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Die Nationallieder der sprachverwandenten Völker

 

I. L. Koidula: Mo isamaa on minu arm in Specimina Sibirica VIII. Savariae, 1993. 9-15.p. ***

 

DIE NATIONALLIEDER DER SPRACHVERWANDTEN VÖLKER I. LYDIA KOIDULA: MU ISAMAA ON MINU ARM

Die politischen Änderungen von historischer Bedeutung schaffen auch für die kleinen uralischcn Völker ähnliche Möglichkeiten, wie diejenigen, die sich beim Zusammenbruch des zaristischen Russlands ergeben haben. Die demographischen Veränderungen der inzwischen vergangenen mehr als 70 Jahre haben den nationalen Spielraum umgestaltet. Das Attribut "Vielvölker-" gilt nicht mehr nur für die autonomen Gebiete, sondern auch für die Siedlungen. Wenn die kleinen Völker der ehemaligen Sowjetunion die feste Absicht haben, sich selbständig zu machen, dann müssen sie ein neues Staats-, Minderheits-, Kultur- und politisches Konzept ausarbeiten. Nach meiner Ansicht müssen die Wurzeln und die "Ur-Beispiele" für die Souverenitätsversuche der Nationen und Nationalitäten aus der eigenen Geschichte und aus der Geschichte der Nachbarn geschöpft werden - die Demokratie und der Parlamentarismus können höchstens die Grundlage des humanistischen Verhaltens werden. Aufgrund der mir bekannten Angaben ist die Nachbarschaft der erste Faktor, mit dem man rechnen muß. Solange die Sitten und Gebräuche, die Religionsauffassung und die Weltanschauung des anderen Ethnikums meine Auffassung nicht verletzen, (besser gesagt) nicht begrenzen, muß man sie zur Kenntnis nehmen. So könnte sich die Einheit des Heimatlandes verwirklichen. Die Liebe zu dieser Heimat könnte' eine interlokale und eine interethnische Verbindung zustande bringen. Der zweite Faktor ist die Frage der Vermittlungssprache. Ich halte es für eine schlechte Lösung, auch wenn notgedrungen, das Russische als Vermittlungssprache beizubehalten: auf dieser Sprache lastet das Erbe einer 2-3-400-jährigen politischen Unterdrückung. Es wäre günstiger, wenn die miteinander Kontakt habende Bevölkerung statt einer neutralen Vermittlungssprache nach den Ansprüchen der verschiedenen Kommunikationsebenen - die Sprache des anderen Volkes kennte (gleichzeitig müßte man sich auch mit dem Gedanken befreunden, daß man die "augenblicklichen Weltkontakte" nur in Kenntnis von 2-3 westlichen Sprachen aufnehmen und vergrößern kann). Der dritte Faktor wäre; wenn diese Nationen-Nationalitäten fähig wären, eine solche in erster Linie sprachlich-ethnographisch-kulturelle Identität zu gestalten, die sich ihres Daseins nicht schämen würde, aber weder gegen eine benachbarte Nationalität noch gegen den ehemaligen Unterdrücker gerichtet wäre.

Diese Gedanken sind natürlich nur Ideen, aber es kann als Vorbild dienen, daß die Finnen (schwedische und russische Nachbarschaft; russische Herrschaft) und die Esten (lettische, litauische, russische und deutsche Nachbarschaft; russische und deutsche Herrschaft) im letzten Jahrhundert eine Nationalideologie gestaltet haben, und versucht haben, eine Strategie auszuarbeiten, mit deren Hilfe sie die größeren Konfrontationen möglicherweise vermieden, die kleineren aber mit der Hilfe ihres wachsenden nationalen Identitäts- und Einheitsbewußtseins in Übereinstimmung gebracht haben. Diese immer nur in ihrer Taktik zur Geltung kommende und immer zu Gegenmaßnahmen gezwungene, deshalb zum größten Teil unfaßbare Strategie wurde den Mitgliedern des Nation-Korpus nicht von der Presse und dem Verlagswesen, sondern durch die Religion und die gesellschaftlichen Veranstaltungen (von der Schule bis zum Gesangfest) vermittelt. Die Einheit der Gemeinschaft wurde von dem Nationaliicd (keine Hymne) symbolisiert, in dem alles, worüber wir früher gesprochen haben, zu finden war. Dafür spricht auch der Inhalt der von mir untersuchten Nationallieder. Diese Lieder sind nämlich nicht nur literarische Tatsachen, sondern sie tragen auch die ethnische Geschichte in sich, mehr konzentriert und kraftvoll als die Volksepen und Heldenlieder. In meinem Aufsatz mốchte ich versuchen, eines von den Nationalliedern der Esten zu interpretieren.

Das von mir gewählte Gedicht; geschrieben vor März 1866, ist auf der 29. Seite des Bandes EMAJÖE ÖPIK (Die Nachtigall des Erna Flusses) zu finden. Es wurde das erste Mal in diesem Band, das zweite Mal 1925 verốffentlicht. Der Band enthält 45 Gedichte, das vorliegende ist das zweiundzwanzigste.

MU ISAMAA ON MINU ARM!

 

Mu isamaa on minu arm,

Kel südant annud ma,

Sul laulan ma, mit ülem ốnn,

Mu ốitsev Eestimaa!

Su valu südames mul keeb,

Su ốnn ja rốốm mind rốốnisaks teeb,

Mu isamaa!

 

Mu isamaa on minu arm,

Ei teda jätta ma,

Ja peaks sada surma ma

Seepärast suremal

Kas laimab vốốra kadedus,

Sa siiski elad südames,

Mu isamaa!

 

Mu isamaa on minu arm;

Ja tahan puhata,

Su rüppe heidan unele,

Mu püha Eestimaa!

Su linnud und mul laulavad,

Mu pốrmust lilled ốitsetad

Mu isamaa!

 

Mein Vaterland ist meine Lieb,

Ihm weih' ich Herz und Hand;

Ich singe Dir, mein hốchstes Gut,

Mein blüh'ndes Ehstenland!

Dein Schmerz bewegt auch mir die Brust;

Dein Glück erfüllt mein Herz mit Lust,

Mein Vaterland!

 

Mein Vaterland ist meine Lieb,

Ich lasse nicht von Dir,                     

Und sollten hundert Tode auch

Deswegen drohen mir!

Wenn Dich auch schmäht der Fremden Neid,

Ich bleib Dir treu in Ewigkeit,

Mein Vaterland!

 

Mein Vaterland ist meine Lieb,

Und deckt mich einst der Sand,

In Deinem Schoße ruh' ich dann,

Mein heil'ges Ehstenland!

In Schlaf singt mich Dein Vốgelchor,

Mein Staub bringt Blumen Dir hervor,

Mein Vaterland!

                    (H. Rosenthal)

Auf dem Titelblatt des Bandes war zwar kein Autor genannt, den Namen des Dichters kannte jeder: Lydia Koidula (Lydia Emilie Fiorentine Jannsen). Obwohl das Lied zwei Generationen hindurch nicht gedruckt wurde, hat es sich verbreitet; die Verdächtigung (Übersetzung, Allusion, Reminiszenz, Nachahmung, Plagiat) von L. Suburg und anderen hat weder dem Gedicht noch seiner Autorin geschadet. Und auch wenn diese Vorwürfe gerecht waren - bei der Geburt welcher osteuropäischen Nation mangelte es nicht an den obigen Bezeichnungen (nicht im pejorativen Sinne) in den kulturellen Programmen? Laut der kritischen Ausgabe ist das Werk eine selbständige Arbeit.

Obwohl man kaum metrische Zeilen findet, verstärkt der verborgene jambische Rhythmus den traditionellen Klang. Das Gedieh! ist ein Akzentvers; seine Melodie kann einerseits von der estnischen Volksdichtung, andererseits von der deutschen Kunsidichlung und den religiốsen Liedern abgeleitet werden. Die wechselnde Silbenzahl der Zeilen weist dagegen auf die pietistischen Hymnen hin: die Vertonung soll für A. Kunileid/A. Saebelmann keine Schwierigkeiten bereitet haben. Zur Feststellung des Tempos habe ich Linda Rummos künstlerische Interpretation gebraucht. Es ist festzustellen, daß die gleich gliederten Zeilen den Grundgedanken tragen; die abweichenden Zeilen (2-3, 5-6) sind erläuternde Detaillierung. Die Strophen werden durch die Refrains und durch die Gleichtakte der 4., 11., 18. Zeile zusammengefaßt.

Die Mehrheit der Reime ist einfach: sie gründet sich auf dem Gleichklang des Personalpronomens ma, des Infinitivsuffixes -ma und dem zweiten Teil der Zusammensetzung -maa "Land". Ein wohlklingender reiner Reim ist der keeb/teeb, die Assonanz laulavad/ốitsetad ist annehmbar. Auf die Dissonanz von kadedus/südames kommen wir später zurück. Die Anzahl der Alliterationen ist gering, es zeichnen sich bloß die s-Laute und die verborgenen r-Laute der 10.-11. Zeilen, sowie die /-Laute der 19.-20. Zeile aus. In der letzteren wird die Mildheit des Mutterschoßes und der Frühlingwiese mit dem Tod versöhnt, die vorige verstärkt im stimmlosesten Teil, wo die Reimbildung am schwächsten ist, den wichtigsten Befehl: sada surma... seepärast surema. Wenn man die Verschlußzeilen der Refrains abtrennt, dann wird es auch durch die Reimfolge: der wichtigste Gedanke muß in der 11. Zeile sein, weil Eestimaa beiderseits "daneben" steht - so wird es die letzte Grenze der Vaterlandsliebe

Die Merheit der Verben (15:12) steht im Indikativ Präsens, wodurch sie, aus dem alltäglichen Sprachgebrauch ausgenommen, Zeitlosigkeit andeuten. Die Dominanz der Nomina macht die Statik fühlbar: diese Worte werden nicht für die sich ständig ändernde Gegenwart geschrieben. Sie machen das Gedicht schon von ihrer Bedeutung her langsam und feierlich.

Die 5 Infinitive führen uns zum Dynamismus der Verben zurück. Der zweifache, durch eine Anapher verstörte Refrainrahmen unterstützt dieses statische Bild, da es aber einen eindeutigen Ziercharakter hat, und gleichzeitig als rethorisches Mittel funktioniert, behält er seine Dynamik: die Wiederholung der eindrucksvollen emotionalen Aussage fordert eine immer erneute Detaillierung. Die Rolle des gesteigerten Adjektivs behandeln wir später. Die Bedeutung des Namens ist auch mit dieser Frage verbunden: in die für das lyrische Ich stehende 1. Person Sg. (zwanzigmal) Form kann sich jeder hineindenken, und dadurch wird die Beziehung zwischen ihm (=Ich) und dem durch die 2. Pers Sg. (sechsmal) persönlich gemachten/gewordenen Heimatbegriff zu einem innigen Existenz-Erlebnis. Die vor allem auf der emotionalen Ebene stattgefundene Identifizierung wird erleichtert dadurch, daß die für die südliche Mundart charakteristischen Wendungen sich mit dem vom Universitätszentrum geförderten "hohen" Stil vorteilhaft vermischen, was auch die Einheit der nationalen Sprache symbolisiert.

Das Gedicht besteht aus sechs zusammengesetzten, affirmativen Ausrufesätzen, die die Strophen gleichmäßig gliedern. Die drei "ersten" Sätze enthalten versteckte Folgerungen, obwohl sie - der Form nach - kopulative Zusammensetzungen sind. Während der erste Satz der ersten Strophe einen appositioneilen Nebensatz hat, fallt diese Rolle anderswo den anderen zu: sie lokalisieren, sichern den logischen Zusammenhang und ergänzen die Bedeutung der Formen der 2. Person Singular. Zwei von den drei "zweiten" Sätzen sind auch kopulative Zusammensetzungen, so fällt die Besonderheit des 2. Satzes auch auf der Satzebene auf. Diese temporale, konditionale Unterordnung folgt aus dem Inhalt des Satzes: Kas laimab vốốra kadedus /Sa siiski elad südames.     

Es ist auch bemerkenswert, daß sich an diese kopulativen, Ruhe ausstrahlender. Nebensätze eben ein Ausrufesatz anschließt.

Daraus kann ich schließen, daß die Autorin versucht, gleichzeitig eine emotionelle und eine intellektuelle Wirkung auszuüben, was jedoch nicht den Eindruck der Kompliziertheit und Gesuchtheit erweckt. Das Werk ist die Fundgrube der wichtigsten Werte, die prägnante, Credo-ähnliche Formulierung der Vaterlandsliebe. Die einzige negative Bedeutung (Zeile 12.) wird von der Autorin sofort ausgeglichen. Was für Werte sind das? Der wichtigste ist die innige Liebe zum Vaterland; die Wiederholung dieser Aussage hat eine psychologische Bedeutung, die Formel, die auch als Gebet gemurmelt werden kann, kann nämlich einen inneren Halt, Sicherheit und Hoffnung geben.

Koidula verknüpft die wohlbekannte Rolle des verliebten Sängers mit einer höheren Kategorie. Das Vaterland hat auch keine gewöhnlichen Attribute! Die metaforische Verbindung des ersten — mu ülem ốnn - setzt die Bedeutung von "Heimat" mit dem erreichbaren Maximum menschlicher Sehnsucht gleich. Das Öitsev ist bei Koidula zum Epitheton geworden, es kommt in fast allen ihrer patriotischen Gedichte vor (von dem zeitgenössichen Sind surmani bis zum Enne surma Eestimale). Im Wort "blühend" ist nicht nur der Frühling und die Fruchtbarkeit, sondern auch das optimistische Zukunftsbild miteinbegriffen. Das dritte, zugleich letzte Attribut -püha - hebt das Heimatland und damit natürlich auch dessen Volk in eine sakrale Höhe - die frühere Selbstbezeichnung war maarahvas "das Volk des Landes"! Die Assoziation Gott-Heimatland hebt die Lösung, die Identifizierung - das religiöse Weltbild des Zeitalters betrachtet - in das feierliche, sie macht auf den Ernst der Sache "Heimat" aufmerksam. Das aus Liebesliedern des Volkes wohlbekannte Treumotiv (Zeile 9) bezieht sich jetzt auf die sprachlich-kulturelle Gemeinschaft der entstehenden Nation, und so kommt es zum Opfer; das auch das persönliche bestimmt (Zeilen 10-11).

Die Gegensätzlichkeit des Verbs laimab und das reimlose Paar der 12-13. Zeilen vốốra / kadedus unterstreichen auch diese Opferbereitschaft. Auf der erwarteten Siclle (siehe die Zeilen 5-6 und 19-20) betont die Lücke das Wort kadedus und auch eins syntagmabildende vốốra: der Leser und der Hörer wird dadurch auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Die Dichterin erklärt nicht, wer dieser Fremde ist, aber in Kenntnis der estnischen Geschichte und der zeitgenốssischen Verhältnisse muß er eindeutig gewesen sein. Gleichzeitig sagt sie unausgesprochen die Wahrheit und läßt die Steife des Feindbildes für immer ausgefüllt, schon aus dem Grund, weil ihre Formulierung. in die Worte der religiösen Rhetorik eingehüllt, auch unpolitisch ist. Sein Schweigen ist also nicht unbedingt die Folge des zeitgenössischen russischen Reichs und/oder der balto-deutschen provinzialen Politik. Es gibt darin neben der auf seinen Vater weisenden politischen Weisheit auch, einen beträchtlichen naiven Glauben an den paradox verbundenen Humanismus der Aufklärung und des Religionswerturteils, aber gleichzeitig erscheint auch die an die Jahrhundertwende erinnernde und das Ende unseres Jahrhunderts bestimmende moderne interpretierung des Patriotismus. Die Gefahr bringt einen davon nicht ab (Zeile 13), man kommt zu dem Begriff der Treue der 9. Zeile zurück. Das Bild der 16-18. Zeile ruft die Oden des Finnen J. R. Runeberg und des Ungarn Mihäly Vörösmarty in Erinnerung: sie sagen die an das Vaterland knüpfende Treue bis in den Tod aus - aber das Bild ist nicht an den Triumph des Kampfes, sondern an die Idylle des Friedens gebunden. Bei Koidula erinnert die naive Anmut der Ankündigung des Verabschiedens an die Volksdichtung, die Darstellung von Runeberg und Vörösmarty atmet die fatale -und hocherhabene — Lieblosigkeit der klassizistischen Romantik. Die in der estnischen Belletristik zuerst vorkommende starke Assoziation "der Schoß - "das Grab" läßt uns den Charakter des deutschen Spiegelwortes (Vaterland) isamaa vergessen. In den 19-20. Zeilen kommt der romantische sentimentale Anblick (...lilled...) zu dem Bild der 4. Zeile zurück. mu ốitsev Eestimaa — so schließt er das Gedicht ab.

Das Werk ist der Sammelpunkt und Fokus der Gedanken des Zeitalters, es ist in der ersten hochsteigenden Epoche der estnischen nationalen Erneuerungsbewegung entstanden, für die der Gedanke der Einheit charakteristisch ist. Aus dem Kampf der Gruppen- und Sonderinteressen geht die von J. V. Jannsen (Koidulas Vater) geführte Tendenz siegreich hervor. Jannsen kontrolliert mit seinen Zeitungen nicht nur das Massenmedium, sondern gewinnt außer den Estofilen auch die Unterstützung von Fr. R. Kreutzwald, J. Köler und des Patriotenkreises von Petersburg. Es sind jetzt noch die Studenten neben ihm (unter ihnen der zukünftige Führer J. Hurt). Der Mitarbeiter seines Blattes ist auch der spätere große Rivale: C. R. Jakobson. Da es noch keine wahren inneren Konfrontationen gibt, meinen die estnischen Denker und Politiker: die Entwicklung der einheitlichen estnischen Nation und des einheitlichen estnischen Nationalbewußtseins kann nicht verhindert werden. Die Mitte der 1860er Jahre verspricht viel wegen der Öffnung durch den Zaren. Obwohl das polnische Beispiel schreckenerregend ist, ist die Situation in dem Großherzogtum Finnland ganz anders, - auch die Esten mốchten den finnischen Weg gehen. Diese Hoffnung wird in den literarischen; publizistischen und politischen Schriften des Zeitalters formuliert.

Das Gedicht von Lydia Koidula ist geeignet, wie eine Hütte die folgenden Begriffe in sich zu vereinigen; zu homogenisieren: das Akzept der einheitlichen estnischen Schriftssprache, Identität mit dem in der Volksdichtung und in den ethnographischen Traditionen bewahrten gemeinsamen Kulturschatz; die Erstreckung der Großfamilien-, Geschlechts- und Verwandtschaftszusammengehörigkeit auf die Leute, die die gemeinsame Sprache sprechen - und damit parallel, die Veredlung des Wohnortes und des Zuhauses (kodumaa) zum Heimatland (isamaa), da dieser Begriff, inbegriffen die obigen Teilbedeutungen, zu Estimaa (von Esten bewohntes Land) wird. Das ist ja noch immer das deutsche Spiegelwort, aber man muß dazu wissen, daß die Esten im Zarenreich nicht in einem, sondern in mehreren Gouvernements lebten. Von hier führt aber schon ein gerader Weg zur Gestaltung der Benennung Eesti, die schon nach dem Muster von dem finnischen Suomi oder von dem bezeichnenden Unkari ein Land bezeichnen kann. Dazu wurde durch das katha-rische Bewußtsein der religiösen Zusammengehörigkeit und der frommen Drangsal Kraft verliehen - der Storni in der Vergangenheitssuche und der Legitimation wurde noch nicht in Bewegung gesetzt. Auch die Koinzidenz der Wirtschaftsinteressen hatte eine sehr große Bedeutung; das Ringen der baltischen Autonomie mit dem zaristischen Absolutismus zeigte, als gäbe Möglichkeit zu einer relativen Souverenität mindestens auf den westlichen Gebieten des Reiches. Das war aber fraglich, ob diese Vorgänge eine etnische (estnisch, lettisch, litauisch, livländisch, deutsch) oder eine territoriale Einheit schaffen. Schließlich kamen die zaristischen Reformen nicht so weit, durch die Friedensverträge nach dem ersten Weltkrieg wurden diese Staaten zur Pufferzone der in der Nachbarschaft liegenden Großmächte.

Schon auf dem Gesangfest ertönte der Text Mu Isamaa on minu arm! in der Aufführung der versammelten Chöre. 1869 wurde das Sinnbild der Nationaleinheit, das Gesangfest hob sich zum Symbol der estnischen Zusammenhalrung; nach der Prophezeiung von G. Schulz-Bertram im Jahre 1839 wurde das estnische Volk volljährig. Lydia Koidula war die einzige, die fähig war, die Bedeutung des zum Fest führenden kampfreichen Weges und des geborenen politischen, gesellschaftlichen und historischen Bundes in den Kreis der esthetischen Unsterblichkeit zu heben, so, daß ihr Werk zum Nationallied, zur Hymne werden konnte. Das Lied spiegelt nicht die Umwandlung des in der Geschichte jeder Nation gesetzmäßig gestaltenden Nationalismus zum Chauvinismus, sondern die Veredelung des Nationalismus zum Patriotismus - es ist das Symbol der Vaterlandsliebe, die nie das Nationgefühl anderer Völker beleidigt.

Koidula ist 1886 weit von ihrem Heimatland gestorben, und erst seit 1946 ruht sie in der heißersehnten Ruhestätte, aber ihr Gedicht lebt auch heute und ertönt nicht nur während des Gesangfestes, sondern jeden Tag irgendwo, mit oder ohne Musik von A. Kunileid bzw. von G. Ernesaks.

 

LITERATUR

ÁRPÁS, Károly: Die estnische nationale Erneuerung. Életünk 1985/10.

ÁRPÁS, Károly: Nationalepos der Esten. Jászkunság 1990/5.

BERECZKI, Urmas: Die finnische und estnische Nationalbewegung im XIX. Jh. (Doktorarbeit - Manuskript) Bp., 1985

Kampmann, M.: Kirjanduseloo peajooned II.Tallinn, 1913       

Koidula, Lydia: Luuletused. Tekstikriitiline väljaanne. Koostanud E. Anver, Tallinn, 1869. 103. p.

Põldmäe, J.: Eesti värsiõpetus. Tallinn, 1878                                          

SUITS, G.: Eesti kirjanduslugu I. Lund, 1953

S. auch die einschlägigen Schriften von Endre ARATÓ, István BIBÓ, Emil NIEDERHAUSER und Jenő SZŰCS.

 

 

   
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