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REGIERUNGSENTSCHEIDUNG (?)

ÜBER DIE KOLLEKTIVE ZURRECHENSCHAFTZIEHUNG

 

Nach all dem wurde die Potsdamer Entscheidung getroffen, basierend auf den offiziellen, aber unwahren Daten des Berichts der ungarischen Regierung im April 1945. Dazu kam noch, dass sich das SZEB eigentlich weder mit der Zustimmung vom 5. Juli zur Aussiedlung von 200 000 Ungarn noch mit der jüngsten, unter dem steigenden Druck der Sowjets erstellten Liste vom 23. November über die Aussiedlung von mehr als 300 000 Personen beschäftigte174. Und all das war nur der Anfang. Am 20. November 1945 legte das Alliierte Kontrollkomitee für Deutschland [im Weiteren: SZET] eine Richtlinie fest (und diese wurde in Budapest auf Grund der Abschrift bekannt175), nach der die Aussiedlung einer halben Million Personen ermöglicht wurde, die im von den USA besetzten Teil Deutschlands angesiedelt werden konnten.176 Danach tagte das SZEB in einem engeren Kreis und zwei Tage früher als vorgesehen, am 28. November in Budapest. Bei diesem Treffen befasste man sich mit der Aussiedlung der Ungarndeutschen. Woroschilow informierte die angelsächsischen Generäle darüber, dass 10% der Auszusiedelnden im Dezember, jeweils 5% im Januar und im Februar 1946, 15% im März, jeweils 20% im Mai und im Juni, und die restlichen 10% im Juli gesammelt und dann ausgesiedelt werden müssen.177 Der Marschall verschwieg nicht, dass die ungarische Regierung „weit weniger" Deutsche aussiedeln wollte.178 Woroschilow drängte darauf, dass „die Anweisung an die ungarische Regierung baldmöglichst ergeht, damit die Aussiedlung im Dezember anfangt". Da die Entscheidung nicht in Budapest getroffen wurde, hatten die Angelsachsen „keine besondere Bemerkung" dazu179. Zwei Tage später, am 30. November schickte das SZEB eine Mitteilung über die Vorschrift des SZET. Das Alliierte Kontrollkomitee erstaunte alle - bis auf diejenigen, die insgeheim verhandelten. Auf die Mitteilung hin reagierte der Außenminister - aus der Kleinlandwirtepartei - bereits anderntags, am 1. Dezember bei den Vertretern der Großmächte in Budapest. Er machte einen Versuch, um die recht hohe Anzahl derjenigen, die zur Aussiedlung verpflichtet werden konnten, zu senken. In seiner von Kertész erstellten Notiz180 wies er die Aussiedlung „aus rein ethnischen Gründen bzw. wegen der Abstammung" zurück, und sprach sich „gegen jede Art der Kollektivstrafe aus". Die offizielle ungarische Stellungnahme und der Anspruch auf eine Pflichtübernahme war eindeutig: „nur jene Deutschen sollen ausgewiesen werden, die Ungarn im Dienst des Hitlerismus verraten hatten"181. In der Notiz wurde festgehalten, dass im Zusammenhang mit 103 000 Personen auf Grund der Prüfung auf Treue zur Nation bekannt geworden war, dass sie Leiter oder Mitglieder hitleristi-scher Organisationen gewesen waren. Nach der Ergänzung dieser Zahl durch die der Volksbundbefürworter, darf ihre Anzahl nicht über 200 000 hinausgehen, das heißt, das Dokument wollte die Geltung der SZET-Bestimmung auf die Ungarn verratenden und im Dienst des Hitlerismus stehenden Deutschen beschränken.182 Diese neue Mitteilung einer konkreten Zahl war mehr als nur ein schwerwiegender Fehler.183

Die am 5. Dezember 1945 aufgenommenen Verhandlungen über den Bevölkerungsaustausch tendierten in der entstandenen Situation zur kollektiven Zurrechenschaftziehung der Ungarndeutschen. Den Schein wek-kend, als ob in Potsdam eine theoretische Entscheidung über die Aussiedlung der Ungarn aus der Tschechoslowakei getroffen worden wäre, strebte Beneš danach, obwohl er wusste, was passierte, die Aussiedlung der Ungarndeutschen zu erkämpfen, denn „die Ungarn, die in die Tauschaktion nicht aufgenommen werden können", können nach Ungarn umgesiedelt werden. Die ungarische Delegation war nur insofern einverstanden, dass sie bereit war, „eine gewisse Zahl von schuldigen [ursprüngliche Hervorhebung-T. Z.] Deutschen auszusiedeln, sie bestand deshalb konsequent auf dem Inhalt der Notiz vom 1. Dezember. Gerade das Gegenteilige kolportierend trommelte das tschechoslowakische und sowjetische Propaganda die Annahme der kollektiven Verantwortung durch die ungarische Regierung heraus, wodurch sie viele irreführte, gegen die Ungarn hetzte184.

Am 10. Dezember 1945 tagte das SZEB erneut, diesmal schon über die praktischen Maßnahmen zur Vertreibung der Deutschen. Mit Rücksicht auf den Winter und die Schwierigkeiten der ungarischen Wirtschaft meinten die Engländer, dass es schwierig sein wird, die Aussiedlung „reibungslos und human" durchzuführen. Woroschilow beurteilte den Wunsch der Amerikaner, wonach diese eher deutsche Bauerarbeiter erwarten, denn die in Ungarn lebenden Deutschen befassen sich mehr mit der Landwirtschaft, als problematisch. Der Marschall drängte auf die Aussiedlung von etwa 300 000 Personen in kurzer Zeit. Er rechnete mit einem Zug täglich, bestehend aus vierzig Waggons, und mit 1 000 Personen. Alle SZEB-Delegierten hielten es für wenig, dass die ungarische Regierung das Gewicht der persönlichen Sachen und des Gepäcks nur auf 50 kg limitierte. Sie meinten, es müsste auf 100 kg erhöht werden, wobei „die während der Reise notwendigen Lebensmittel nicht inbegriffen sind... lebende Tiere dürfen aber nicht mitgeführt werden". Die hinter-lassenen Eigentumsgüter gehören unengeltlich der ungarischen Regierung. Die Aussiedler können zwar diese auch verkaufen, der dafür erhältliche Pengő bringt ihnen aber in Deutschland nichts. Woroschilow benannte als ersten Tag der Abreise der Ausgesiedelten den 15. Dezember. Die Sache der Ungarndeutschen und der Ungarn in der Tschechoslowakei miteinander verbindend deutete er darauf hin, dass bald sehr viele Ungarn von jenseits der Grenze kommen. Scheinheiligerweise endete die Sitzung des SZEB mit der Bejahung der „reibungslosen und humanen Umsetzung" der Aussiedlung. Zumindest merkte Woroschilow, dass „die humane Art" mit Rücksicht auf die mit der Aussiedlung einhergehenden Probleme zu relativieren sei185.

Woroschilow und Key hatten nachmittags des 10. Dezember ein Gespräch geführt, nach dem der amerikanische General eine Abstimmung mit seinen Vorgesetzten in Berlin durchführte. Er schickte noch am gleichen Tag ein Schreiben186 mit dem Drehbuch der Aussiedlung an den SZEB-Präsidenten. Key führte im kalten Ton - als ob der Inhalt des Schreibens nicht das Schicksal von Tausenden der Familien betreffen würde — die von den USA als notwendig erachteten Maßnahmen, etwa wie Postdiensdeistungen an. Woroschilow übermittelte das Schreiben anderntags an Tildy. Dadurch wurde der Streit zwischen der ungarischen Regierung und dem SZEB abgeschlossen, nach der Übernahme des Key-Schreibens musste man über die Aussiedlung von 300—400 000 Deutschen entscheiden187. Daran konnte auch nichts ändern, dass Dr. Gyöngyösi den Angelsachsen am 15. Dezember erneut mitteilte, dass „die Regierung das Prinzip der kollektiven Zurrechenschaftziehung nicht anwendet". Am 20. Dezember wurde die Tildy Regierung aufgefordert, Vertreter nach Berlin sowie nach Frankfurt zu schicken, um die Fragen im Zusammenhang mit der Aussiedlung in die amerikanische Zone zu entscheiden.188

Der Ausschuß für Staatspolitik der MKP debattierte am 14. Dezember über den Entwurf der Verordnung des Innenministeriums. Dieses Gremium bezog Stellung, indem es, zum einen, für die Auszusiedelnden neben den Volkszählungskategorien auch die Mitgliedschaft im Volksbund und in der SS - überflüssig - als Kriterium formulierte, zum anderen weitete es den Kreis der Freigestellten durch die „Befürworter der demokratischen Parteien" neben den Deutschen, die in der Widerstandsbewegung nachweislich aktiv waren, aus189. Nachdem die Vorlage des Justizministers über das Inkrafttreten von strafrechtlichen Sanktionen im Zusammenhang mit den Gütern der auszusiedelnden Deutschen nach der Regierungssitzung am 18. Dezember von der Tagesordnung genommen wurde190, formulierte die Regierung den entgültigen Entwurf der Verordnung über die Aussiedlung am 22. Dezember in der außerordentlichen Sitzung des Ministerrates. Der Außenminister berief sich hier wiederholt auf das bekannte, das Prinzip der kollektiven Verantwortung von der Hand weisende, am 12. Juni überreichte Memorandum der Amerikaner, das konnte jedoch den Beschluß des SZET vom 20. November nicht wettmachen. Nachdem das ungarische Kabinett „auf Grund dieser reichlich missverstandenen Bestimmung"191, der empfohlene Richtlinie seinen Beschluß über die Aussiedlung der Deutschen fasste, war dessen Inhalt nicht durch die Grundeinstellung gegen die effektiv Verantwortlichen durchdrungen. Die Grundeinstellung der Regierung, die früher das Prinzip der kollektiven Zurrechenschaftziehung im wesentlichen ablehnte, wurde unter einem externen Druck, dem Anspruch der „Schiedsrichter" aus Potsdam, der Stellungnahme der Sieger des Weltkrieges, und des SZET Folge leistend, geändert. In der Aussiedlungsverordnung der Regierung wurde die von der Sowjetunion interpretierte und in Form einer Anweisung zwecks Durchsetzung übermittelte Maßnahme, Befehl aus der Stellungnahme der drei Großmächte formuliert192. Die Anwendung des Prinzips der kollektiven Zurrechenschaftziehung in Ungarn ging damit einher, dass die Geltendmachung der Staatsgewalt den in Ungarn lebenden Deutschen gegenüber nicht nach effektiver Klarstellung der von ihnen begangenen oder nicht begangenen Handlungen erfolgte, sondern sie alle wurden auf Grund ihrer ethnischem Zugehörigkeit, ohne Prüfung ihrer Schuld oder Unschuld verurteilt. Bei der kollektiven Vertreibung der Deutschen büßten die Unschuldigen, und die tatsächlichen Verbrecher entgingen der Zur-rechenschaftziehung. Für die mit unmenschlichen Mitteln Vertriebenen war es uninteressant, ob ihre Tragödie dem Diktat der Großmächte oder einer erzwungenen Entscheidung der ungarischen Regierung zuzuschreiben war. Man hätte auch die Aussiedlung nicht mit zu Boden geschlagenen Augen durchführen können, vergebens predigten heuchlerisch die Richter mit schlechtem Gewissen über die bei der Durchführung der Aussiedlung verwendete Vorgehensweise, über einen humanen Umgang. Die Andeutung auf den humanen Umgang mit den Aussiedlern diente nichts anderem, als dem Saubermachen des Gewissens der „für die Verschleppung und Vertreibung effektiv Verantwortung tragenden Personen".193

Der „neue" Standpunkt der Regierung ist vom Drängen auf eine Stalinistische Lösung des Minderheitenproblems, so auf einen Bevölkerungsaustausch oder auf Aussiedlungen, nicht zu trennen und das Alliierte Kontrollkomitee nahm diesbezüglich nicht nur auf die Verhältnisse in Ungarn Rücksicht. Die eindeutig Ungarn- und deutschfeindliche Politik der tschechoslowakischen Regierung (die Aberkennung der Staatsbürgerschaft, der Vermögenseinzug, die Missachtung der Freiheitsrechte durch Internierung, die Tätigkeit der Volksgerichte, die zur Folge hatte, dass Ungarn und Deutsche zu „kleinen" und „großen" Kriegsverbrechern erklärt wurden, dann als Abschluß die Ausweisungen usw.), die im Mai 1945 begonnenen gewaltsamen Aussiedlungen, die im Laufe des Herbsts zu einer Massenerscheinung wurden, führten dazu, dass über 20 000 „Siedler" nach Ungarn gelangten. Die ungarischfeindlichen Rechtsberaubungen in der Tschechoslowakei nach der Veröffentlichung des Standpunktes der Großmächte in Potsdam waren aber immer mehr darauf ausgerichtet, die ungarische Regierung einerseits vor vollendete Tatsachen zu stellen, andererseits zu zwingen, das Problem der Übersiedelten durch Aussiedlung der Deutschen zu lösen, sofern sie sich nicht mit den Ereignissen abzufinden wünschte, und auch die zu erwartenden ungarischenfeindlichen Gewalttaten vereiteln wollte. Auf eine Initiative der tschechoslowakischen Regierung wurden im Dezember 1945 mit der Unterstützung der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika bilaterale Verhandlungen aufgenommen. Der ungarische Außenminister verhandelte vom 3. bis zum 6. Dezember mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Vladimir Clementis. Hierbei legte der tschechoslowakische Diplomat zwar dar, dass seine Regierung hinsichtlich der Beurteilung von Ungarn und Deutschen Unterschiede macht [was die Ungarn in der Tschechoslowakei kaum wahrgenommen haben, vielmehr war das Gegenteil der Fall — T. Z], er hielt jedoch gleichzeitig fest, dass sie die Lage der Ungarn in der Tschechoslowakei endgültig bereinigen wollte. Laut Dr. Gyöngyösi war die ungarische Regierung prinzipiell gegen den Bevölkerungsaustausch, sie war jedoch „im Interesse der Schaffung einer ,gewissen Normalität' zwischen den beiden Ländern..." nicht gänzlich abgeneigt.194 Sie wies die tschechoslowakischen Pläne über einseitige Ausweisungen eindeutig zurück. Schließlich führten die Gespräche zu einem am 27. Februar 1946 abgeschlossenen Abkommen über den Bevölkerungsaustausch, das die ungleichen Positionen der Parteien — als Verlierer und Sieger im Weltkrieg — wiedergab.195 (Die zuständigen ungarischen und tschechoslowakischen Stellen einigten sich erst am 24. Mai 1947 im Hinblick auf alle Fragen, die zur Diskussion standen.)196 Das Schicksal der in der Tschechoslowakei lebenden Ungarn und das Schicksal der in Ungarn lebenden Deutschen war — nun mehr nicht nur im Prinzip — ab November—Dezember 1945 miteinander verbunden. Rechtsberaubung gebärdete Rechtsberaubung.

Im Rahmen der Beratungen der Parteien Ende Frühjahr 1945 wurde die „Methode der Nazis", die kollektive Bestrafung der Deutschen noch teilweise von der Hand gewiesen und man drängte auf eine „Sühne der faschistischen Deutschen."197 Die Spuren hiervon sind in der Verordnung über die Erweiterung der Befugnisse des Amtes für Volksversorgung, im Falle der freizustellenden Personen, bzw. derjenigen, die ihre Treue den Ungarn gegenüber unter Beweis gestellt haben, erkennbar.

Was geschah nun einen Tag nach Stalins Geburtstag in der Sitzung der ungarischen Regierung am 22. Dezember 1945? Anwesend waren 15 Minister, sowie die politischen und administrativen Staatssekretäre des Amtes des Ministerpräsidenten, den Vorsitz führte Tildy. Der vortragende Innenminister, Imre Nagy war der Ansicht, dass die Verordnung über die Aussiedlung einerseits aus einem internationalen Abkommen resultierte, andererseits eine „eigene ungarische nationale Verpflichtung" war. Landwirtschaftsminister Béla Kovács war gegen die Erörterung der Verordnung, da er den entsprechenden Vorschlag noch gar nicht erhalten hatte. Das zeigte bereits, dass es sich (auch) diesmal um eine übliche kommunistische Partisanenaktion handelte, es ging nämlich darum, die gefährlichsten Gegner vor vollendete Tatsachen zu stellen. Verteidigungsminister Jenő Tombor, ebenfalls aus der Kleinlandwirtenpartei, protestierte gegen die Erörterung des Entwurfes der Verordnung, weil die für die SS zwangsrekrutierten, bzw. in der Wehrmacht gediente Personen nicht alle „gefühlsmäßig bedingungslos Deutsch" waren. Der Minister für Wiederaufbau, Dr. Antall Senior, ebenfalls von den Kleinlandwirten berief sich darauf, dass er den „Beschluß von Potsdam nicht kennt" (im Laufe der Diskussion bemerkte jedoch dieser Politiker, der während des Weltkrieges eine herausragende Rolle bei der Rettung von Polen und Juden gespielt hatte — als Gegner und Kenner der Kriegspraxis der Deutschen, ähnlich wie der Kommunisten, dass es „im Interesse Ungarns steht, dass möglichst viele Deutsche das Land verlassen... zumindest diejenigen, die sich für deutschstämmig erklärt hatten").

Außenminister Dr. Gyöngyösi, der sich während der Diskussion auf moralische Gründe berufend opponierte (vielleicht wurden ihm die Folgen seiner früheren Schriften bewußt), betonte zunächst seine außenpolitischen Bedenken und wies anschließend darauf hin, dass die Regierung in der Verordnung Nr. 3820/1945 M. E. die kollektive Zurrechen-schaftziehung abgelehnt hatte, und gemäß dem vorgelegten Verordnungsentwurf auch diejenigen zu büßen haben werden, die den Ungarn nicht untreu geworden waren. Der Entwurf des Innenministers stand bereits nicht im Zeichen der individuellen Vergeltung, sondern er galt der Entfernung der deutschen Nationalität. Während in der Verordnung, die früher herausgekommen war, bei der Aussiedlung in erster Linie von „Anführern des Volksbundes, Mitgliedern des freiwilligen SS und hide-ristischer Organe" die Rede war, fand er jetzt in dieser Regierungsvorlage keine diesbezüglichen Maßnahmen. Dr. Gyöngyösi wies darauf hin, dass all das im Widerspruch zum andernorts bereits gewohnterweise dargelegtem Standpunkt der USA stand, wonach „eine ethnische Gruppe kollektiv nicht zur Verantwortung gezogen werden kann und die Aussiedlung human und in jeder Hinsicht gebührend zu sein hat".

An dieser Stelle schaltete sich der Regierungschef ein: seiner Meinung nach musste die Regierung entscheiden, ob sie „den Beschluß der all.[üerten — T. Z.] Mächte akzeptiert... oder sich frei mit der Aussiedlung beschäftigt. Gerő verwies typischerweise auf das provisorische Kabinett, da doch „dieses um die Genehmigung gebeten hatte, die Deutschen aus Ungarn aussiedeln zu dürfen". Der Außenminister setzte auch ihm entgegen, dass das Gesuch sich nur auf die Aussiedlung „bestimmter ungarischfeindlicher" Kategorien bezogen hatte. Im Gegensatz zu Dr. Gyöngyösi berief sich Imre Nagy darauf, dass die Anweisungen des Alliierten Kontrollkomitees „gerade konträre Maßnahmen" verlangten. Der sozialdemokratische Leiter des Justizressorts Dr. István Ries äußerte ebenfalls Bedenken (so sagte er z. B. auch noch am Ende der Diskussion, dass „gemäß dem Beschluß von Potsdam ,die deutsche Bevölkerung oder ein Teil davon' also nicht alle Deutsche auszusiedeln waren"). Der Minister für Versorgung Károly Bárányos aus der Kleinlandwirtenpartei erfasste mit seiner Frage den Kern der Sache: „ist der Beschluß von Potsdam ein absolutes Diktat, oder ist die Durchführung uns überlassen"? Gero beantwortete einserseits die gestellte Frage nicht, anderseits deutete er an, nachdem er wahrscheinlich gut informiert war, und den bereits erwähnten Wert von Dr. Gyöngyösi um fast 20% erhöhte, dass die Aussiedlung etwa eine Viertelmillion Personen betreffen wird.

Tombor konnte nicht umhin eine Parallele zwischen den ein Jahr zuvor geschehenen Deportierungen und der geplanten Aussiedlung zu ziehen, indem er andeutete, dass es sich bei den nun folgenden Schritten „tatsächlich um die Bestrafung einer Volksrasse" handelt „und sehr an die Deportierung erinnert".

Der bislang schweigende Rákosi hielt es an dieser Stelle für nötig, eine Stellungnahme abzugeben und den Gang der weiteren Diskussion zu bestimmen. Er ließ die kollektive Verantwortung der Deutschen offen durchblicken. Er berief sich immer wieder auf internationale Zusammenhänge, und es war kein Zufall, da er die Argumentation von Gero hinsichtlich der Größenordnung der Aussiedlung unterstützte. Er sagte (frei nach Swiridow), dass „wir selbst darum baten, die Deutschen auszusiedeln" und andererseits „kommen sie nicht nach Auschwitz und nicht in die Gaskammern" (darauf hob er auch ab, als sich der Finanzminister im Hinblick auf die kollektive Zurrechenschaftziehung der Deutschen darauf berief, was den Juden widerfahren war). Einige Momente später verkündete er jedoch, teilweise auch sich selbst widersprechend, dass „die Aussiedlung der Deutschen nicht von der ungarischen Regierung ausgedacht wurde". Das war insofern wahr, dass es tatsächlich die Alliierten waren, die die Aussiedlung der Deutschen aus verschiedenen Ländern, die Rákosi aufgezählt hat, zur Sprache brachten. Er wies jedoch jede Verantwortung von sich weisend darauf hin, und deutete die Verantwortung der „demokratischen Großmächte" der Nachwelt gegenüber an, als er besagte, dass das Land in außenpolitischer Hinsicht Unerfahrenheit zeigen würde „wenn die Ungarn die kollektive Zurrechenschaftziehung des deutschen Volkes verweigern würden". Seiner Ansicht nach „muß das so durchgeführt werden, wie es den Interessen des ungarischen Volkes dient".

Der Innenminister signalisierte, dass die Regierung nicht umhin kann, diese Verordnung anzunehmen, denn „es kann jederzeit die Verfügung kommen, dass der erste Zug an einen bestimmten Ort in Gang zu setzen ist". Nagy wurde auch von Rákosi unterstützt: „es muß entweder jetzt entschieden werden, oder nie". An dieser Stelle ist die echte, seit Anfang 1945 betriebene Politik der MKP im Zusammenhang mit der deutschen Aussiedlung zu erkennen. Jetzt war die Katze aus dem Sack: Rákosi, der die ihm vom Zentralen Sekretariat der MKP übertragene Aufgabe erfüllte, Konsultationen mit Woroschilow (sowie mit weiteren sowjetischen Genossen) und Dr. Erdei (anschließend Nagy) durchgeführt hatte, konnte sich den günstigen Moment nicht entgehen lassen. Im Laufe der Debatte des Verordnungsentwurfes des Innenministers sicherten zum einen der Standpunkt des SZET, bzw. des Alliierten Kontrollkomitees, zum anderen die über den Bevölkerungsaustausch aufgenommenen Verhandlungen günstige internationale Bedingungen für die Aussiedlung der Deutschen und all das steigerte die Aktivität des Parteiführers, bzw. die von Gero. Nun war die Verwirklichung dessen, was Gerő in der Sitzung des Budapester Nationalkomitees am 11. April 1945, und Révai in der Sitzung der Parteifunktionäre am 21. August andeutete, und worüber sich die erlauchtesten kommunistischen Parteispitzen nur insgeheim ausgetauscht hatten, zum Greifen nahe. Aus innen- und außenpolitischen Gründen eingegangene taktische Manöver konnten nun beiseite geschoben werden und man konnte, ja sogar man mußte, wenn auch nur in der Regierungssitzung, doch offen und vehement die kollektive Zurrechenschaftziehung fordern: „raus mit ihnen".

Als er Rákosi hörte, spürte auch Regierungschef Tildy, wie er sich zu äußern hatte. Er war der Meinung, dass „der entscheidende Teil der Deutschen Verrat... an der ungarischen Nation begangen hat. Das SZET überließ die Entscheidung dem hiesigen SZEB... so tragen im wesentlichen nicht wir die Verantwortung... das haben die Alliierten Großmächte beschlossen".

Gero, der es vielleicht leid war, dass die Regierungssitzung zu keinem Ergebnis führte, und vielmehr die Sowjets kannte, und gerade deshalb Angst vor ihnen hatte, weil die Verordnung meritorisch noch nicht angenommen wurde, drängte auf das Abschließen der Diskussion und erwähnte (in erster Linie bei Unterstützung der Ansichten seiner Genossen, und um die Angelegenheit der Aussiedlung zu fördern) mit seiner Zielstrebigkeit die Notwendigkeit, „die Kategorien der Auszusiedelnden genauer zu bestimmen". So geschah es dann auch.

Am Ende der Diskussion faßte Tildy (der sich den Ministern seiner Partei entgegensetzte) zusammen. Der Regierungschef argumentierte für die Aussiedlung, denn — wie Rákos in seinen Memoiren schrieb — er verstand, dass „die Kleinlandwirtepartei mit mehr Schaden als Nutzen wegkommt, wenn diese Diskussion an die Öffentlichkeit gebracht wird."198Die außenpolitischen Bedenken des Außenministers wies die Regierung von der Hand. „Die Stimmung der Öffentlichkeit und die ganze ungarische Presse forderte bislang die Liquidierung der Frage der Schwaben... Tildy betonte, dass wir auf Grund des Beschlusses von Potsdam verpflichtet sind, den Vorschlag anzunehmen".199 Die Mitglieder der Regierung stimmten (auf Wunsch von Rákosi) namentlich ab, diejenigen, die ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht hatten, wurden von denjenigen, die die antidemokratische Verordnung annahmen, überstimmt,200 die strittigen Fragen hatte in der Durchführungsanweisung der Innenminister in der (später, am 15. Januar 1946 verabschiedeten) Durchführungsanweisung zu lösen. Die Tildy-Regierung verabschiedete am gleichen Tag, am 22. Dezember, auch die Verordnung über das Strafverfahren im Zusammenhang mit der Übersiedlung der Ungarndeutschen nach Deutschland.201

Die Regierungsverordnung über die Aussiedlung war im Einklang mit der Mitteilung des SZEB vom 30. November 1945. Insgesamt wurde hier das Prinzip der kollektiven Verantwortung übernommen, nachdem sowohl die Deutschstämmigkeit, als auch die deutsche Muttersprache als Aussiedlungskriterium betrachtet wurde. Daran änderte auch nichts, dass davon in Ausnahmefällen abgesehen werden konnte. Von der Aussiedlung wurde der mit einer Person nicht deutscher Nationalität zusammenlebende Ehepartner und seine minderjährigen Kinder, die mit ihm im gemeinsamen Haushalt lebenden Eltern, wenn sie ihr 65. Lebensjahr bereits vor dem 15. Dezember vollendet hatten, freigestellt. Prinzipiell hätte jene Person ungarischer Nationalität aber mit deutscher Muttersprache nicht vertrieben werden dürfen, die glaubwürdig belegen konnte, dass sie wegen ihrer zu Ungarn treuen Verhaltensweise verfolgt wurde, ferner jener Deutsche, der aktives Mitglied einer der demokratischen Parteien war, oder zumindest seit 1940 in einer der dem Gewerberat unterstehenden Gewerkschaften aktiv mitarbeitete.202

In bestimmten Fällen musste gegen die Deutschen ein Verfahren der Volksanwaltschaft eingeleitet werden. In diesem Zusammenhang veröffentlichte auch die Volksoberanwaltschaft einen Runderlaß, in dem die Volksanwaltschaften angewiesen wurden, das Verfahren als beendet zu betrachten, wenn es sich bei den Auszusiedelnden um ein Mitglied des deutschen Volksbundes oder der SS handelte, und gegen ihn noch keine Anklageschrift eingereicht worden war. Wenn bereits Anklage erhoben wurde, so musste das Verfahren bei Mitteilung der Tatsache der Aussiedlung abgeschlossen werden.203 Der Volksoberanwalt brachte auch zur Sprache, dass man „an manchen Volksanwaltschaften gegen Personen, die nur wegen der Mitgliedschaft in der SS und im Volksbund angeklagt werden können, keine Anklageschrift einreichen will, mit Rücksicht darauf, dass diese Personen ohnehin ausgesiedelt werden, und nachdem die Anklageschriften gegen etwa 30 000 Personen außerordentlich viel Arbeit bedeuten würden". Die „Lösung" wurde schließlich, dass Volksoberanwalt Dr. János Szűcs einen Runderlaß an die Volksanwaltschaften veröffentlichte: „gegen solche Personen ist nach Wohnorten gegliedert jeweils nur eine Anklageschrift einzureichen, weil das so keine große zusätzliche Arbeitsbelastung bedeutet".204 Die Aussiedlungen beendeten einen großen Teil der Verfahren.

Am 28. Dezember 1945 tagte das SZEB205. Es wurde geklärt, dass die tatsächliche Aussiedlung nicht angefangen hat, denn „bis jetzt weder das SZEB noch die ungarische Regierung weiß, WOHIN und WANN [ursprüngliche Hervorhebungen — T. Z.] die Eisenbahnzüge mit den Aussiedlern losfahren, die Endstation ist nicht bekannt, es gibt keinen Transportplan". Die Deutschland besetzenden US Behörden erteilen noch nicht die zur Durchsetzung der Aussiedlung notwendigen Informationen. In der Sitzung vom 18. Dezember in Wien wurde eine Vereinbarung getroffen, und der Vertreter der amerikanischen Armee kam nach Budapest. Laut der Information des ungarischen Innenministers standen drei von sieben Zügen abfahrtbereit, es wurde die Zusammenschreibung, die ärztliche Untersuchung, usw. für den ersten Transport beendet.206

Der Inhalt der Präambel der in Kraft getretenen Verordnung über die Aussiedlung (und die Überschrift der kaum abweichenden Durchführungsverordnung, worin die Verantwortung der Aussiedlung zwischen den Parteien aufgeteilt wurde207) entfachte einen Streit. Sowohl SZET als auch SZEB protestierten gegen die Behauptung der Einführung — wegen der „Durchführung des Beschlusses des Alliierten Aufsichtsrates vom 20. November 1945 über die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Ungarn nach Deutschland". Key hielt in der SZEB Sitzung am 25. Januar 1946 die Formulierung der Regierungsverordnung für nicht richtig, und er schlug vor, „den Wortlaut der ursprünglichen Regierungsverordnung, die besagte, dass die Aussiedlung, auf Befehl des SZEB' erfolgte, dahingehend abzuändern, dass sie ,mit Genehmigung des SZEB' erfolgte", denn „die ungarische Regierung ersuchte auf ihre eigene Initiative um die Aussiedlung der Schwaben". Der an der Sitzung teilnehmende Woroschilow war damit einverstanden, und er wollte die entsprechenden Maßnahmen treffen, damit die ungarische Presse über die Aussiedlung in dem Sinne berichtet, dass diese „auf die Initiative der ungarischen Regierung läuft"208. Woroschilow wandte sich in einem Schreiben an Tildy aus dem Grund, dass die Verordnung die kollektive Zurrechenschaftziehung mit dem Aussiedlungsdiktat des SZEB erklärte, und er hielt in seinem Schreiben fest: „aus dem Einführungstext der Verordnung folgt, dass die Aussiedlung der Schwaben von Ungarn nach Deutschland nicht auf Bitte der ungarischen Regierung, sondern auf Grund der Entscheidung des in Deutschland tätigen Alliierten Aufsichtsrates erfolgt209. Wie Sie wissen, wandte sich die ungarische Regierung am 5. Juli 1945 in der verbalen Note Nr. 30/986/pol. 1945 an den Alliierten Aufsichtsrat und bat um Hilfe bei der Aussiedlung der Schwaben". Dann folgte der Kernsatz: „Die Entscheidung des SZET ist lediglich die Erfüllung des Wunsches der ungarischen Regierung". Der Besetzung des Landes zum Trotz erwies sich die Regierung als hartnäckig, und sie erfüllte die SZEB-Forderung nicht.210

Die Regierung nahm das Drängen211 und dann die Vorschriften des SZEB insofern, als sie es konnte, zur Kenntnis. Der (bereits zitierte) erste Paragraph der Aussiedlungsverordnung betrachtete die deutsche Zugehörigkeit und die deutsche Muttersprache als vorrangig, sogar als noch wichtiger als Kriegsverbrechen und die SS-Mitgliedschaft. Diese Formulierung der kollektiven Zurrechenschaftziehung bedeutete außerdem, dass im Prinzip die Aussiedlung aller solchen ungarischen Staatsbürger ermöglicht wurde, die von der Nationalität her Deutsch waren oder deren Muttersprache Deutsch war. Davon wurde ausschließlich in Ausnahmefallen abgewichen, und die Verordnung passte sich dem früheren, die kollektive Zurrechenschaftziehung ablehnenden Standpunkt an. Zu Recht konnten die Verordnung all jene kritisieren, die sowohl ihre Fehler als auch ihre grundsätzlichen Unsicherheiten erkannten. Kertész verwies wiederholt auf die Anomalien, er hielt die Aus siedlungs Verordnung nicht nur für einen Epigonen der antijüdischen Rechtsvorschriften von 1944, sondern auch für eine Mustervorgehensweise gegen die Ungarn in den Nachbarnstaaten.212

Wegen der „Begründung" der Aussiedlungsverordnung war der eine Rüge für die ungarische Regierung seitens der sowjetischen Vertreter der SZEB beinhaltende Standpunkt eine Art Abwälzung der Verantwortung im Voraus. Einen ähnlichen Standpunkt, die Argumente der Sieger des Weltkrieges vertraten später auch die Amerikaner: „die Möglichkeit bzgl. der Aussiedlung der Deutschen ist im Sinne der Potsdamer Konferenz nicht obligatorisch, es wird Ungarn lediglich eine Möglichkeit gegeben."213 Sie handelten dennoch nicht dementsprechend, sondern anders. Am 2. Januar 1946 informierten sie die ungarische Regierung darüber, dass sie den am 15. Dezember 1945 formulierten Wunsch von Dr. Gyöngyösi über die Reduzierung der Anzahl der Auszusiedelnden begrüßen, und dass die Richtlinie vom 20. November 1945 „nicht als eine an die ungarische Regierung formulierte solche Forderung betrachtet werden kann, dass alle Deutschen aus Ungarn auszusiedeln wären".214 Es wurde dennoch nicht dementsprechend gehandelt. Die Zustimmung der Alliierten, der großen Koalition zur Politik von Beneš wurde nicht erwähnt. Ihre mit der Präambel der Aussiedlungsverordnung zusammenhängenden, die ungarische Regierung kritisierenden und mehrere Stellungnahmen der Regierung erzwingenden Forderungen215 enthüllten sogar die amerikanischen und sowjetischen Politiker. „Key, Schoenfeld und hauptsächlich Woroschilow zeigten ... durch ihre Taten und durch ihr Verhalten den Hochmut und die Arroganz der Großmächte, was auch schon damals nicht selten in den Beziehungen zwischen den Großmächten und kleinen Staaten wahrzunehmen war... der Stärkere oder die Stärkeren initiierten etwas, bewegten den Schwächeren, oder vielleicht wurde ihm auch etwas aufgezwungen, dann zogen sie diese zur Rechenschaft und forderten, ihre freiwillige Pflichtübernahme anzuerkennen"216. Der Standpunkt, an Stelle von 200 000 „faschistischen Schwaben" sollen eine halbe Million Deutsche vertrieben werden, wurde nicht von einem ungarischen Politiker ausgeklügelt. In Berlin berieten nicht die ungarischen Zuständigen, sondern die Siegermächte.

Die ungarische Regierung, die vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags und unter sowjetischer Besatzung bzw. „der Kontrolle des Alliierten Aufsichtsrates" stand, hat die Verantwortung - nicht wohl oder übel sondern auf Grund des kräftigen Druckes der (ansonsten die Wirtschaftslage des Landes vor Augen haltenden) kommunistischen Staatsmänner und des ihre Ansicht teilenden, sich gegen die Mitglieder seiner bei den Wahlen siegreichen Partei stellenden Ministerpräsidenten der Kleinlandwirte — übernommen. Wie es nämlich Dr. Gyöngyösi (im nachhinein, die Lehren der diplomatischen Korrespondenz auswertend) formulierte: „die Interpretation des Potsdamer Beschlusses durch die ungarische Regierung, wonach ... gemäß dem Beschluss der Alliierten Mächte die Deutschen kollektiv aus dem Staatsgebiet Ungarns auszusiedeln sind, war irrtümlich."217 Aber die Meinungsverschiedenheiten, die während der Aussiedlung, die zugleich innen- und außenpolitisch sowie volkswirtschaftlich von Bedeutung war, widerspiegelten lediglich bereits die Bestrebungen gewissensloser Menschen, die Verantwortung von sich zu weisen und nichts weiter.218

Die Regierungsverordnung über die Aussiedlung, die in Übereinstimmung mit dem Inhalt der Mitteilung des SZEB vom 30. November 1945 erlassen wurde, nahmen die Parteien je nachdem auf, wie die Rechtsregelung ihrem früheren Standpunkt entsprach. Die MKP opponierte nicht die Geltendmachung des Prinzips der kollektiven Zurrechenschaftziehung, sie war aber bestrebt, einige deutsche Facharbeiter, hauptsächlich Bergleute, der Geltung der Verordnung zu entziehen - nicht irgendeinen Grundsatz befolgend, sondern sie wollte der Volkswirtschaft die möglichst kleinsten Schäden zufügen. Die in der Aussiedlungsfrage konsequent vorgehende Bauernpartei war geteilt, viele waren mit den Ansichten des Generalsekretärs nicht einverstanden, sie unternahmen dennoch nicht viel, um die Frage differenzierter zu behandeln. Da sie nichts anderen tun konnte, akzeptierte die Kleinlandewirtepartei fast ohne Argumente den kollektiven Zugang zur Aussiedlung, sie wollte aber dabei die Zahl der zu Vertreibenden minimieren, sie argumentierte an Stelle der ärmeren ländlichen Bevölkerung und der Bergleute eher für die begüterten Bauern, und sie versuchte zu erreichen, dass zumindest diese freigestellt werden. Viele sozialdemokratischen Politiker, die die Sache der Deutschen prinzipiell angingen, kritisierten die Verordnung scharf. Dafür aber konnte sich der stellvertretende Generalsekretär Antal Bán damit verteidigen, dass die „Verordnung auf den ausdrücklichen Wunsch der Alliierten erlassen werden musste"219.


  1. MIHÁLY KOROM, zitiertes Werk, S. 217.
  2. Prot. SZEB,S. 111.
  3. ZINNER: Kriegsverbrecher, S. 127.
  4. Prot. SZEB, S. 111. N. 1. Die Sowjets leiteten das Dokument am 29. November an Key in Budapest weiter, er erhielt die Notiz über die SZET-Beratung und auch die Beschlüsse der amerikanischen Seite.
  5. SÁNDOR BALOGH, zitiertes Werk, S. 91-92.
  6. Prot. SZEB, S. 112.
  7. MIHÁLY KOROM, zitiertes Werk, S. 218.
  8. O. a. O.; BALOGH: Deutsche, S. 267. Der Wortlaut der Notiz wird anders zitiert: „...der Aussiedlung unterworfen werden sollen jene Deutschen, die durch ihr ausdrückliches Verhalten Ungarns Sache verrieten und im Dienst des Hitlerismus standen."
  9. Prot. SZEB, S. 116. N. 1.
  10. GIZELLA FÖGLEIN, z. St.
  11. MIHÁLY KOROM, zitiertes Werk, S. 219.
  12. Prot. SZEB, S. 116-118.
  13. BALOGH: Deutsche, S. 268. Aussiedlungsdrehbuch, komprimiert in den Punkten A)-F): , "A) Die Züge werden an die von den amerikanischen Behörden in Berlin zu bestimmenden Orte abfahren. Der Zugkommandant wird eine englisch- und deutsch sprachige Anweisung über den Fahrplan des Zugs, die Anzahl der Passagiere und den Bestimmungsort bekommen. B) Die amerikanischen Behörden in Berlin werden über die Abfahrt jedes Zugs, die Zugnummer, die Abfahrtzeit, die Fahrtrichtung, die Ankunftszeit, den Bestimmungsort und die Anzahl der Passagiere im Zug unterrichtet. C) Ohne Genehmigung der amerikanischen Behörden in Berlin werden keine Züge abfahren. D) Mit jedem Zug wird eine Liste - zweifach angefertigt - mit dem Namen, dem Alter, dem Geschlecht, der Nationalität, dem Wohnort der Passagiere mitgeführt, und der Zugkommandant wird diese den amerikanischen Behörden am Bestimmungsort übergeben. E) Der Zugkommandant wird ein ärztliches Zeugnis mitführen, das bestätigt, dass jeder Passagier untersucht wurde und keine ansteckende Krankheit hat, und er wird dieses Zeugnis den amerikanischen Behörden am Bestimmungsort übergeben. F) Beim Transport werden die für Bau-, Transport- und öffentliche Arbeiten bestimmten Personen und ihre Familien bevorzugt."
  14. ISTVÁN FEHÉR, zitiertes Werk, S. 77-79.
  15. SÁNDOR BALOGH, zitiertes Werk, S. 94-95.
  16. M. JÁNOS RAINER, zitiertes Werk, S. 310-312. Mit dem Verordnungsentwurf war Bibó nicht einverstanden, er erstellte eine Gedenkschrift. Der Vorschlag der Regierung führte zu einem Konflikt zwischen dem Innenminister und seinem Kollegen. Über ihre Diskussion siehe JÁNOS KENEDL Aussagen des gefangenen István Bibó über die Revolution von 1956, Budapest, 1996. Verlag 1956-os Intézet, S. 11-15!
  17. TO Prot. MR, S. 107, 75/72 TO.
  18. Zeitschrift „História", 1996. Nr. 7. S. 9-10. PAUL GINDER, zitiertes Werk.
  19. MIHÁLY KOROM, zititertes Werk, S. 220.
  20. BALOGH: Deutsche, S. 288.
  21. GÁBOR ALBERT: Erhobenen Hauptes. Bp., 1983. Verlag Szépirodalmi, S. 208-209.
  22. ISTVÁN BIBÓ: Ausgesuchte Studien 1945-1949, Band 2, Bp. 1986, Verlag Magvető, S. 828-829, 41. Rn. Die Notizen machten ISTVÁN VIDA und ENDRE NAGY. Die das Abkommen bekräftigenden Urkunden wurden am 15. Mai 1946 in Prag ausgetauscht. Das XV. Gesetz des Jahres 1946 hat es auf Gesetzeskraft erhoben und die Kodifizierung am 9. Juli veröffentlicht. {Zwei Jahre, S. 80-86.)
  23. Gemäß der Einigung wurden den 68 407 aus Ungarn in die Tschechoslowakei umgesiedelten Slowaken gegenüber 73 273 Personen von dort bis zum 10. April 1948 nach Ungarn gebracht.
  24. ZINNER: Kriegsverbrecher, S. 126.
  25. MÁTYÁS RÁKOSI, zitiertes Werk, Band 1, S. 196-197. Kennzeichnend für den Diktator ist, wie er sich an die Regierungs Sitzung erinnert, und auf welche Zusammenhänge er in seinen Erinnerungen hindeutete. So: „Nachdem bekannt geworden war, dass es in Ungarn keinen Terror der Roten gibt, den die Kreuzpfeiler verlautbarten, und auch die Volksgerichte nicht so beängstigend waren, ging es mit der Rückströmung der in den Westen geflüchteten Reaktionären und Faschisten los, und auch diese Schicht versuchte, sich unter dem Schutz der Kleinlandwirte zu verstecken. Kennzeichnend für die geänderte Lage war die innerhalb der Regierung geführte Diskussion. In den verschiedenen Friedensplänen war enthalten, dass die deutschen Minderheiten, die die Basis der Nazis bildeten, nach Deutschland ausgesiedelt werden müssen. So einen Beschluß fasste die Provisorische Nationalversammlung [falsch, die Verordnung erließ die Tildy-Regierung - T. Z.] und das unterstützte damals selbstverständlich auch die Kleinlandwirtepartei. Als es aber zu der Umsetzung kam, wurde klar, dass eine nicht unwesentliche Zahl der Leiter der Kleinlandwirtepartei, vor allem Ferenc Nagy und Béla Kovács, hiervon nicht einmal wissen wollten. Sie führten die verschiedensten Argumente gegen die Aussiedlung an, sie sagten nur nicht, dass sie diese Personen für ihre Wähler hielten. Wir beriefen uns darauf, dass mehr als 30 000 von ihnen freiwillig dem Heer der Nazis beigetreten waren, in dem sie ausnahmslos in SS Truppen die blutigste Henkerarbeit verrichteten, und darauf, dass sogar die Horthy-Regierung Zehntausenden von diesen Personen die ungarische Staatsbürgerschaft aberkannte, dass die ungarischen Bauern schon auf die Felder der auszusiedelnden Schwaben warteten, und dass die Beendigung der Bodenreform dadurch verhindert wird, wenn diese Frage nach wie vor nicht gelöst wird. Wir beriefen uns auch darauf, welchen Eindruck bei den sowjetischen Genossen erwecken wird, wenn es bekannt wird, dass die Kleinlandwirte ihren Standpunkt abänderten und die auszusiedelnden Schwaben die Schwaben schützen."
  26. Zeitschrift „História", 1996. Ausgabe Nr. 7, S. 12-16. Regierungssitzung. 22. Dezember 1945 [im Weiteren: Regierungssitzung].
  27. Regierungssitzung.
  28. Ungarisches Amtsblatt, 29. Dezember 1945, Verordnung Nr. 12 340/1945. M. E. in Sachen Strafverfahrensbestimmungen im Zusammenhang mit der Übersiedlung der Ungarndeutschen nach Deutschland. 22. Dezember 1945.
  29. Aussiedlungsverordnung.
  30. BFL Präsidialdokumente der Volksanwaltschaft Budapest Nr. 1946. Ein. I. 2./24. Runderlaß der Volksoberanwaltschaft Nr. 1946. Ein. I. c. 30. 31. Mai 1946.
  31. PIL 698. f. 35. ö. e. Protokoll. 13. April 1946.
  32. TO Prot. MR, S. 110, 77/11 TO. Die Regierung bestellte anderntags, am 29. Dezember 1945, einen Regierungskommissar „für die Aussiedlung der Schwaben".
  33. Prot. SZEB, S. 125-126.
  34. Ungarisches Amtsblatt, 1946. Nr. 12. 15. Januar 1946. Verordnung Nr. 70 010/1946. B. M. der Nationalen Regierung über die Durchführung der auf Grund der Vollmacht zur Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Ungarn nach Deutschland gemäß § 15 des XI. Gesetzes des Jahres 1945 veröffentlichten Verordnung 12 330/1945 M. E. und des in gleicher Sache am 20. November 1945 gefassten Beschlusses des Alliierten Aufsichtsrates [im Weiteren: Durchführungsverordnung].
  35. Prot. SZEB, S. 140 sowie DR. JOHANN TILL, zitiertes Werk. Der Autor irrt sich an dieser Stelle, denn laut ihm äußerte sich Key im ähnlichen Sinn in der SZET-Sitzung.
  36. Ungarisches Amtsblatt, 1945. Nr. 211, Verordnung Nr. 12 330/1945. M. E. „Das Ministerium und der Alliierte Kontrollrat verordnen Folgendes zur Durchführung der Verordnung vom 20. November 1945 über die Umsiedlung der Ungarndeutschen nach Deutschland auf Grund der Ermächtigung laut § 15 Gesetz Nr. XI aus dem Jahre 1945..."
  37. Prot. SZEB, S. 23.
  38. O. a. O. S. 132 und 134-135. Protokoll des SZEB über die Sitzung am 7. Januar 1946, 4. „Die Schwaben unternehmen Schritte, um den Beginn der Aussiedlung nach Deutschland zu beschleunigen." Das SZEB Gremium diskutierte am 11. Januar 1946 darüber, wann die Aussiedlung — am 16. Januar oder am 1. Februar — beginnt. Ihr Standpunkt wich auch von der am Ende des vorigen Jahres erlassenen Regierungsverordnung ab: die Amerikaner erklärten den Verzug auch damit, dass die Sowjets opponierten und erklärten, dass sie die Anweisungen bereits den Ungarn erteilten, um „die Maßnahmen schneller auszuführen".
  39. BALOGH: Deutsche, S. 271.
  40. DR. JOHANN TILL, zitiertes Werk.
  41. ISTVÁN FEHÉR, zitiertes Werk, S. 84.
  42. BALOGH: Deutsche, S. 277. Der ungarische Außenminister erfüllte Schoenfelds Anliegen mit dem Inhalt der vom amerikanischen Diplomaten erwarteten Notiz am 22. Februar 1946: „...die Ungarische Regierung hatte bei der Verordnung der Aussiedlung der Deutschen Kenntnis von der die kollektive Zurrechenschaftziehung verurteilenden Auffassung der Regierung der Vereinigten Staaten. Ich erörterte eingehend in der Sitzung des Ministerrats am 13. Dezember 1945 über die Fragen der Aussiedlung der Deutschen den im Memorandum vom 12. Juni 1945 zum Ausdruck gebrachten, die kollektive Zurrechenschaftziehung verurteilenden Standpunkt der Regierung der Vereinigten Staaten, der nachher auch durch die Note der Amerikaner vom 2. Januar 1946 bekräftigt wurde."
  43. BALOGH: Deutsche, S. 278.
  44. SÁNDOR BALOGH, zitiertes Werk, S. 97-98.
  45. SÁNDOR SZAKÁCS-TIBOR ZINNER, zitiertes Werk, S. 113.
  46. BALOGH: Deutsche, S. 272-273.

 

 

  
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