestellt. Spätestens seit 1774 erschien beim Buchdrucker Heimerl über einige Jahre hinweg der erste Banater Kalender, der schon 1771 genehmigt worden war. Der zweite Gründungsversuch einer Zeitung wurde von dem Wiener Buchdrucker Johann Thomas von Trattner gemacht, der beim Stadtmagistrat von Temeschburg 1784 um die Herausgabe einer Zeitung mit politischem, ökonomischem und kommerziellem Inhalt nachsuchte. Trattner hat Matthias Heimerl mit Druck und Herausgabe dieser Temesvarer Zeitung beauftragt, den Mann also, der wahrscheinlich auch den Antrag Trattners angeregt haben dürfte. Da Heimerl wenige Wochen nach der Zustimmung des Stadtmagistrats starb und die Druckerei an seinen Schwiegersohn Josef Slovacsek überging, der als Ge-mischtwarenhändler nicht die entsprechende Vorbildung besessen haben dürfte, scheint das Trattnersche Projekt im Sande verlaufen zu sein. Als sich der Buchdrucker Josef Eisenführer in Temeschburg niederließ (1787), stellte er den Antrag, den Temesvarer Merkur als Wochenblatt herausgeben zu dürfen, was ihm genehmigt wurde. Dieser dritte Versuch schlug ebenfalls fehl. Genauso oder ähnlich ging es den weiteren Versuchen, ein Temesvarer Wochenblatt (1805) und einen Tagesbericht (1809) zu gründen. Erst ab 1831 konnte sich das Temesvarer Wochenblatt als reines Anzeigenblatt halten und ab 1840 als Zeitschrift für Wissen, Kunst und Industrie im Format Großquart mit einer Stärke bis zu 16 Seiten umgestaltet werden. Nachdem 1848 die Pressefreiheit verhindert war, errichtete Ernst Heim-Hazay eine weitere Buchdruckerei, in der er den Tagesanzeiger und den dreimal wöchentlich erscheinenden Südungar verlegte.

Während diese Zeitungen im Herbst 1848 eingestellt wurden, konnte sich das Wochenblatt noch bis zum 29. Juni 1849 halten. An seine Stelle trat der Temesvarer Anzeiger (1. Oktober 1849-März 1892). Nachdem 1851 in Temeschburg eine Filiale der Wiener Hof-und Staatsdruckerei eröffnet worden war, erschien dort neben dem Landesgesetzblatt die amtliche Temesvarer Zeitung in einer Auflage von 1000 Exemplaren sechsmal in der Woche. Dieses Blatt sollte sich zur Zeitung der Temeschburger und Banater entwickeln und diese Stellung über alle Zeitläufe und damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen hinweg bis in die Gegenwart bewahren. Die Stellung der Zeitung als anfängliches Amtsblatt ließ erst bis 1861 eine zweite Zeitung am Ort entstehen. Nachdem in Groß-Betschkerek seit 1851 das Großbecskereker Wochenblatt mit einem Notizenfeuilleton und nachgedruckten Nachrichten erschien, in Lugosch seit 1853 der Lugoscher Anzeiger und in Wer-schetz seit 1857 der noch nach dem Ersten Weltkrieg erscheinende unpolitische Wer-schetzer Gebirgsbote, war die Anzahl der Banater Zeitungen bis 1861 auf fünf gestiegen. Zu diesen Blättern kamen 1867 die Weißkirchner Anzeigen hinzu, die als Beilage des Wer-schetzer Gebirgsboten erschienen, ferner 1868 die Neue Temesvarer Zeitung, die 1912 in der Temesvarer Zeitung aufging, und der Berggeist für Orawitza sowie 1873 das Orso-vaer Wochenblatt. Die Zahl der Zeitungen nahm nach 1873 noch zu. Erst durch das Landes-Regierungsblatt, das in deutsch, ungarisch, serbisch und rumänisch 1851-1860 erschien, wurden die Voraussetzungen für nationale Blätter geschaffen. Die erste Zeitung in serbischer Sprache erschien 1851, in ungarischer Sprache 1858 und in rumänischer 1872.

In Temeschburg erschienen 1902 je zwölf deutsche und ungarische Zeitungen und eine rumänische Zeitung. Die Magyarisierungsbe-strebungen haben zwischen 1898 und 1910 dazu geführt, daß sich die deutschsprachige

Presse um neun Zeitungen, das sind rund 20% ihres Bestandes, verringerte, während die ungarische um 16, d.h. 61 %, zunahm. Nach der Jahrhundertwende begann die Arbeit für die Erweckung und Stärkung des deutschen Volksbewußtseins. Die Herausgeber der deutschen Zeitungen wurden vielfach wegen dieser Bemühungen von der ungarischen Regierung verfolgt und wegen angeblicher Aufreizung ihrer Leser zu hohen Strafen verurteilt. Eine solche Strafe hat z. B. auch Edmund Steinacker als Zeitungsherausgeber erhalten. Durch dieses Vorgehen des Staates ging die Zahl deutscher Zeitungen weiter zurück. Anfang der 30er Jahre erschienen im rumänischen Teil des Banats nur noch 27 deutsche Blätter.

 

Die Zeitungen des Banats

Jahr deutsche ungarisch-deutsche

(zwei-sprachig)
ungarische serbische rumänische
1889 37 2 - - -
1898 46(in 19 Orten) - 26 (in 12 Orten) 11 (in 3 Orten) 4 (in 3 Orten)
1910 37 (darunter5 Tageszeitungen) - 42 (darunter6 Tageszeitungen) 2 9

 

In der Batschka erschienen eigene Zeitungen erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts: 1856 der BacskaerBote, 1857 das Neusatzer Kreisblatt, 1877 die Bacs-Bodroger Presse und 1884 die Neusatzer Zeitung. Weitere Zeitungen kamen sogar erst nach der Jahrhundertwende dazu. Die deutschen Zeitungen der Batschka hatten beinahe ausschließlich örtliche Bedeutung. Die meisten Blätter waren patriotisch-ungarisch eingestellt und traten daher mit wenigen Ausnahmen nicht für das deutsche Volkstum ihrer Leser ein, wie es der Herausgeber der SüdbacskaerZeitung, Adam Welker, tat. Er wurde dafür wiederholt wie seine Kollegen im Banat wegen Aufreizung seiner Leser verurteilt und hart bestraft. Die Entwicklung der deutschsprachigen Presse im übrigen Ungarn vollzog sich ähnlich wie im Banat und in der Batschka.

Die zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen waren an einer Vertretung des Deutschtums kaum interessiert, dazu kam noch, daß viele Zeitungen nur kurze Zeit bestanden. Es ist festzuhalten, daß die deutschsprachigen Zeitungen die ältesten und bedeutendsten des Landes waren. Erst um die Jahrhundertwende trat im Zusammenhang mit der Magyarisierungspolitik der Regierung die zahlenmäßige Wende ein, bei der die deutschen Zeitungen zahlenmäßig ab-und die ungarischen zunahmen. Es ist dabei zu beachten, daß die meisten Zeitungen keine über ihre engste Umgebung hinausreichende Bedeutung besessen haben. Zu überregionaler Bedeutung gelangte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem der Pester Lloyd als Organ der Kaufleute. Er galt in der Donaumonarchie als eines der besten Blätter und war weit verbreitet. In Budapest hat Gustav Heckenast (1811-1878) als Verleger und Buchdrucker für das deutsche Zeitungswesen gewirkt.

Als der Widerstand der deutschen Volksgruppe gegen die Magyarisierung begann, wurde das von der Presse ausgehende politische Gewicht erkannt und entsprechend zu nützen versucht. Vor dem Ersten Weltkrieg werden in Ungarn acht Zeitungen aufgezählt, die die deutsche Bewegung förderten, und zwei Zeitungen, die ihr wohlwollend gegenüberstanden, sowie eine literarische Zeitschrift. Es handelte sich dabei um: Deutsches Tagblatt für Ungarn, Temeschburg (ab 1904: Deutschungarischer Volksfreund, Temeschburg) Südungarischer Generalanzeiger, Werschetz Bacs-Bodrogher Zeitung, Apatin

Deutsche Bürgerzeitung, Hermannstadt Budapester Tagblatt, Budapest Ungarisch-Weißkirchner Volksblatt Deutsches Bauernblatt für Ungarn, Budapest Raiffeisenbote für Südungarn, Temeschburg Die neue Zeit, Lugosch »Von der Heide«, Temeschburg

Die übrigen deutschsprachigen Zeitungen haben sich von der deutschen Bewegung zurückgehalten und ihre Leser nur informiert. Nach Kriegsende 1918 war für die deutschen Minderheiten die Frage eigener, deutschsprachiger Zeitungen von großer Bedeutung. Jeder in Ungarn, Rumänien und Jugoslawien entstehende deutsche Kulturbund hat sich um Presseorgane für seine Volkstumsarbeit bemüht. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gingen zwar die meisten deutschsprachigen Zeitungen unter, doch konnten einige wieder entstehen, wie das Beispiel der Temesvarer Zeitung, der Karpatenrundschau in Kronstadt und einiger anderer Zeitungen beweist.

Literatur: Geschichte der deutschen Literatur in Österreich-Ungarn im Zeitalter Franz Josephs I., ein Handbuch, hg. von E.Castle, Bd. 1-2, Wien 1930-1931; Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums, hg. von C. Petersen, P. H. Ruth, O. Scheel und H. Schwalm, Bd. 1, Breslau 1933; E. Weisenfeld, Geschichte der politischen Publizistik bei den Siebenbürger Sachsen, Frankfurt am Main 1939; K. Paupie, Handbuch der österreichischen Pressegeschichte, Bd. 1-2, Wien 1960-1966; E. Prokopowitsch, Die Entwicklung des Pressewesens in der Bukowina, Wien 1962;A. Krischan, Die »TemesvarerZeitung« als Banaler Geschichtsquelle (1852-1949), München 1969; Die Zeit in der Zeitung. Beiträge zur rumäniendeutschen politischen Publizistik, hg. von E. Eisenburgerund M. Kroner, Cluj-Napoca 1977; Geschichte der Deutschen auf dem Gebiete Rumäniens, hg. von C. Göllner, Bukarest 1979; H. Meschen-dörfer, Das Verlagswesen der Siebenbürger Sachsen. Ein Überblick, München 1979; 250 Jahre deutschsprachige Presse in Ungarn, hg. von J. Nemes, Wien/Budapest 1982; A. Krischan, Die deutsche periodische Literatur des Banats. Zeitungen, Zeitschriften, Kalender 1771-1971. Bibliographie, Wien 1984.

Immo Eberl

 

22. Temeswarer Nachrichten Nummer IV

9. Mai 1771

Druck; Verleger: Mathäus Joseph Heimerl,

K.K. priv. Administrations-Buchdrucker,

Temeschburg

2 Blätter

Hofkammerarchiv, Banater Akten, rote Nr. 73,

fol. 660 f. zu GZ67 ex Augusto 1771

Kaiser Joseph II. befahl in seiner Eigenschaft als Mitregent am 3. Juli 1771, daß ihm die bisher erschienenen Nummern der neuen Temeswarer Nachrichten vorgelegt werden sollten. Diese Zeitung erschien wöchentlich seit 18. April 1771 in der Hauptstadt des Banats, übernahm wichtige Nachrichten aus dem Wie ner Diarium oder veröffentlichte lokale Meldungen und Mitteilungen. Am 20. Juli 1771 erstattete die Hofkammer in Banatis und Domänenangelegenheiten dem Kaiser unter Vor lage der 13 ersten Nummern einen Vortrag.

Joseph II. unterfertigte als Corregens folgende Resolution: Mit der Herausgabe dieser Zeitungsblätter kann fernerhin fortgefahren wer den, und ist Mir anzuzeigen, welchem derenAdministrations Räthen derselben Revision obliege.                                   

Gottfried Mraz

23. Temesvarer Wochenblatt für nützliche Unterhaltung und heimatliche Interessen

N° 1, 7. Januar 1843

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

24.  Deutsches Tagblatt für Ungarn

Nr. 2, 18. Dezember 1900

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

25. Sonntagsblatt. Wochenzeitung für das deutsche Volk in Ungarn

Nr. 4, 25. Januar 1931

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

7.22 7.24
   
7.23 7.25
   

 

26.  Sonntagsblatt. Wochenzeitung für das deutsche Volk in Ungarn

Nr. 7, 15. Februar 1931

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

27.  Deutsch-ungarischer Volksfreund

Organ für Handel, Gewerbe, Landwirtschaft, gesellschaftliches Leben und kulturelle Interessen

Nr. 8, 20. Dezember 1903

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

28.  Von der Heide. Monatsschrift für Kultur und Leben

Januar 1912. 1. Heft, IV. Jg.

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

Literatur: >Von der Heide<. Anthologie einer Zeitschrift, hg. von W. Engel, Bukarest 1978

 

29.  Deutsche Mittheilungen. Eigenberichte aus Krain und Küstenland

Nr. 19, 15. Oktober 1901

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

7.26 7.28
   
7.27 7.29
   

 

30.  Mitteilungen des Vereines der Deutschen in Bosnien und der Herzegowina

Nr. 2, 1912

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

31.  Die Karpathen. Halbmonats schrift für Kultur und Leben

Nr. 15, I.Mai 1910

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

32. Die Lenauschule

Hrsg. v. der Neuen Banater Zeitung

April 1982

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

33. Deutsche Mittheilungen. Eigenberichte aus Krain und Küstenland

Nr. 12, 30. Juni 1901

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

Die Anzeigenseite ist vor allem durch die Anzeige für die Auswanderung nach Amerika wichtig.

 

7.30 7.32
   
7.31 7.33
   

 

34. Banater deutscher Volks-Kalender

1.Jg. 1901

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

35.  Illustrierter protestantischer Hauskalender

für das Jahr 1890, Budapest 1889

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Photographie

 

7.34 7.35

 

36.  Führende Persönlichkeiten in der Politik

Tafel

Die in den Türkenkriegen eroberten ungarischen Gebiete blieben zunächst unter direkter Verwaltung der Wiener Hofstellen. Das gilt insbesondere für die sogenannte Militärgrenze, die schon im 16. Jahrhundert an Österreichs Südgrenze und in Kroatien errichtet im 18. Jahrhundert über Slawonien nach Siebenbürgen ausgedehnt wurde und bis 1873 bestehen blieb. Das Temeschburger Banat ist 1718 ein selbständiges Verwaltungsgebiet gewor-den. So strömten die »Schwabenzüge« in Territorien, deren politische Verhältnisse vom Kaiserhof in Wien bestimmt wurden, und nur zum Teil auf den Boden der 1718 neu errichteten ungarischen Komitate und in die Grundherrschaften der ungarischen Adeligen. Aber hier wie dort boten Landesverfassung und Gesellschaftsordnung den Siedlern höchstens im lokalen Bereich Möglichkeiten zur Mitarbeit in der Verwaltung und zur politischen Mitge-staltung der Lebensbedingungen. Im Zuge der mariatheresianischen Reformen wurde 1778 das Banat als eigene Reichsprovinz aufgelöst und Ungarn eingegliedert. Entsprach das ganz den schon lange geäußerten Wünschen des ungarischen Reichstages, so hat die folgende Reformperiode Kaiser Josephs II. (1780-1790) zu einer heftigen Oppositionsbewegung in Ungarn geführt. Insbesondere stießen seine Anordnungen von 1783 auf Widerstand, in der ganzen Monarchie die deutsche Amtssprache einzuführen. Obzwar dadurch nur das gelehrte Latein hätte verdrängt werden sollen, stärkte die Reaktion das magyarische Selbstbewußtsein und den Wunsch zur Durchsetzung des Ungarischen als alleinige Sprache im öffentlichen Leben auf dem ganzen Gebiet des Stephansreiches.

Das aber zu akzeptieren, fiel wiederum der nichtmagyarischen und insbesondere der deutschen Bevölkerung in Ungarn schwer oder erschien ihr gar unmöglich. Nicht zufällig setzt gleich nach des Kaisers Tod der »Sprachkampf« ein, der dann in immer stärkerem Maße die politische Auseinandersetzung in Ungarn bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie bestimmen sollte. Noch 1790 und dann wieder 1791 wandte sich der Temeschburger Schuldirektor, der aus der Zips stammende Dr. theol. Albert Karlitzky (t 1803) in zwei Eingaben an den neuen Kaiser Leopold II. 1809 spricht der Tolnauer De-chant Josef Puksch in seinem an den Hof gerichteten Schreiben bereits davon, daß »die deutsche Sprache in Ungarn täglich auffallender verfolgt wird«, und macht auf die unguten Folgen in Kirche und Schule aufmerksam. Nach der Revolution von 1848 erhoffte man sich eine Besserung der Zustände durch direkte Unterstellung unter kaiserliches Regiment. Die Serben waren vorausgegangen und forderten eine eigene Wojwodschaft. Das hat die Deutschen im Banat und in der Batschka zu zwei Petitionen an den Kaiser veranlaßt, die aus Bogarosch und Hatzfeld vom 2. Oktober und 8. November 1849 datieren und von dem Bogaroscher katholischen Pfarrer und De-chanten Josef Nowak (f 1880) verfaßt waren. Man fürchtete, vom Regen in die Traufe zu kommen, und so erbaten die über 150 Vertreter von nicht weniger als 27 deutschen Gemeinden:

Wir wünschen nichts sehnlicher, als unter dem unmittelbaren Schutz Eurer Majestät, Glieder der großen Österreichischen Monarchie zu sein, doch sollte es Eurer Majestät gefallen, den Serben zur Wahrung ihrer Nationalität einen Woiwoden, den Rumänen einen Capi-tain, den Slovenen Oberungarns ein eigenes Oberhaupt zu geben, so wagen auch wir demütigst Gefertigte im Namen Aller deutschen Gemeinden kniefällig zu bitten: Allerhöchstdieselben möge auch uns, etwa unter dem Namen eines deutschen Grafen, nach dem Vorbild des Sachsengrafen in Siebenbürgen, ein unmittelbares Oberhaupt einzusetzen geruhen ...

Interessant an der Petition ist sowohl die Berufung auf das Beispiel der durch ihre Privilegien politisch besser gesicherten Siebenbürger Sachsen, als auch die Tatsache, daß ungefähr zur selben Zeit auch in Siebenbürgen Pläne auftauchten, die Unmittelbarkeit der Siebenbürger Sachsen gegenüber dem Kaiser durch Schaffung gar eines eigenen Kronlandes, einer deutsch regierten »Markgrafschaft Sachsen« zu stärken. Der Plan war schon deshalb utopisch, weil das Sachsenland in Siebenbürgen nicht zuletzt infolge des Konzivilitätsdekretes Josephs II. von 1781 längst nicht mehr rein von Deutschen bewohnt war, sondern jedermann hier Grund und Boden erwerben und politische Rechte ausüben konnte. So mündete die politische Entwicklung in Siebenbürgen in die schon während der Revolution 1848 beschlossene und dann 1868 durchgeführte Union mit Ungarn. Der »Schwabenpetition« aber folgte zunächst noch 1849 die gänzlich unbefriedigende Gründung eines neuen Verwaltungsgebietes unter dem Namen »Serbische Wojwodschaft und Temesva-rer Banat«, das bis 1860 Bestand hatte. Wohl nicht zufällig begegnen »nationale Zirkel« der deutschen Bevölkerung zuerst im Banat bzw. auf dem Gebiet der dort ehemals bestehenden Militärgrenze, und zwar unter dem auch als historischer Schriftsteller hervortretenden Bürgermeister Leonhard Böhm (1833-1924; im Amt 1873-1874 und 1889-1893) in Weißkirchen, wo der Anteil der Deutschen 70 % war.

Erfolgreich setzte man sich Magyarisierungsbestrebungen am Ort entgegen. Eine über den lokalen Bereich hinausgehende »Politisierung der Schwaben« in Ungarn ist dann untrennbar mit dem Namen Edmund Steinackers (1839-1929) verknüpft. Der mütterlicherseits aus der Zips, väterlicherseits aus Sachsen stammende Pfarrerssohn hatte seine Jugend in Triest, Ödenburg und Weimar verbracht, dann in Stuttgart und Tübingen studiert und war seit 1867 in Budapest in industriellen und gewerblichen Organisationen tätig. Sein publizistisch tätiger Schwiegervater, der Preßburger Theologe Eduard Glatz (1812-1889), mag ihn zu politischer Tätigkeit für das ungarländische Deutschtum veranlaßt haben. Als Abgeordneter siebenbürgischer Wahlkreise war Edmund Steinacker 1875-1878 und 1881-1888 Budapester Parlamentsmitglied. Auch nach der erzwungenen Übersiedlung nach Wien 1891 blieb er, gewonnen durch den Banater Sparkassendirektor und Mäzen der deutsch-ungarischen Presse Johann Anheuer (1842-1928) in Neu-petsch, weiterhin für das Ungarndeutschtum unermüdlich politisch tätig, was 1906 in Wer-schetz in der Gründung der »Ungarländisch-Deutschen Volkspartei« unter Vorsitz des Weißkircher Rechtsanwaltes Dr. Ludwig Kremling (1861-1930) gipfelte. Der erste donauschwäbische Parlamentsabgeordnete in Budapest wurde dann nach den Wahlen von 1910, bei denen sich diese Partei erstmals beteiligte, der vom Agramer Landtag nach Budapest entsandte Ferdinand Riester (1846-1911), Brauereibesitzer und Bürgermeister in Ruma in Syrmien, wohin erst dessen Vater 1829 aus Württemberg eingewandert war. Wie dem ebenfalls in Wien lebenden Banater Schriftsteller Adam Müller-Gutten-brunn (1852-1923), dem Mitbegründer des »Deutsch-ungarischen Kulturrates« in Wien (1911), konnte auch Steinacker in Ungarn kein politisches Mandat ausüben. Mit größten Hoffnungen war aber seine Beratertätigkeit im Reformkreis um den  österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand verknüpft. Nachdem dessen Ermordung in Sarajewo (1914) und der Erste Weltkrieg (1914-1918) der Habsburgermonarchie ein Ende bereitet hatte, wurde in deren Nachfolgestaaten Minderheitenpolitik nur um so notwendiger. Steinacker hat sie noch selbst mit seinem Rat begleitet, und es waren zum Teil seine jüngeren Mitarbeiter und Freunde, die nun hervortraten, wie der an der Budapester Universität als Germanist tätige Professor Dr. Jakob Bleyer (1874-1933) aus der Batschka, der 1919-1920 gar ungarischer Nationalitätenminister war, der Siebenbürger Sachse Rudolf Brandsch (1880-1953), Theologe, Schulmann und Politiker, in Rumänien, wo er 1931-1932 Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen war, und in Jugoslawien Dr. Stefan Kraft (1884-1959), der erste Präsident der 1922 hier gegründeten »Partei der Deutschen« und 1923-1939 der politische Sprecher der Deutschen im Belgrader Parlament.

Literatur: A. Müller-Guttenbrunn, Deutsche Sorgen in Ungarn. Studien und Bekenntnisse, Wien-Warnsdorf-Leipzig 1918; F. Walter - H. Steinacker, Die Nationalitätenfrage im alten Ungarn und die Südostpolitik Wiens, (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 3) München 1959; H. Schwind, Jakob Bleyer. Ein Vorkämpfer und Erwecker des ungarländischen Deutschtums, München 1960; A. P. Petri, Josef Novak und die Bittschriften an den Kaiser, (Südostdeutsches Kulturwerk, Kleine Südostreihe, Heft 5) München 1963; V. Oberkersch, Die Deutschen in Syrmien, Slawonien und Kroatien bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Stuttgart 1972; I. Senz, Die nationale Bewegung der ungarländischen Deutschen vordem Ersten Weltkrieg. Eine Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Alldeutschtum und ungarischer Innenpolitik, (Buchreihe des Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 30) München 1977; G. Schödl, Alldeutscher Verband und deutsche Minderheitenpolitik in Ungarn 1890-1914. Zur Geschichte des deutschen 'extremen Nationalismus', (Erlanger Historische Studien, Bd. 3) Frankfurt am Main/Bern 1978; E. Eisenburger, Rudolf Brandsch, Cluj-Napoca 1983.

Harald Zimmermann


37. Eingabe des Dechanten Joseph Puks (Puksch) von Tolnau wegen der Diskriminierung des Deutschtums in den Komitaten Tolna, Baranya und Bacs

W.August 1809

Feder auf Papier; 4 Blatt; stark beschädigt (Brand des Justizpalastes 1927) und restauriert durch beidseitiges Beschichtungsverfah-ren (Laminierung)

Größe: a) 230 x 195 mm; b) 380 x 240 mmWien, Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines   Verwaltungsarchiv,   Polizeihofstelle ZI. 263/1809, fol. 4, 5,44 und45.

Michael Göbi

 

37a. Josef Novak: Bittschrift an den Kaiser 1849

Edition in: Adam Müller-Guttenbrunn, Deutsche    Sorgen    in    Ungarn,   

Wien-Warnsdorf-Leipzig 1918, S. 106-113

Universitätsbibliothek Tübingen

Adam Müller-Guttenbrunn nahm in seinem 1913 erscheinenden Buch in dem Kapitel Ein Dokument der Banater Schwaben die Petition Novaks, die selbiger an den Kaiser richtete, im Wortlaut auf. Das Original befindet sich im bischöflichen Archiv von Temeschburg. In seinem Schreiben äußert Novak die Bitte, ein unmittelbares Oberhaupt zu haben, unter dessen Schutz unsere Angelegenheiten (der Deutschen in Ungarn), Gerichtspflege und öffentliche Verwaltung in deutscher Sprache und nach deutscher Sitte behandelt werde. Der Grund dafür war der Wunsch nach Gleichberechtigung unter den Minderheiten Ungarns.

Literatur: A. P. Petri, Josef Novak und die Bittschriften an den Kaiser (Südostdeutsches Kulturwerk, Kleine Südostreihe Heft 5), München 1963.                                              

Ute Richter


7.37

 

38. Edmund Steinacker (1839-1929), deutscher Politiker in Ungarn

Portraitphotographie

Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Steinacker wirkte hauptsächlich von Wien aus, um sich für die Deutschen in Südosteuropa einzusetzen.

Seine Jugendjahre verbrachte er teils in Ungarn, teils in Weimar und Stuttgart. Er ließ sich zum Ingenieur ausbilden. Erst mit 36 Jahren trat er aktiv in die Politik ein, indem er als Vertreter der Siebenbürgischen Wahlkreise Bistritz und Heitau ins Parlament zog. Er entwickelte sich immer mehr zum deutschen Minderheitenpolitiker und war um 1890 in Budapest politisch isoliert, weshalb er nach Klosterneuburg bei Wien umsiedelte. Von hier aus förderte er die Ungarländisch-Deutsche Volkspartei, die in Werschetz gegründet wurde, unterstützte deutschfreundliche Zeitungen in Ungarn wie das Deutsche Tagblatt für Ungarn (ab 1904 Wochenzeitung Deutschungarischer Volksfreund) und hielt unter anderem engen Kontakt mit Kremling, Brandsch, Müller-Gut-tenbrunn, Röser, Kraft und Riester.

Literatur: E. Steinacker, Lebenserinnerungen, München 1937; H. Steinacker, Edmund Steinacker 1839-1929, in: Ders., Austro-Hungarica, München 1963, S. 312-325; I. Senz, Die nationale Bewegung der ungarländischen Deutschen vor dem ersten Weltkrieg, München 1977.                                   

Ute Richter

 

39. Ferdinand Riester (1846-1911), deutscher Politiker in Jugoslawien

Portraitphotographie

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Riester wurde in Ruma/Syrmien als Sohn württembergischer Auswanderer geboren und trat nach einer Brauereiausbildung in Preßburg und München in den elterlichen Betrieb ein.

 

7.38 7.39

 

40. Volkstumskarte von Ungarn, Sektion 21 (Fünfkirchen)

712 x 498 mm

gedrucktes Blatt, koloriert

Maßstab: 1:200000

Wien 1941

W(ilfried) Krallert

Kriegsarchiv Wien B IX c 771-35

Grundlage ist ein Graudruck mit blau eingetragenem Gewässernetz der ehemaligen Österr. Karte 1:200000. Das gesamte Kartenwerk besteht aus 23 Blättern und zeigt Ungarn in den Grenzen von 1941 vor dem Jugoslawien-Feldzug.

In verschiedenen Farben sind die Symbole der einzelnen im Bereich von Fünfkirchen lebenden Volksgruppen eingezeichnet. Als Unterlage der Arbeit dienten die Ergebnisse der ungarischen Volkszählung von 1930.

Erich Hillbrand

 

41. Festung Ofen

1748

Planskizze; Ablichtung der vom österreichischen GenieoffizierFrangois Langer entworfenen

Karte nach einem handgezeichneten Original in der kriegsgeschichtlichen

Kartensammlung Budapest 480x990 mm;

Maße des Originals: 650 x 1520 mm Dr. Paul Ginder, Stuttgart

Die vom ungarischen König Bela IV. nach dem Mongolensturm auf dem mächtigen Festungsberg am rechten Donauufer in der Zeit 1240/ 1260 erbauten Festung und die anschließende Bürgerstadt wurde mit deutschen Kolonisten aus der gegenüberliegenden Stadt besiedelt. Die Bürger verliehen ihr nicht nur den Namen ihrer Mutterstadt Ofen, sondern nahmen auch ihre Privilegienurkunde mit. Allmählich entwik-kelte sich Ofen (ungarisch Buda) zur königlichen Haupt- und Residenzstadt Ungarns. Die deutschen Bürger regelten selbständig ihre Verhältnisse im Sinn des >Rechtsbuches von Ofen< aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Seit dem Fall Konstantinopels galt Ofen als die glanzvolle Metropole Südosteuropas. Nach manchen Stürmen geriet sie im Jahre 1541 durch Sultan Süleyman dem Prächtigen unter die Herrschaft der Osmanen, die sie als den Schlüssel zu Konstantinopel und Jerusalem betrachteten. Erst am 2. September 1686 konnte Ofen von den vereinigten Heeren unter Leitung des kaiserlichen Feldherrn Herzog Karl von Lothrigen zurückerobert werden. In dem 177 Tagen währenden erbitterten Kampf wurde sowohl die Stadt wie die Festung völlig zerstört. Ihre würdige Wiederherstellung als glanzvolle Hauptstadt des vom Türkenjoch durch deutsche Hilfe befreiten Ungarns begann zur Zeit der Herrscherin Maria Theresia. Die Wiederherstellung der Festung und des Zentrums der Bürgerstadt verdeutlicht der Plan des kaiserlichen Genieoffiziers Langer. Die andersnational besiedelten Randsiedlungen wie die Wasserstadt (damals >Kroatenstadt< auf der Karte >Ville des Raszins«, d.h. Raitzenstadt genannt) wie der Tabän (damals >Raitzenstadt< genannt) sind auf der Karte nur angedeutet, wobei dem Zeichner eine Verwechslung der Raitzen (Serben) mit den Kroaten unterlief.

Literatur: A. Kubinyi, Die Anfänge Ofens, Berlin 1972; K. Mollay, Das Ofener Stadtrecht. Eine deutschsprachige Rechtssammlung des 15. Jahrhundert aus Ungarn, Weimar 1959.

Paul Ginder


42. Straßenkarte von Ofenpest (heute Budapest)

1844

Papier; 506 x 760 mm

Dr. Paul Ginder, Stuttgart

Das vom Türkenjoch mit deutscher Hilfe befreite und neu aus seinem Steinhauffen wiederum aufwachsende Ofen und dessen Schwesterstadt Pest wurden überwiegend von deutschen Bürgern besiedelt, die ihre Umwelt nach deutscher Art gestalteten. Diese Entwicklung dauerte bei den Bürgern der deutschen Städte Ofen, Pest und Altofen - welche im Jahre 1873 zur Metropole Budapest, der jetzigen Hauptstadt Ungarns, vereinigt wurden - tief in die Zeiten der ungarischen Reformperiode hinein.

Das einschlägige Straßennamenmaterial ist insbesondere bei den zeitgenössischen Baedeckern, so in den Werken von J. A. Dorffinger (1827, 1829), G. L. Feldmann (1844), J.V. Häuffler (1854), am eindrucksvollsten wohl im einschlägigen Werk des Pester Arztes J.C.Seiz (1855, 1859) bzw. in den diesen Werken angehefteten Stadtplänen festgehalten. Auf dieser Grundlage ist der Stadtplan aufgebaut. Die Straßenbezeichnungen weisen bei beiden Städten in der Zeit von 1844 durchwegs deutsche Straßennamen auf. Ungarische Namengebung erscheint nur in zwei Fällen. Charakteristisch ist hierbei das eine scharfe Kritik seitens Anton Tafferners herausfordernde Verhalten der ehemaligen Donauschwaben, wonach man bei der Namensgebung grundsätzlich auf Persönlichkeiten aus dem Reich verzichtete und auch die Größen der    österreichischen     Geschichte    kaum berücksichtigte. Immerhin bedachte man bei diesem Vorgang die anwohnenden Nationalitäten (Serben, Kroaten, Ungarn usw.) sowie die örtlichen Größen (Rombach, Konti, Karpfenstein, Valero). Am köstlichsten sind einige Hinweise auf die spezielle Umwelt dieser Bürger, wie z. B. die Krammetsvogelgasse, oder ihr erfrischender Humor, indem man eine kleine Straße mit mehreren Gasthäusern »Verder-bergasse< nannte.Traurig stimmt der Umstand, daß man diese herzerfrischenden deutschen Straßenbenennungen im Taumel der nationalen Begeisterung zu Ende der 1840er Jahre widerstandslos dem Druck magyarischer Eiferer opferte. Noch schlimmer ist, daß diese dann die herrliche Donaumetropole Budapest mit ihren seelenlosen, häufig sinnlosen ungarischen Straßenbezeichnungen (wie z. B. Tükörponty-utca anstelle der Karpfensteingasse) verunstalteten.

Literatur: Feldmanns Wegweiser durch Pesth und Ofen und deren Umgebungen für Freunde und Einheimische, hg. v. J. C. Seiz, Pest 21855.                                            

Paul Ginder

43. Bürgereid der Stadt Ofen

16. Oktober 1844

Kopie; 290 x 200 mm

Ungarndeutsches Heimatmuseum Backnang

Der Bürger-Eid der königl. freyen Haupt-Stadt Ofen ist ein gedrucktes Formblatt in deutscher Sprache, in dem für den Namen des Bürgers und für das Datum Raum gelassen wurde. Der vorliegende Eid wurde von Peter Nebenfier am 16. Oktober 1844 geleistet. Er schwur dabei zu Gott, der Mutter Maria und allen Heiligen, den Magistrat und das Stadtgericht, besonders dem Herrn Bürgermeister, den Stadtrichtern und allen Räten der kgl. Hauptstadt Ofen als seinen rechtmäßigen Vorgesetzten die gebührende Ehre zu erweisen und den Befehlen und Verordnungen des Stadtmagistrats willig nachzukommen, Gehorsam zu leisten und vor demselben jederzeit (bei Tag und Nacht) zu erscheinen. Peter Nebenfier schwur auch die Stadtfreiheiten und Gerechtigkeiten zu schützen und aufrecht zu erhalten sowie das allgemeine Beste der Stadt zu fördern, sich ehr-bach und friedlich zu verhalten und alles Verdächtige, geheime und verborgene Versammlungen dem Magistrat anzuzeigen.

Immo Eberl

 

 

   
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