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10. Rückwanderung und Integration

 

 

Mit dem Jahr 1939 begann eine Völkerwanderung von Osten und Südosten nach Westen, deren Höhepunkt in der Evakuierung, Flucht und Vertreibung in den Jahren 1944-1948 lag. Sie hat durch die Aussiedlung noch immer kein Ende gefunden. Am Anfang dieser Bewegung standen die Umsiedlungen der deutschen Bevölkerung aus dem Baltikum, aus Wolhynien, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, der Do-brudscha und der Gottschee ins Deutsche Reich. Mit dem Rückzug der deutschen Truppen im Osten begann 1943 in den deutschen Kolonien Südrußlands die Evakuierung der Bevölkerung, die sich mit dem weiteren Vordringen der Roten Armee nach Westen hin fortsetzte. In manchen Gebieten des deutschen Ostens und Südostens unterblieb diese Evakuierung entweder aus politischen Gründen der Verantwortlichen oder aufgrund freiwilliger Entscheidung der meist bäuerlichen Bevölkerung. Erst die sich rasch verbreitenden Meldungen über das Vorgehen der Roten Armee gegenüber der wehrlosen Zivilbevölkerung führte zur Flucht. Die nicht flüchtende deutsche Zivilbevölkerung wurde von der Roten Armee überrollt. Damit begann ihr Leidensweg. Aus Ungarn, Jugoslawien und Rumänien wurden von Dezember 1944 bis Februar 1945 ebenso wie aus den anderen deutschen Ostgebieten alle Männer vom 17. bis 45. und Frauen vom 18. bis 35. bzw. 40. Lebensjahr in die UdSSR zur Zwangsarbeit deportiert. Die verbliebene Restbevölkerung wurde in Jugoslawien in Internierungslager gebracht. Dort starben viele. Die Überlebenden wurden später zur Ausreise gedrängt. In Ungarn gelang es durch den Widerstand verschiedener Kreise, nicht die gesamte deutsche Minderheit zu vertreiben. Trotz der Enteignungen ist heute eine größere Gruppe von Donauschwaben in Ungarn ansässig. Aus Rumänien erfolgte keine Vertreibung, doch wurde die deutsche Minderheit enteignet.

Die nach Deutschland strömenden Vertriebenen und Flüchtlinge fanden in dem noch stark zerstörten Land nur schwer Unterkunft. Sie wurden deshalb schon bald in Flüchtlingslagern untergebracht. Die Vertriebenen und Flüchtlinge begannen sich mit staatlicher Hilfe neue Existenzen aufzubauen. Dadurch begann ihre Integration in Baden-Württemberg rasch fortzuschreiten.         

Immo Eberl

 

1. Umsiedlung

Tafel

Das Deutsche Reich und die UdSSR grenzten im Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 ihre Interessensphären in Osteuropa ab. Hitler ließ daraufhin die deutschen Bevölkerungsteile außerhalb seines Interessengebietes ins Reichsgebiet umsiedeln. Er wollte damit die Schwierigkeiten beseitigen, die sich durch die nicht assimilierbare deutsche Bevölkerung zu den anderen Staaten ergab (Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939). Als Hitler diese Politik im Reichstag verkündete, waren die vertraglichen Regelungen über die Umsiedlung der Deutschen aus dem Baltikum, aus Galizien und Wolhynien bereits abgeschlossen oder kurz vor dem Abschluß. Als diese Umsiedlungsaktionen beendet waren, forderte im Juni 1940 die UdSSR ultimativ Rumänien auf, ihr Bessarabien und die nördliche Bukowina abzutreten. Das Deutsche Reich riet Rumänien nachzugeben, was auch geschah (27. Juni 1940). Das Deutsche Reich hatte im Nichtangriffspakt von 1939 schon sein Desinteresse an diesen Gebieten erklärt, daher mit diesem Vorgehen der UdSSR gerechnet und entsprechende Vorbereitungen für die Umsiedlung der deutschen Minderheiten getroffen. In langwierigen Verhandlungen in Moskau wurde die Umsiedlung ausgehandelt (5. September 1940), die bis zum 5. November 1940 abgeschlossen sein sollte.

Die deutschsowjetische Kommission begann bereits am 15. September mit ihrer Arbeit. Dem deutschen Hauptbevollmächtigten für die Umsiedlung in Tarutino unterstanden fünf Gebietsbevollmächtigte (Albota, Beresina, Mannburg, Kischinew und Czernowitz) und diesen jeweils die Ortsbevollmächtigten. Die Umsiedlungskommission rief die deutsche Bevölkerung zur raschen Registrierung auf. Der Abtransport der Deutschen erfolgte auf Lastkraftwagen, mit der Eisenbahn und auch in bespannten Trecks zu den Donauhäfen Kilia, Reni und Galatz. Dabei konnten Handgepäck und persönliche Habe im Umfang einer zweispänni-gen Fuhre je Wirtschaft mitgenommen werden. Das erste Auffanglager für die Umsiedler befand sich in Galatz/Rumänien. Dort trafen die ersten Umsiedler am 24. September ein. Die gesamte Aktion war am 22. Oktober 1940 abgeschlossen. Aus Galatz wurden die Umsiedler auf Donaudampfern nach Semlin und Prahovo in Jugoslawien in weitere Umsiedlungslager gebracht, von wo sie per Eisenbahn in den Warthegau und nach Westpreußen transportiert wurden. Die deutsche Bevölkerung in der nördlichen Bukowina wurde von ihrem Sammelpunkt Czernowitz per Eisenbahn über Krakau nach Schlesien gebracht. Diese Aktion war am 17. November 1940 abgeschlossen.

Während der noch laufenden Umsiedlungen aus Bessarabien und der Nordbukowina konnte sich nach einem Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Rumänien (22. Oktober 1940) die deutsche Bevölkerung der südlichen Bukowina, der Norddobrudscha, der Moldau und der Walachei der Umsiedlung anschließen. Diese wurde in gleicher Form wie die laufende Umsiedlung durchgeführt, doch war die rumänische Regierung in den Einzelheiten großzügiger als die sowjetische. Nach dem Eintreffen des Leiters des Umsiedlungskommandos (3. November 1940) begann die Bekanntmachung der Einzelheiten. Während die sowjetische Herrschaft den vollständigen Aufbruch der deutschen Bevölkerung in Bessara-bien und der nördlichen Bukowina erzwungen hatte, fehlte für die Bewohner der südlichen Bukowina und der Dobrudscha ein vergleichbarer Grund für die Umsiedlung. Nach einigem Zögern entschloß sich, ausgehend von den sozial schwächeren Kreisen der überwiegende Teil der Bevölkerung zur Umsiedlung. Die Deutschen aus der Dobrudscha wurden über Cernavoda auf der Donau nach Semlin transportiert. Die deutsche Bevölkerung der südlichen Bukowina brachten 111 Eisenbahntransporte über Radauz, Klausenburg, Budapest nach Graz und Wien, wo sie zunächst in Umsiedlungslager eingewiesen wurde. Die gesamte Umsiedlung war Mitte Dezember 1940 abgeschlossen. Im Anschluß an diese Maßnahme lief bis Sommer 1943 eine sogenannte >Verwandten-Nachsiedlung<. Durch einen Notenwechsel zwischen dem Deutschen Reich und Bulgarien (22. Januar 1943) wurde auch die zahlenmäßig kleine deutsche Minderheit aus Bulgarien und der 1940 an Bulgarien gelangten Süddobrudscha von März bis Juli 1943 umgesiedelt. Obwohl den Umsiedlern der Erhalt der dörflichen Gemeinschaften versprochen worden war, wurden insbesondere bei den Deutschen aus der Bukowina nach der Ankunft im Deutschen Reich sogar die Familien auseinandergerissen.

Die meisten Umsiedler wurden bis zum 1. Juli 1942 in den Reichsgauen Wartheland und Danzig-Westpreußen sowie in kleineren Teilen im Protektorat Böhmen und Mähren, im Sudetenland und in Lothringen-Luxemburg und bei Lublin angesiedelt. Nach der letzten Statistik über die Umsiedlungen von Januar 1944 waren 166222 Personen angesiedelt, 23900 Personen im sogenannten Altreich zur Arbeit vermittelt worden und 16200 Personen lebten noch in den Umsiedlungslagern. Jugoslawien wurde nach seiner Kapitulation von den deutschen Truppen im April 1941 aufgeteilt. Dabei kam die Unterkrain mit der Gottschee unter italienische Oberhoheit. Bereits unmittelbar nach der jugoslawischen Kapitulation war von  deutscher Seite beschlossen worden, die Gottscheer umzusiedeln. Hitler wollte sie laut seinem Erlaß vom 26. April 1941 als Wehrbauern im Ranner Dreieck in der Untersteiermark und in Kärnten ansiedeln. Dafür sollten die dort ansässigen Slowenen nach Kroatien umgesiedelt werden. Mit Italien wurde über die Umsiedlung eine vertragliche Regelung getroffen (31. August 1941). Die schon bei der Umsiedlung der Dobrudscha-Deutschen spürbaren Widerstände in der Bevölkerung kamen bei den Gottscheern in erhöhtem Maße zum Ausbruch. Als sich die Umsiedlung der Slowenen aus dem Ranner Dreieck nach Kroatien wegen auftretender Widerstände verzögerte, wurde die gesamte Umsiedlungsaktion fraglich. Dennoch konnte der erste Gottscheer Transport mit Umsiedlern bereits am 14. November 1941 über Laibach nach Gurkfeld und von dort ins Aussiedlungsgebiet abgehen. Die sich dabei zeigenden technischen Schwierigkeiten und die Berichte der Umgesiedelten an die zurückgebliebenen Gottscheer führte zu neuem massivem Widerstand gegen die Umsiedlung, der jedoch mit subtilen Mitteln gebrochen wurde. Als sich die Volksgruppenführung Anfang Januar 1942 der Kritik der bereits umgesiedelten Gottscheer anschloß, wurde deren Leiter abgesetzt und die Umsiedlung bis zum Februar abgeschlossen. Neben den 15008 Gottscheern wurden auch die zerstreut lebenden 2900 Deutschen in Serbien und 18300 Deutschen aus Bosnien ausgesiedelt, die um Lublin und Lodz angesiedelt wurden.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1956; Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1961; Hans Hermann Frensing, Die Umsiedlung der Gottscheer Deutschen (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 24), München 1970; Heimatbuch der Bessarabien-deutschen, hrsg. von A. Kern, Hannover 31976; D. Jachumowski, Die Umsiedlung der Bessarabien-, Bukowina- und Dobrudscha-deutschen. Von der Volksgruppe in Rumänien zur >Siedlungsbrücke< an der Reichsgrenze (Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission, Bd. 32) München 1984.

Immo Eberl


2. Umsiedlung aus der Dobrudscha

Umsiedler gehen von Bord eines Donaudampfers

1940

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Die Aufnahme zeigt Umsiedler aus der Dobrudscha beim Verlassen eines Donaudampfers der sie von ihren ehemaligen Wohnsitzen donauaufwärts in die Orte mit den Umsiedlerlagern gebracht hatte.                  

Immo Eberl

 

10.2

 

3. Umsiedlung aus Bessarabien

Treck

1940

Photographie

aus: Die Eingliederung der Vertriebenen des Landkreises Ludwigsburg, Ludwigsburg 1986, S.43.

Die Aufnahme zeigt einen der typischen Trecks, mit denen die Bessarabiendeutschen nach dem Umsiedlungsvertrag zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich in kurzer Zeit ihre alte Heimat verließen.      

Immo Eberl

 

10.3

 

4. Evakuierung und Flucht

Tafel

Der Rückzug der deutschen Truppen in Rußland seit 1943 hat an vielen Orten Evakuierungspläne entstehen lassen, um die deutsche Bevölkerung vor der vorstoßenden Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Im Herbst 1943 waren die Deutschen von der Krim und vom Schwarzen Meer in Trecks durch das nördliche Siebenbürgen nach Deutschland gezogen. Ihnen folgten im Frühjahr 1944 die Deutschen aus Transnistrien und der Ukraine. Diese Deutschen waren 1941 durch den raschen Vormarsch der deutschen Truppen den sowjetischen Behörden entkommen, die sie in Arbeitslager nach Sibirien und Kasachstan bringen wollten. Sie wußten daher, was ihnen bevorstand, wenn sie von der Roten Armee überrollt wurden. Diese Trecks der Deutschen aus Rußland haben zusammen mit den Meldungen von der Ostfront Evakuierungspläne für die deutsche Bevölkerung Südosteuropas entstehen lassen. Als die deutsche Bevölkerung Westslawoniens von den Partisanen bedroht wurde, befahl Himmler im Jahre 1944, sie nach Syrmien umzusiedeln. Von der Waffen-SS wurden von Januar bis April 1944 25000 Deutsche in die Gegend von Esseg umgesiedelt. Auch die deutsche Volksgruppe in Ungarn hat sich im Frühjahr 1944 bereits mit der Möglichkeit von Evakuierungen befaßt. Diese, anfänglich wohl eher theoretischen Überlegungen, wurden Wirklichkeit, als Rumänien zu Alliierten übertrat (23. August 1944). Obwohl sich die neue Regierung rasch durchsetzen konnte, blieb die militärische Situation an den Grenzen zu Ungarn und Serbien zunächst offen.

Deutsche und ungarische Einheiten wurden zum Schutz der weitgehend ungesicherten Grenze von Siebenbürgen bis zum Eisernen Tor herangezogen. Obergruppenführer Arthur Phleps (gefallen 1944), ein Siebenbürgener Sachse, wurde zum Bevollmächtigten General und höheren SS- und Polizeiführer in Siebenbürgen ernannt. Der Vormarsch der Roten Armee vollzog sich in diesen Wochen in Rumänien so langsam, daß die deutschen und ungarischen Einheiten unter General Phleps Süd-Siebenbürgen beherrschten und planen konnten, der Roten Armee die südlichen Karpatenpässe zu sperren. Obwohl dieser Plan mit dem Vordringen der Roten Armee bis Kronstadt (7. September 1944) scheiterte, konnte die Front in harten Kämpfen am Mieresch gehalten werden. Die aus Rumänien entkommene Führung der deutschen Volksgruppe unter Andreas Schmidt evakuierte am 7. und 8. September die Deutschen aus zwei Dörfern am Südrand des Szekler-Zipfels und fünf Dörfern südlich Neumarkts. Da die Rote Armee die Nachbarorte jeweils schon besetzt hatte, war es eine Maßnahme in letzter Minute. Dennoch konnten einige Evakuierte noch mit ihren Gespannen und ihrem Vieh aufbrechen. Sie wurden über Neumarkt und Sächsisch-Reen gebracht und schlossen sich dort der anlaufenden Evakuierung der deutschen Bevölkerung in Nord-Siebenbürgen an. Die Evakuierungspläne der Deutschen Volksgruppe in Ungarn, zu der auch Nord-Siebenbürgen gehörte, legten Treckwege fest, richteten Verpflegungsstellen ein und bereiteten Durchgangsquartiere vor. Der in jedem Ort ernannte Evakuierungsbeauftragte hatte die durchziehenden Trecks zu betreuen und sich zum Schluß diesen mit den eigenen Dorfbewohnern anzuschließen. Neben der Evakuierung der Landbevölkerung in Trecks waren auch Transporte auf der Donau oder mit der Eisenbahn geplant. General Phleps befahl am 5. September mit den Evakuierungen zu beginnen. Aus dem Gebiet Sächsisch-Reen brach der erste Treck am 11. September auf. Zwischen dem 17. und 20. September folgten die Deutschen aus dem Gebiet um Bistritz. Die Einwohner der Städte Sächsisch-Reen und Bistritz wurden in Transportzügen abtransportiert, deren letzter Bistritz erst am 9. Oktober verließ. Mit den zurückgehenden deutschen Truppen zogen zwischen dem 10. und 12. Oktober die zum Schutz der Dörfer zurückgebliebenen Nachhuten ab.

Die Rote Armee hat daher bei der Einnahme Nord-Siebenbürgens kaum noch deutsche Einwohner vorgefunden. Die nord-siebenbürgischen Trecks erreichten nach einem Zug über Sathmar und durch Nordungarn Anfang November in Ödenburg die Reichsgrenze und wurden in den Raum des heutigen Österreichs gebracht. Die durch den Durchzug der nordsiebenbürgischen Trecks aufgeschreckten Sathmarer Schwaben bemühten sich Anfang Oktober um den Befehl zu ihrer Evakuierung, für die ein besonderer Plan erarbeitet worden war. Als die Volksgruppe ihn nach schwierigen Verhandlungen erhielt, folgte ihm nur ein kleinerer Teil der Sathmarer Schwaben, wenn auch ein paar Gemeinden fast geschlossen aufbrachen. Die am 10. Oktober zusammengestellten Trecks zogen oft in Frontnähe südlich von Budapest über Budaörs und Kisber nach Ödenburg. Die schon in Budaörs auf die Eisenbahn verladenen Sathmarer wurden nach Thüringen gebracht, während die über Ödenburg ziehenden im November im Raum des heutigen Österreichs Aufnahme fanden. Die Pläne zur Evakuierung der Donauschwaben in Syrmien, Slawonien und Kroatien wurden ab 10. September 1944 durchgeführt. Die deutsche Bevölkerung Mittelslawoniens wurde in örtlichen Evakuierungen zuerst nach Syrmien gebracht. Die auf diese Weise Anfang Oktober in Syrmien zusammengefaßten Deutschen zogen dann in geschlossenen Trecks durch die Branau und Südungarn und erreichten entlang des Plattensees Ende Oktober die Reichsgrenze.

Die Evakuierungen aus der Batschka, der Branau und dem Banat waren dagegen weit schwieriger. Aus politischer Rücksichtnahme auf Ungarn waren für die Batschka und Branau keine Evakuierungspläne aufgestellt worden. Die Volksgruppenführung für das Banat hatte dies zwar getan, doch wurde der Befehl zum Aufbruch nicht gegeben, weil sich die SS-Führung in Belgrad jeder Vorbereitung zur Evakuierung widersetzte. Auch in der Leitung der Volksgruppe gab es Widerstand, obwohl genügend warnende Vorzeichen vorlagen. Die deutschen und ungarischen Truppen stießen vom 13. bis 15. September nochmals bei Temeschburg vor und versuchten, die Pässe der Transsilvanischen Alpen zu sperren. Obwohl weder die Pässe noch Temeschburg eingenommen werden konnten und nach der Aufgabe Arads (19./20. September) der Rückzug begann, haben die deutschen und ungarischen Truppen wenige Tage lang den größten Teil des donauschwäbischen Siedlungsgebiets im Banat besetzt. Sie haben in diesen Tagen zur Evakuierung aufgerufen. Doch schlössen sich den seit 15. September aufbrechenden Trecks meist nur Teile der deutschen Bevölkerung an. Von diesen kehrten viele nach wenigen Tagen wieder um. Manche Evakuierte blieben in den ersten Aufnahmeorten hinter der serbischen Grenze zurück und wurden dort von der Roten Armee überrollt, um dann in ihre Dörfer zurückgeführt zu werden.

Trotz der Bemühungen des deutschen Militärs unterblieb eine systematische Evakuierung. Mit den Vorstößen der Roten Armee zwischen dem 29. September und 5. Oktober nach Westen begann kurzfristig eine überstürzte Fluchtbewegung, die aber nur wenigen Flüchtlingen Erfolg brachte. Diese Vorgänge ließen von der deutschen Bevölkerung des Banats nur zehn Prozent entkommen, während es in der Batschka und Branau immerhin die Hälfte war. Doch auch dort wartete man viel zu lange, bis man sich zum Aufbruch entschied. Neusatz wurde vom 4. bis 9. Oktober evakuiert, als die Rote Armee auf die Stadt vorstieß. In der Südbatschka, südlich der Linie Apatin Tscherwenka, brachen Trecks zwischen dem 8. und 11. Oktober auf. Die meisten trafen nach zwei Monaten in den Quartieren in Schlesien und dem späteren Oberösterreich ein. Während in der Südbatschka Trecks aufgestellt worden waren, blieb die Flucht in der Nordbatschka der Einzelinitiative der dörflichen Bevölkerung überlassen. Trotz dieser Schwierigkeiten entschlossen sich insbesondere zahlreiche jüngere Donauschwaben zur Flucht und verließen die Heimat. Die Trecks und Eisenbahntransporte mit den Deutschen aus der Zips liefen über Preßburg nach dem Westen. Durch sie ist zwischen September und Dezember die dortige Bevölkerung weitgehend nach Österreich und in die Slowakei evakuiert worden. Die Rote Armee stand Ende September an der rumänisch-ungarischen Grenze.

Von dort aus begann sie seit dem 5. Oktober vorzurücken. Der Widerstand der deutschen und ungarischen Truppen wurde durch den Versuch der ungarischen Regierung in Verwirrung gebracht, auf die Seite der Alliierten überzutreten. Obwohl diese Absicht scheiterte und die neue ungarische Regierung durch ihre größere Abhängigkeit vom Deutschen Reich den durch Ungarn ziehenden evakuierten oder flüchtenden Siebenbürger Sachsen und Donauschwaben mehr entgegenkam als die bisherige Regierung, war die Abwehr so geschwächt, daß die Rote Armee in Südungarn rasch bis an die Donau vorstieß. In der zweiten Oktoberwoche erhielten die Orte am östlichen Donauufer die Aufforderung zur Evakuierung. In der nun schon bedrohten Schwäbischen Türkei begannen Evakuierungen der deutschen Bevölkerung in der zweiten Oktoberhälfte. Sie wurden fortgesetzt bis die Rote Armee Anfang Dezember in dieses Gebiet vorstieß. Die Deutsche Volksgruppe begleitete in den folgenden Monaten den weiteren Rückzug der Front jeweils durch neuerliche Evakuierungsmaßnahmen. Diese endeten erst in den letzten Dezemberwochen 1944, als die Front sich auf der Linie Bakonywald-Gran bis zum März 1945 eingrub. Die rechtzeitig durchgeführte Evakuierung hat, wie die Beispiele Syrmiens, Nordsiebenbürgens und Sathmars beweisen, am ehesten die Möglichkeit geboten, den größten Teil der deutschen Zivilbevölkerung vor der Roten Armee und im jugoslawischen Raum vor den Partisanen Titos zu retten. Die Bewohner der Batschka, der Branau und des Banats hatten besonders darunter zu leiden, daß sie zu spät evakuiert wurden. Die deutschen Behörden und die Volksgruppenleitung waren dafür verantwortlich. Doch wollten auch große Teile der deutschen Bevölkerung nach Einleitung der Evakuierung die angestammte Heimat mit Haus und Hof nicht verlassen. In letzter Minute entschlossen sie sich dann häufig noch zum Aufbruch, der nun zur Flucht wurde.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1956, S.34ff.; Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Berlin 1956, S. 64Eff.; Geschichte der Ungarn deutschen in Dokumenten 1930-1950, hrsg. vonJ. Weidlein, Schorndorf1958; Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1961, S. 85Eff.; A.-M. de Zayas, Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, München 61981; A.-M. de Zayas, Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 21987.                                             

Immo Eberl

 

5. Flucht der deutschen Siedler aus Jugoslawien: Treck

Herbst 1944

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Nach dem Umsturz in Rumänien (23. August 1944) begann in den ehemals jugoslawischen Gebieten eine Dorf für Dorf erfassende Evakuierung. Als die Rote Armee näherrückte, folgte die Flucht. Trotz dringender Appelle an die Bevölkerung waren keineswegs alle Deutschen zum Aufbruch zu bewegen.

Immo Eberl

 

10.5

 

6. Flucht der deutschen Siedler aus Jugoslawien: Pferdegespann der Familie Stefan Meixner, Filipowa

12. Oktober 1944

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

 

10.6

 

 

7. Flucht aus Jugoslawien

1944 Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Der Strom der Evakuierten aus den ehemals jugoslawischen Gebieten riß durch Ungarn im Laufe der Monate September/Oktober 1944 kaum ab. Dennoch hat sich nur die deutsche Bevölkerung aus Slawonien und Syrmien fast vollständig retten können. Aus der Batschka war es fast nur noch die Hälfte der deutschen Bevölkerung, die sich in diesen Monaten dem Zugriff der Partisanen und der Roten Armee entziehen konnte.                         

Immo Eberl

 

10.7

 

8. Flucht aus Jugoslawien

1944/1945

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Nachdem die Trecks durch die Dörfer der Batschka und Ungarns gezogen waren, wurde manche deutsche Familie durch die ersten Nachrichten über das Vorgehen der Partisanen Titos und der Roten Armee zum Aufbruch in letzter Minute bewogen.          

Immo Eberl

 

10.8

 

9. Deportation

Tafel

Die Konferenz von Jalta behandelte am 11. Februar 1945 die Frage der Reparationen für die UdSSR. Diese forderte deutsche Arbeitskräfte für den Wiederaufbau. Churchill und Roosevelt haben dieser Forderung unter dem Begriff Reparations in kind (Kriegsentschädigungen in Leistungen) zugestimmt. Nach den Unterlagen des Deutschen Roten Kreuzes sind etwa 874000 Zivilpersonen zur Zwangsarbeit in die UdSSR verschleppt worden. Von diesen Zwangsarbeitern starben insgesamt etwa 45%. Am härtesten betroffen waren von den Deportationen die Siebenbürger Sachsen, die Donauschwaben, die Ostpreußen und die Pommern. Der folgende Überblick beschränkt sich auf Südosteuropa. Die UdSSR hat im Herbst 1944 von Rumänien, Jugoslawien und Ungarn Zwangsarbeiter für den sowjetischen Wiederaufbau gefordert. Daraufhin wurden in diesen Staaten alle deutschen Männer zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 35 bzw. 40 Jahren erfaßt. Bei den Musterungen durch sowjetische Militärkommissionen wurden nur Schwangere, Kranke und Frauen mit Kleinkindern zurückgestellt. In den drei südosteuropäischen Staaten wichen die Zeitpunkte der Deportationen nur geringfügig voneinander ab.

In Jugoslawien begannen die Deportationen am 25. Dezember 1944 und dauerten bis Anfang Januar 1945. Sie wurden von den Partisanen durchgeführt. Betroffen wurde die deutsche Minderheit und dabei überwiegend die Donauschwaben im Banat, in der Batschka und der Branau. Die Partisanen erhielten durch die Deportation eine gute Gelegenheit, den deutschen Bevölkerungsanteil zu verringern. Sie versuchten lediglich den Abtransport von Handwerkern und Facharbeitern zu verhindern, um deren spezielle Kenntnisse im eigenen Land zu nutzen. In den Dörfern wurden die Angehörigen der entsprechenden Jahrgänge aufgefordert, sich auf den Gemeindehäusern registrieren zu lassen. Im Anschluß daran wurden diese zu den Sammelstellen abtransportiert. Als Grund für den Abtransport wurde den Betroffenen in der Regel nur ein längerer Arbeitseinsatz in Jugoslawien genannt. Der Einsatz in der UdSSR wurde entweder an den Sammelstellen oder sogar erst auf der Fahrt durch Rumänien bekannt. Die Sammelstellen befanden sich in Städten mit günstigen Eisenbahnverbindungen. Die Transporte erfolgten in Güterwaggons mit je 30-45 Personen. Die Züge bestanden jeweils aus 40-50 Waggons. Als Wachpersonal wurden russische Soldaten eingesetzt. Die schlechte Versorgung mit Wasser, Lebensmittel und Brennmaterial führte schon auf derr Transport zu zahlreichen Erkrankungen und einzelnen Todesfällen.

Die Deportierten wurden nach einer Fahrt von 15-20 Tagen durch Rumänien in Arbeitslager zwischen Charkow und Rostow gebracht. Dort wurden Männer und Frauen unterschiedslos zu den anfallenden Arbeiten in den Kohlegruben, auf Bauplätzen, Sowchosen und Kolchosen eingesetzt. Die hohen Leistungsnormen waren bei den knappen Lebensmittelrationen kaum zu bewältigen. Diese Arbeitsbelastung mit (bis 1947) in der Woche zwei Schichten zu je zwölf, sonntags zu je neun Stunden, die mangelnde Ernährung und die katastrophalen hygienischen Verhältnisse in den Lagern sowie die schlechte ärztliche Betreuung führten bald zu zahlreichen Todesfällen. Von den etwa 27000 bis 30000 Deportierten aus Jugoslawien (einzelne schätzen sogar 40000) sind etwa 16% in der UdSSR gestorben und die Mehrzahl der Überlebenden auf Lebenszeit gesundheitlich geschädigt worden. Die kranken und arbeitsunfähigen Deportierten wurden seit 1945 in Transporten abgeschoben, zuerst nach Jugoslawien und, als dieses ab 1946 die Aufnahme verweigerte, in das Gebiet der heutigen DDR. Die Auflösung der Arbeitslager und die allgemeine Entlassung begann im Oktober/November 1949, wobei die Überlebenden über Frankfurt/Oder ebenfalls in die heutige DDR gebracht wurden.

In Rumänien kamen bereits Ende August 1944 bei der ersten Registrierung der deutschen Bevölkerung Gerüchte über eine bevorstehende Deportation auf. Die Regierung hat der UdSSR im Herbst 1944 Zusicherungen gemacht, Zwangsarbeiter aus der deutschen Bevölkerung bereitzustellen. Alle Versuche der Vertreter der deutschen Minderheit, wie Dr. Hans Otto Roth und Dr. Franz Kräuter, die Deportationen zu verhindern, waren daher zum Scheitern verurteilt. Die ersten Deportationen begannen unter den Sathmarer Schwaben am 2. und 3. Januar 1945 und wurden in Kronstadt und Bukarest am 1071 I.Januar fortgesetzt. Die Aushebungen griffen von hier aus nach dem Plan der Polizei und den Registrierungen im Herbst auf das gesamte Land über. Wichtig ist dabei jedoch, daß bei Frauen meist schon das 30. Lebensjahr, zumindest aber das 35. als oberste Grenze angesehen wurde. Während der Deportation wurden die einzelnen Städte und Gemeinden jeweils durch Polizei und Militär abgesperrt. Unter den rund 75000 Deportierten waren etwa 35 000 bis 40 000 Banater und 10 000 bis 15000 Sathmarer Schwaben, der Rest Siebenbürger Sachsen. Der Transport hat sich von denen der Deutschen aus Jugoslawien kaum unterschieden, ebenso auch die Verhältnisse in den Arbeitslagern im Donezbek-ken um Stalino und Woroschilowgrad. Die Todesrate in den Arbeitslagern wird mit etwa 15% angesetzt, wobei die gesundheitlichen Dauer- und Spätschäden der Überlebenden nicht berücksichtigt sind. Die Rückführung der Deportierten erfolgte zwischen 1948 und 1951 nach Rumänien oder Deutschland., Aus Ungarn wurden als von der Roten Armee besetztem Feindland neben den Deutschen überwiegend Ungarn in die UdSSR deportiert. In den mit der UdSSR verbündeten Staaten Jugoslawien und Rumänien war die Deportation fast ausschließlich auf die deutsche Minderheit beschränkt geblieben. Die von Weihnachten 1944 bis zum Februar 1945 laufenden Deportationen vollzogen sich in gleicher Weise wie in den beiden anderen Staaten. Unter den Verschleppten aus Ungarn befanden sich 30000 bis 35 000 deutsche Zivilisten. Die deutsche Minderheit hat damit unter den Zwangsarbeitern aus Ungarn immerhin etwa 10% gestellt, während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 1941 nur bei 5,2% gelegen hatte. Die überwiegend aus der Batschka und der Schwäbischen Türkei stammenden deutschen Deportierten wurden meist auch in Arbeitslager im Donezbecken eingewiesen. Die Zahl der Todesfälle lag mindestens so hoch wie bei den Deutschen aus Jugoslawien und Rumänien. Die Rückkehr nach Ungarn, in vielen Fällen aber auch schon in die amerikanische Besatzungszone oder in die Bundesrepublik Deutschland, begann - abgesehen von den schon seit 1945 laufenden Krankentransporten - 1948 und endete Anfang der 50er Jahre.

Als Musterbeispiel für die Behandlung der Deportierten sei der Bericht des heute in Kanada lebenden Josef Weber aus dem Banat gegeben, der als Zwangsarbeiter in die Gegend östlich des Urals gebracht wurde (nach A.-M. de Zayas, Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 21987, S. 168f.): Unser Transport brachte uns in die Gegend zwischen Swerdlowsk im Norden und Tsche-liabinsk im Süden östlich des Ural. Wir waren 42 Tage lang unterwegs gewesen. Durch Krankheit ohne jede ärztliche Hilfe während des Transports, bei der Ankunft und in den zwei Wochen Ausgesetztseins unter freiem Himmel bei 30 Grad Kälte war unser Haufen dezimiert worden. In einem der vielen Lager bei Ufalej arbeitete ich dann im Freien. Kurz bevor ich eines Tages nach Njassepetrowsk gebracht wurde, erfuhr ich zum erstenmal etwas über meine Frau - sie war 21 Jahre alt. Ein Bekannter, den ich traf, erzählte mir, daß auch sie verschleppt worden war und daß er sie in einem Bergwerk bei Stalino getroffen habe.

Im Winter 1949/50 verletzte mir im südlichen Ural bei Rodungsarbeiten ein Baumstamm das rechte Bein so stark, daß ich nach wochenlangen Eiterungen und Wundfieber von der Lagerverwaltung der Sowjets für den nächsten Krankentransport nach Westen nominiert wurde. Drei Wochen vorher hatte ich erfahren, daß meine Frau in einem ukrainischen Arbeitslager an Silikose, das ist Staublunge, verstorben war. Als ich dann nach wochenlanger Fahrt über Kiew zuerst Frankfurt an der Oder und dann Berlin erreicht hatte, wollte ich nur in meine Banaler Heimat zurückkehren, konnte es aber wegen des schlimmen Zustands meines verletzten Beines nicht. Zwei Jahre lang quälte ich mich in Krankenhäusern und bei Ärzten herum. Als ich endlich 1952 gesundheitlich wieder hergestellt war, erhielt ich die Nachricht, daß die deutschen Bewohner meines Heimatortes in der Nähe der rumänisch-jugoslawischen Grenze zusammen mit 50000 anderen von den rumänischen Behör- den in die Donau-Steppe evakuiert und dort zum Winterbeginn im Freien ohne Dach über dem Kopf ausgesetzt worden waren. Meine alten Eltern starben dort innerhalb von zwei Wochen. Damit hatte ich niemanden mehr aus der Familie in meiner ehemaligen Heimat. Denn mein dreijähriger Sohn war, nur einen Monat nach der Verschleppung meiner Frau, im Februar 1945 an einer niemals festgestellten Krankheit gestorben, ein älterer Bruder bei Stalingrad 1942 gefallen und meine Schwester 1949 bei der Verschleppung in der Sowjetunion umgekommen.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene,  Düsseldorf  1956,   S.41Eff.; Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Berlin 1956, S. 75Eff.; Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien, hrsg. vom Bundes ministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1961, S. 93Eff.; F. Grube-G. Richter, Flucht und Vertreibung. Deutschland zwischen 1944 und 1947, Hamburg 1980; H.Mitzka, Zur Geschichte der Massendeportationen von Ost deutschen in die Sowjetunion im Jahre 1945, Einhausen 1985; A.-M. de Zayas, Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 21987, S. 166 ff.                                       

Immo Eberl

 

10. Deportation in die UdSSR

Gruppe deutscher Deportierter

aus Bácsalmás

1945

Photographie

Ungarndeutsches Heimatmuseum, Backnang

In den Arbeitslagern der Deportierten in der UdSSR wurden Frauen und Männer gleichermaßen zur Zwangsarbeit herangezogen. Das Bild ist am Anfang der mehrjährigen Zwangsarbeit aufgenommen worden.       

Immo Eberl

 

10.10

 

11. Vertreibung

Tafel

Die Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen hat in keinem Jahrhundert so viele Menschen erfaßt wie im zwanzigsten. Hitler hat Zwangsumsiedlungen und damit verbundene Vertreibungen angestammter Bevölkerungen seit 1939 zu einem Bestandteil seiner Politik gemacht. Der Nürnberger Prozeß hat 1945/46 diese Maßnahmen Hitlers als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt und geahndet. Die Alliierten beschlossen aber 1945 eine Massenumsiedlung der deutschen Bevölkerung, wie sie in dieser Größenordnung in der Geschichte neu war. Neben der Bevölkerung des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 jenseits von Oder und Neiße war auch die deutschstämmige Bevölkerung in Ost- und Südosteuropa mitbetroffen, die seit Generationen loyale Bürger im Verband ihres jeweiligen Landes gewesen waren. Entscheidende Bedeutung für die Massenvertreibungen der Deutschen aus Osteuropa hat die Potsdamer Konferenz (17. Juli—2. August 1945). In Artikel XIII des Protokolls der Konferenz wurde von Großbritannien, den USA und der UdSSR beschlossen, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Dieser Artikel hat von den Staaten Südosteuropas also nur Ungarn erwähnt, nicht aber Jugoslawien und Rumänien.

Die deutschen Minderheiten in den drei Ländern wurden unterschiedlich behandelt. Rumänien hat seine deutsche Bevölkerung 1945 nicht aus dem Land vertrieben, da diese Forderung selbst von marxistischer Seite nicht erhoben wurde, zumal sie der marxistischleninistischen Lehre nicht entsprach. Die Deutsche Volksgruppe in Rumänien und die ihr verliehene Privilegien wurden durch Dekret vom 8. Oktober 1944 aufgehoben. Der ehemalige Landeskirchenkurator und Vorsitzende der deutschen  Fraktion im  Parlament,  Dr. Hans Otto Roth, hatte unmittelbar nach dem rumänischen Umsturz die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben zur loyalen Haltung gegenüber dem rumänischen Staat aufgerufen. Seine Bemühungen, die Deportationen Anfang 1945 zu verhindern, blieben dennoch erfolglos. Auch die unter kommunistischem Einfluß Ende 1944 beginnende neue Nationalitätenpolitik Rumäniens, die am 6. Februar 1945 durch das Nationalitätenstatut festgeschrieben wurde, hat die Rechte der deutschen Minderheit ausdrücklich aufgenommen, wenn sie auch anfänglich nicht genutzt werden konnten. Die Politik der jungen Volksdemokratien war in den ersten Jahren nach dem Krieg gegen die deutsche Minderheit gerichtet, so traf das Bodenreform-Dekret vom März 1945 in erster Linie die Mitglieder der Deutschen Volksgruppe, damit aber die deutsche Minderheit allgemein, da seit 1940 alle Deutschen automatisch Mitglieder der Volksgruppe waren. Auch das Wahlgesetz von 1946 schloß die Deutschen vom Wahlrecht aus. Die Anfang 1947 abgeschlossene Bodenreform traf die deutsche Minderheit in Siebenbürgen, im Ba-nat, in Sathmar in erheblichem Ausmaß (siehe untenstehende Tabelle).

Nach der Statistik lagen 49 % des enteigneten Bodens und wohnten 97 % der enteigneten Grundbesitzer in den hauptsächlich von Deutschen besiedelten Gebieten des Landes. Die deutsche Minderheit hat sich sowohl im donauschwäbischen als auch im siebenbürgi-schen Bereich allmählich auf Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft umgestellt. Die rumänischen Deutschen haben die folgenden Monate überstehen können, weil nach der Bodenreform das deutsche Wirtschaftsleben in den Städten bis 1948 unbehindert fortbestand und die evangelische und katholische Kirche die deutsche Minderheit unterstützten. Die Stellung des Sprechers der deutschen Minderheit, Dr. Hans Otto Roth, als Landeskirchenkurator ist hier ebenso bezeichnend wie die des ehemaligen katholischen Abgeordneten Dr. Franz Kräuter im Banat. Das Schicksal der in Rumänien gebliebenen Minderheit war weniger schwer als das der Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina und der Dobrudscha, die als Umsiedler den Zusammenbruch des Deutschen Reiches erlebten. Die Deutschen aus Bessarabien und der Bukowina wurden - soweit sie in sowjetische Hände fielen - als Deutsche aus Rußland für Jahre in die asiatischen Arbeitslager verschleppt. Nach Rumänien zurückgeführte Gruppen machten Anfang 1947 von der Möglichkeit Gebrauch, sich auf Antrag aus Rumänien ausweisen zu lassen.

 

Gebiet Zahl derenteigneten Besitzer Umfang desenteigneten Bodens durchschnittliche Größe derenteigneten Güter
Siebenbürgen 62157 345598 ha 5,5 ha
Banat und Sathmar 73381 362760 ha 4,9 ha
in Regat mit Bukowinaund Dobrudscha 7681 735553 ha 95,7 ha

 

Seit 1948 war die deutsche Minderheit von der Nationalitätenpolitik des nun vollkommen marxistischen Landes allgemein anerkannt, das Wahlgesetz vom 7. September 1950 schloß daher auch nicht mehr alle Mitglieder der Deutschen Volksgruppe vom Wahlrecht aus, sondern beschränkte den Ausschluß auf bestimmte soziale Schichten. Als sich die kommunistischen Wirtschaftspläne nicht erfüllten, kam es zu den Zwangsumsiedlungen ab Juni 1951, die einen großen Teil der deutschen Minderheit trafen. Diese Umsiedlungen aus dem rumänisch-jugoslawischen Grenzgebiet mit Ausnahme der Städte Arad und Te-meschburg in die Bärägansteppe erfaßten etwa 40 000 Donauschwaben. Die Potsdamer Konferenz hatte von Ungarn gefordert, die deutsche Minderheit zumindest teilweise nach Deutschland auszuweisen. Diese war 1944/1945 nur zum kleinen Teil aus dem Land geflohen. Die Mehrzahl war nicht bereit, Haus und Hof, das Erbe der Vorfahren, aufzugeben. Sie hatten dabei nicht das veränderte Verhältnis der ungarischen Nationalisten zu ihnen berücksichtigt. Schon im Laufe des Krieges waren sie für diese aus dem Schwaben, dem deutschsprachigen ungarischen Staatsbürger, der nur magyarisiert werden mußte, zum Vertreter eines anderen Staates in Ungarn geworden.

Auf diesem Verständnis aufbauend gab es für den Angehörigen der deutschen Minderheit nur die Entscheidung: entweder er bejahte die magyarische Nation und unterwarf sich ihr, oder er bekannte sich zum deutschen Volkstum und berief sich auf das Minderheitenrecht. Damit galt er als Verräter am ungarischen Staat. Man ging daher schon bald gegen die Angehörigen der deutschen Minderheit unterschiedslos vor. Das Gesetz der Bodenreform (15. März 1945) und seine Ausführungsbestimmungen war weitgehend gegen die deutsche Minderheit gerichtet. Den örtlichen Machthabern wurde dabei noch die Möglichkeit gegeben, die Vorschriften nach Gutdünken auszulegen. Die angekündigten Enteignungen ließen sich vielfach wegen fehlender Bewerber für die zu enteignenden Höfe nicht durchführen. Über die Umsiedlung der deutschen Minderheit ergaben sich zwischen den Parteien Meinungsverschiedenheiten, die sich bis in die ungarische Regierung auswirkten. Der Alliierte Kontrollrat in Deutschland hat am 20. November 1945 aufgrund der Potsdamer Konferenz die

Zahl der aus Ungarn aufzunehmenden Deutschen mit 500000 festgelegt, die ungarische Regierung selbst hatte Mitte 1945 nur von 200000 bis 250000 Deutschen gesprochen.

Sie konnte sich nach dem Kontrollratsbe schluß nicht sofort über die Umsiedlung einigen. Der Innenminister plante die vollständige Vertreibung der Deutschen. Der Außenminister erhob gleichzeitig gegen Zahl und Prinzip der Vertreibungen Protest. Er konnte sich aber im  Ministerrat  nicht durchsetzen,  der am 22. Dezember 1945 beschloß, den Angehörigen der deutschen Minderheit zu vertreiben, der sich bei der letzten Volkszählung zur deutschen Volkszugehörigkeit oder Muttersprache bekannt hat oder der seinen magyarisierten Namen wieder in einen deutsch klingenden Namen ändern ließ, ferner derjenige, der Mitglied des Volksbundes oder einer bewaffneten deutschen Formation war.  Es wurden von dieser Bestimmung nur wenige Ausnahmen zugelassen. Keinesfalls durften mehr als 10% der Vertriebenen eines Kreises von der Aussiedlung  befreit werden. Jeder Aussiedler durfte bei der Vertreibung 100 kg Gepräck mitnehmen. Sein übriges Eigentum fiel an den Staat. Die Vertreibung begann im Januar 1946 und ging mit einer kurzen Unterbrechung von Juni-August bis zum Jahresende. Dabei wurden rund 170000 Personen vertrieben, die besonders in Württemberg ihre neue Heimat fanden. Nochmals 50000 Deutsche wurden ab August 1947 bis in die ersten Monate 1948 in die heutige DDR gebracht. In der Abfolge der Vertreibung wurden die ursprünglich natio nalen Beweggründe mehr und mehr durch marxistische ersetzt. Die Amerikaner waren 1946 bereit gewesen, die Deutschen aus Ungarn in ihrer Zone aufzunehmen. Diese Bereitschaft erlosch mit dem Ende des Jahres, wobei die allgemeine politische Entwicklung zwischen Ost und West neben der Überbevölkerung und Ernährungslage in den Zonen der westlichen Alliierten verantwortlich waren.

Die Verordnung vom 10. Mai 1946 über dieReihenfolge der Aussiedlung hatte bereits angeordnet, daß  Personen, die Deutsch als Muttersprache, aber als Nationalität Ungarisch angegeben hatten, bis auf weiteres nicht mehr ausgesiedelt werden durften. In den folgenden Monaten verloren die Auswirkungen des Bodenreformgesetzes an Bedeutung, damit begann sich die Situation für die deutsche Minderheit zu verbessern. Die kommunistische Partei setzte sich aufgrund der Bedeutung der deutschen Facharbeiter für die industrielle Entwicklung schon 1948 für eine Wiedereingliederung der »Schwaben« in den Staat ein. Der Generalamnestie für die deutsche Minderheit (Oktober 1949) folgte der offizielle Verzicht auf die Aussiedlung (März 1950). Einzelne Ausgesiedelte - hier nur besondere Facharbeiter - konnten sogar nach Ungarn zurückkehren.

Das schwerste Schicksal unter den Deutschen Südosteuropas erlitt die deutsche Minderheit in Jugoslawien. Die Partisanen Titos hatten sich ehe sie die deutschbesiedelten Gebiete ihres Landes einnahmen und vor Kriegsende auf eine politische Linie gegenüber der deutschen Minderheit festgelegt, wie die Beschlüsse des Antifaschistischen Rates (AVNOJ) vom 21. November 1944 beweisen. Diese Politik, die von der unerbittlichen Auseinandersetzung zwischen deutschen Truppen und Partisanen gekennzeichnet war, wurde bis 1948 durchgehalten. Sie entzog der deutschen Minderheit die Bürgerrechte, enteignete sie und machte aus ihr besitzlose und unerwünschte Bürger. Die Partisanen gingen fast ausschließlich gegen die deutsche Minderheit vor, obwohl die Gegensätze zwischen Magyaren und Serben wesentlich schärfer gewesen waren als zwischen Deutschen und Serben. Die Rote Armee hatte bis zum 20. Oktober 1944 Belgrad und das Gebiet nördlich von Save und Donau bis zu einer nordsüdlich verlaufenden Linie von Esseg nach Brcko eingenommen. Auf dieser Linie blieb die Front bis Anfang April 1945 stehen. Südlich der Save und Donau fiel die Vorherrschaft den Partisanen zu. Bei dieser Abgrenzung lagen die deutschen Siedlungsgebiete von Batschka und Banat im Bereich der Roten Armee und der Partisanen. Nach dem Vormarsch der Roten Armee bildeten sich in den Orten des Banat, dann auch der Batschka zuerst sogenannte Ortsbefreiungsausschüsse, die aber deutsche Beamte in ihren Stellungen beließen und z.B. in Groß-Betschkerek sogar Johann Keks als offiziellen Vertreter der donauschwäbischen Bevölkerung kooptierte. Erst als diese Ortsbefreiungs-ausschüsse durch die Herrschaft der regulären Partisaneneinheiten abgelöst wurden (im Banat etwa um den 10. Oktober; in der Batsch-ka in der zweiten Oktoberhälfte), begannen die Terrormaßnahmen gegen die Deutschen. Fast gleichzeitig und in so gleicher Form setzte in den letzten Oktobertagen 1944 eine Verhaftungswelle unter den Deutschen ein, daß eine zentrale Anordnung vorgelegen haben muß. Erfaßt wurden von den Verhaftungen neben den Verwandten der in der Waffen-SS kämpfenden Donauschwaben vor allem die in führenden Positionen stehenden Deutschen, die Männer zwischen 17 und 60 Jahren, oft mit ihren Frauen sowie die weiblichen Angestellten der Organisationen des Deutschen Volksbundes. Es kam dabei zu Mißhandlungen und zu umfangreichen Massenhinrichtungen deutscher Männer und - in einigen Fällen - auch Frauen. Als Orte solcher Massenhinrichtungen sind besonders Startschowa, Sartscha, Deutsch-Zerne, Hodschag und Filipowa zu nennen.

Schon Anfang November 1944 wurden die Deutschen z.B. aus Werschetz und Groß-Betschkerek in Internierungslagern zusammengeführt. Aus ihnen wurden die Deutschen zur Zwangsarbeit geholt. Anfang Dezember entstand in Jarek das erste Internierungslager für arbeitsunfähige Deutsche. Die Donauschwaben der Batschka und des Banats wurden bis zum April 1945 allgemein in solche Internierungslager getrieben. Die Zentralarbeitslager waren für die arbeitsfähigen Männer, die Ortslager für die gesamte Bevölkerung einzelner Ortschaften und die Internierungslager für Arbeitsunfähige bestimmt. Die Lager in Rudolfsgnad, Jarek, Gakowo, Kruschewlje und Mitrowitz haben durch ihre hohe Zahl von Todesfällen einen traurigen Bekanntheitsgrad erreicht. Insgesamt sind von der deutschen Minderheit in diesen Lagern zwischen 1945 und 1947 rund 200000 Donauschwaben umgekommen. Die Enteignung und Beraubung der Donauschwaben war mit der Einweisung in diese Lager verbunden. Als sich die Weltöffentlichkeit, durch geflohene Donauschwaben alarmiert, zunehmend für die Zustände in den Lagern Jugoslawiens zu interessieren begann, durften 1947 zunehmend größere Gruppen Deutscher ausreisen oder aus den Lagern über die Grenze flüchten. Ab Ende 1947 wurden die Fluchtmöglichkeiten wieder eingeschränkt und die Deutschen zu mehr und mehr vertraglich geregelten Arbeitsverhältnissen gezwungen. Im Januar 1946 hatte die jugoslawische Regierung versucht, über die amerikanische Botschaft die Aussiedlung der verbliebenen deutschen Minderheit nach Deutschland zu erreichen, was aber scheiterte. Erst nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland kam es zu einer mehr oder weniger organisierten Ausreise fast aller Angehöriger der deutschen Minderheit.

Literatur: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf 1956, S.45Eff.; Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Berlin 1957, S.81Eff.; Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Düsseldorf, 1961, S. 97Eff.;A.-M. deZayas, Massenumsiedlungen und das Völkerrecht, in: Abhandlungen zu Flüchtlingsfragen, Bd. 10, hrsg. von Th. Veiter, Wien 1975, S. 55-96; Franz Grube-Gerhard Richter, Flucht und Vertreibung. Deutschland zwischen 1944 und 1947, Hamburg 1980, S. 182t; A.-M. de Zayas, die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, München 61981; A.-M. de Zayas, Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 21987, S. 142 ff.                                       

Immo Eberl

 

12. Vertreibung aus Ungarn: Ein deutscher Bauer packt seinen Wagen

1946; Bácsalmás

Photographie

Peter Glöckner, Backnang

Ein Donauschwabe packt seinen Wagen, nachdem er von der ungarischen Regierung seinen Vertreibungsbescheid erhalten hat. Die Fahrt mit dem Wagen ging dann bis zur nächsten Eisenbahnstation, wo die deutsche Bevölkerung einwaggoniert wurde, um dann in tagelanger Fahrt nach Deutschland in die amerikanische Besatzungszone gebracht zu werden.                                       

Immo Eberl


10.12

 

 

13. Ungarn: Anweisung für die Vertreibung

Februar/März 1946 (datiert: am Tage der Anschlagung)

zweisprachig,   links   ungarisch,   rechts   in deutsch

Photographie

Privatbesitz

Es handelt sich um die amtliche Bekanntmachung der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Ungarn. Sie berief sich auf den Beschluß der Potsdamer Konferenz der Alliierten, nach der die deutsche Bevölkerung Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns nach Deutschland übergesiedelt werden sollte. Die Verfügung wurde nicht als eine Strafmaßnahme gegen die deutsche Bevölkerung bezeichnet, da sie ja in ihr eigentliches Heimatland zurückkehren sollte. Als künftiger Wohnort wurde die amerikanische Zone Deutschlands genannt. Nach der Bekanntmachung durften die Vertriebenen ihre Wertsachen (Juwelen), Bargeld - ausgenommen ausländische Valuta -, die erforderliche Kleidung, Bettwäsche, Handwerkszeug und Haushaltungsgegenstände mitnehmen, ferner pro Person 20 kg Verpflegung, bestehend aus 1 kg Fett, 2 kg Fleisch, 7 kg Mehl, Brot oder Teigwaren, 2 kg Hülsenfrüchte, 8 kg Kartoffeln. Das gesamte Gepäck durfte pro Person 100 kg, die Verpflegung einberechnet, nicht überschreiten. Die Betroffenen wurden angewiesen, Ruhe zu bewahren und den Anwei sungen der zuständigen Behörden nachzu kommen.                                       

Immo Eberl

 

 

10.13

 

14. Jugoslawien: Internierungslager

Ein unterernährtes Kind aus einem Internierungslager Jugoslawiens nach seiner Ankunft in Linz/Österreich

1946

Photographie Jakob Bohn, Stuttgart

 

10.14

 

15. Jugoslawien: Internierungslager Jarek

Dorfstraße

1946

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Das Internierungslager Jarek wurde im Dezember 1944 als erstes Internierungslager für die arbeitsunfähige deutsche Bevölkerung angelegt. Die Not in diesem Lager war überaus groß. Unterernährung, Krankheiten, mangelhafte ärztliche Versorgung ließ den größten Teil der Internierten sterben. Erst als die Weltöffentlichkeit durch einzelne aus den Lagern geflohene Donauschwaben auf diese Situation aufmerksam wurde, änderten sich die Verhältnisse etwas.                    

Immo Eberl

 

10.15

 

16. Karlsdorf/Jugoslawien: Friedhof

1965

Photographie

Jakob Bohrt, Stuttgart

Die zwei Jahrzehnte nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung gemachte Aufnahme von Kirche und Friedhof zeigt den Verfall.

Immo Eberl

 

10.16

 

17.-23. Im Flüchtlingslager

Über die Schwierigkeiten der ersten Jahre in der neuen Heimat der Donauschwaben sprechen die Bilder für sich. Die Erinnerung in diesen Jahren war besonders hart. Das Gedicht Unverlierbare Heimat von Jakob Wolf läßt diese Erinnerung nachempfinden.

Unverlierbare Heimat

 

Wer die Heimat kannte,

die ich Heimat nannte,

der verlor sie nicht;

tief ins Herz geschrieben

ist sie ihm geblieben,

wie ein Seelenlicht.

 

Nichts hab ich besessen,

doch auch nichts vergessen;

alles blieb bestehn.

All der Blumen Düfte,

Vogelsang der Lüfte

können nicht vergehn.

 

Warum soll ich trauern

um zerfallene Mauern,

die mir nie gehört?

Heimat ist im Innern,

mehr als nur Erinnern,

bleibt drum unzerstört.

 

Wer die Heimat kannte,

die ich Heimat nannte,

der verlor sie nie;

tief ins Herz geschrieben

ist sie ihm geblieben -

eine Herzensmelodie.

 

17. Ankunft im Lager

1945

Photographie

Jakob Bohn

 

10.17

 

18. Wohnwagenlager Hedelfingen

1946

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Die katastrophale Wohnungslage im Bereich des bombengeschädigten Stuttgart zwang nach dem Zuzug der Vertriebenen und Flüchtlinge sofort zur Errichtung provisorischer Unterkünfte im Bereich des Stadtrands. Eine solche provisorische Unterkunft bildete das Wohnwagenlager Hedelfingen.    

Immo Eberl

 

10.18

 

19. Lager Unterjettingen (KreisBöblingen): Unterkunftsbaracke

1946

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Die zunehmende Wohnungsnot zwang auch in ländlichen Gebieten zur Errichtung von Baracken- und Notlagern. Die Aufnahme verdeutlicht eindrucksvoll, welche Beschwernisse die Vertriebenen - hier die Donauschwaben - nach 1945 auf sich nehmen mußten.

Immo Eberl

 

10.19

 

20. Alltag in der Lagerbaracke

1946

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Die Aufnahme veranschaulicht die Not in den überfüllten Lagerbaracken. Vor allem die Frauen waren davon betroffen.     

Immo Eberl

 

10.20

 

21. Heimarbeit im Lager

1947

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

 

10.21

 

22. Heimarbeit im Lager

1947

Photographie

Jakob Bohrt, Stuttgart

Die Donauschwaben bauten sich in den Lagern bereits frühzeitig mit großem Einfalls reichtum Werkstätten auf.           

Immo Eberl

 

10.22

 

23. Flüchtlingslager: Schulunterricht

1946

Photographie

Jakob Botin, Stuttgart

Ein besonders wichtiges Anliegen für die Vertriebenen war der Unterricht der Kinder und Jugendlichen. In einer Reihe von Lagern war ein eigener Unterricht eingeführt worden.

Immo Eberl

 

10.23

 

24. Integration und Fortbestand

Tafel

Die Vertriebenen und Flüchtlinge haben nach dem Zweiten Weltkrieg die Not der übrigen deutschen Bevölkerung geteilt, doch waren sie im Unterschied zu dieser - selbst wenn sie im Bombenkrieg alles verloren hatte - auch der Heimat beraubt, der gewohnten Umgebung verloren. Sie kamen mit ihrem noch verbliebenen Handgepäck in Notaufnahmelager und in Massenquartiere. Die Donauschwaben haben heute in Rumänien und Ungarn im Vergleich zu anderen Ländern umfangreiche kulturelle und schulische Rechte.

In Ungarn wurden die Deutschen nach einer rechtlosen Phase von 1945-1950 wieder zu gleichberechtigten Bürgern. Es begann der Aufbau deutscher Kindergärten und Kulturgruppen. Die deutsche Minderheit nahm diese Neuerung zuerst zurückhaltend auf. Da die Mindestzahl deutschsprachiger Schüler bei 15 lag, um eine eigene Klasse einzurichten, kam es ab 1955 in einigen Schulen zum muttersprachlichen Unterricht. Schon 1956 bestanden 19 Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache. In den sich bald ebenfalls herausbildenden deutschen Gymnasien hat jedoch die Zahl der auf Ungarisch gehaltenen Unterrichtsstunden    (naturwissenschaftliche Fächer und polytechnischer Unterricht) immer die    auf    Deutsch    gehaltenen    Stunden (Deutsch, Geschichte und Geographie) übertroffen. In den Jahren ab 1955 entstanden auch die deutschen Verbände, die heute als Einheitsorganisationen kommunistischer Prägung die Deutschen vertreten. Diese Verbände förderten die kulturelle Arbeit außerhalb der Schulen, die sich mit Heimat- und Volkskunde befaßte und deutsche Ortsbüchereien einrichtete. Als Wochenzeitung der Deutschen erscheint Die Neue Zeitung.

Daneben wird noch ein DeutscherKalender veröffentlicht. Die Umwandlung   der   muttersprachlichen   in   gemischtsprachige   Schulen   nach   1960   erschwerte die Pflege der deutschen Kultur. In den >deutschen< Schulen wird Deutsch als Fremdsprache mit zwei bis drei Wochenstunden unterrichtet. Die Nationalitätenpolitik der Budapester Regierung ist relativ großzügig. Sie wird nicht zuletzt durch die geringen Aussiedlerzahlen aus Ungarn bestätigt. Die  heute  in   Rumänien   lebenden  über 350000 Deutschen, unter ihnen etwa die Hälfte Donauschwaben, haben die Möglichkeit, ihre Kultur zu bewahren. Rundfunk und Fernsehen senden regelmäßig in deutscher Sprache. Es besteht ein deutscher Verlag (Krite-rion). Ferner erscheinen eine Tageszeitung (Neuer Weg), zwei Wochenblätter (Die Woche; Karpatenrundschau), zwei Monatsschriften und eine halbjährliche wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache. Es gibt das Temeschburger Deutsche Stadttheater und die deutsche Abteilung des Hermannstädter Staatstheaters. Trotz aller für die Deutschen eingerichteten Kindergärten, Gesamtschulen und sogar Universitätsabteilungen, Literatur-und Kulturzirkel ist das Fernziel der Regierung die Vereinheitlichung aller Nationalitäten in der sozialistischen Einheitsnation. Ein Anzeichen dafür ist die vorgeschriebene Verwendung der heutigen offiziellen Ortsnamen. Selbst in den deutschsprachigen Publikationen muß allgemein der offizielle Name benützt werden, also z.B. Timisoara statt Temeschburg oder Te-meswar bzw. Sibiu statt Hermannstadt. Die großzügige Nationalitätenpolitik wird nicht für eine deutsche Minderheit in Rumänien betrieben, sondern für deutschsprachige Rumänen, wie vor kurzem der Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen feststellte.

Nach der Vertreibung von 1944/1945 und dem mehrjährigen Aufenthalt in Lagern ließen sich die meisten Donauschwaben in der Bundesrepublik Deutschland nieder. Sie haben dabei Süddeutschland und hier vor allem Baden-Württemberg als ursprüngliche Heimat der Vorfahren bevorzugt. Nach der Volkszählung von 1950 ergab sich folgendes Bild:

 

Wohnbevölkerung inBaden-Württemberg 5204184
von dieser stammten aus:  
Jugoslawien 53276
Rumänien 41360
Ungarn 101263

Nach den Zahlen des Bundesausgleichsamtes Bad Homburg v.d. Höhe stammten 1964 von den Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland:

aus Jugoslawien 266000 Personen
aus Rumänien 206000 Personen
aus Ungarn 187000 Personen

Von diesen Vertriebenen hatten ihren Wohnsitz in Baden-Württemberg:

aus Jugoslawien 126000(47,4%)
aus Rumänien 76000(36,9%)
aus Ungarn 115000(61,5%)

Fast die Hälfte der deutschen Vertriebenen Südosteuropas hatten also 1964 ihre neue Heimat in Baden-Württemberg gefunden. Dieser Prozentsatz entsprach in etwa den der im Land angesiedelten Deutschen aus Jugoslawien. Der Anteil der in Baden-Württemberg lebenden Deutschen aus Rumänien lag bei etwa über einem Drittel und bei den Deutschen aus Ungarn bei etwas unter zwei Dritteln. Als Aussiedler und im Zuge der Familienzusammenführung trafen von 1950-1985 in der Bundesrepublik Deutschland ein:

aus Jugoslawien 87571 Personen
aus Rumänien 178911 Personen
aus Ungarn 15048 Personen

Die Zahlen der Aussiedler aus Rumänien waren und sind auf Grund der gemeinsamen Erklärung der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Republik Rumänien vom 7. Januar 1978 so hoch. Die verschiedenen politischen Ziele in Europa entfremdeten die westlichen Alliierten und die UdSSR einander mehr und mehr. Die Auswirkungen dieser Entwicklung waren vor allem in der Deutschlandpolitik spürbar. Der vom Alliierten Kontrollamt vorgelegte restriktive Wirtschaftsplan der Alliierten für die Besatzungszonen (März 1946) sollte nach den Wünschen Großbritanniens und den USA schon bald revidiert werden. Als diese Absicht scheiterte, veröffentlichten Großbritannien und die USA einen eigenen Wirtschaftsplan für ihre Besatzungszonen (August 1946) und schlossen diese bald darauf wirtschaftlich zur Bizone zusammen.

Die aus diesem Anlaß von US-Außenminister Byrnes in Stuttgart (6. September 1946) gehaltene Rede verdeutlichte den politischen Wandel, der das 1947 durch den Marshall-Plan entwickelte Hilfskonzept für Europa zur Folge hatte. Die sogenannte Bizone entwickelte sich nach der gescheiterten Außenministerkonferenz in Moskau (März/April 1947) zur Trizone. Aus dieser entstand dann am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland. Westdeutschland besaß dank des Marshall-Plans zur rechten Zeit die erforderlichen Geldmengen, um die vorhandenen, ausgebildeten Arbeitskräfte beschäftigen zu können, die bislang arbeitslos waren. Noch im Jahre 1950 hat eine Kommission des US-Kongresses offiziell empfohlen, mehr als einer Million Vertriebener in der Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit anzubieten, nach Übersee auszuwandern. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland geringere Beihilfen des Marshall-Plans erhielt als die anderen europäischen Länder (vom 3. April 1948 bis 30. Juni 1952 bekamen z.B. Großbritannien 3176Mill. Dollars, Frankreich 2706 Mill. Dollars und die Bundesrepublik Deutschland 1389 Mill. Dollars), entwickelte sich die Wirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland überaus vorteilhaft, so daß Millionen von Arbeitskräften benötigt und die US-Pläne für die Auswanderung von Vertriebenen überflüssig wurden. Mit der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung begann die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in das Wirtschafts- und Kulturleben der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Länder.

Die beginnende Integration der südostdeutschen Vertriebenen warf wegen ihrer Herkunft aus überwiegend landwirtschaftlich orientierten Gebieten besondere Probleme auf, zumal die Arbeitslosenquote mit 36 % bei den Vertriebenen 1949 mehr als doppelt so hoch war wie bei den Einheimischen. Noch 1952 erscheint dieser Anteil mit 30 % überproportional hoch. Nur ein Bruchteil der Vertriebenen konnte nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland einen eigenen Hof übernehmen. Die wirtschaftliche Not unter den deutschen Vertriebenen - das gilt für die Südostdeutschen ebenso wie für alle Ostdeutschen -, wurde durch die Errichtung von Arbeitsplätzen in der Industrie, die Gründung eigener Firmen und die drei wichtigen Hilfsgesetze: das Soforthilfegesetz (8. August 1949), das Lastenausgleichsgesetz (I.September 1952) und das Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz (19. Mai 1953) gelindert. Eine besondere Bedeutung dabei hatte und hat das Lastenausgleichsgesetz. Bis 1986 hat es allein 30 Novellen erhalten. Das Lastenausgleichsgesetz war bereits kurz nach der Vertreibung von allen Seiten gefordert worden, hatte sich aber aus politischen und wirtschaftlichen Gründen hinausgezögert. Als es 1982 auf drei Jahrzehnte Wirksamkeit zurückblicken konnte, erschien 1983 aus diesem Anlaß folgende Informationsschrift des Innenministeriums Baden-Württemberg:

 

davon allein in den Jahren:

 

1980 1981 1982 1983 1984 1985
aus Jugoslawien 287 234 213 137 190 191
aus Rumänien 15767 12031 12972 15501 16553 14924
aus Ungarn 591 667 589 458 286 485

 

»30 Jahre Lastenausgleich in Baden-Württemberg«

Grundlagen und Motive des Lastenausgleichs

Der zweite Weltkrieg mit seinen enormen Kriegssachschäden und der Massenvertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten ist Geschichte. Der Wiederaufbau ist vollzogen. Rund 15 Millionen Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler wurden in der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert. Das ist eine einmalige Leistung, die in quantitativer wie qualitativer Hinsicht durch nichts zu übertreffen ist. Die Folgen des zweiten Weltkrieges sind heute noch nicht abgeschlossen. In Baden-Württemberg ist nahezu jeder vierte Einwohner Heimatvertriebener oder Flüchtling. Der Lastenausgleich, eines der bedeutendsten Gesetzgebungswerke der Nachkriegszeit, hat mit großem Erfolg erhebliche Anstrengungen zum Ausgleich der materiellen Kriegsschäden und zur Eingliederung der Millionenzahl entwurzelter Heimatvertriebener und Flüchtlinge unternommen. Bis 1982 wurden auf Bundesebene rund 115 Milliarden DM an Ausgleichsleistungen erbracht. Das Land Baden-Württemberg ist daran mit 13,9 Milliarden DM beteiligt. Für die Geschichte des Lastenausgleichs ist das Jahr 1982 deswegen bemerkenswert, weil in diesem Jahr die Kerngesetze zum Lastenausgleich 30 Jahre in Kraft sind. Das gibt Anlaß, die Entwicklung des Lastenausgleichs, die Gesetzesänderungen durch 29 Novellen und durch spätere Gesetze wie das Beweissi-cherungs- und das Feststellungsgesetz, das Flüchtlingshilfegesetz und das Reparationsschädengesetz zu würdigen. Insbesondere wird in dieser Broschüre der Beitrag des Landes Baden-Württemberg in den vergangenen 30 Jahren dargelegt.

Zur Erfüllung der Aufgaben wurde ein Sondervermögen (Ausgleichsfonds) gebildet. Als Einnahmen wurden eingeführt

Außerdem wurden 25 Prozent der Vermögenssteuer bis 1979 dem Fonds zugeführt. Erhebliche Beiträge leisten bis heute die öf-fentlichen Haushalte der Länder und des Bundes. Das Land Baden-Württemberg leistet zur Zeit einen Zuschuß zur Unterhaltshilfe von rund 70 Millionen DM jährlich.

 

 

Als Ausgleichsleistungen werden gewährt

Leistungen nach dem Reparationsschädengesetz und dem Flüchtlingshilfegesetz werden ausschließlich aus Haushaltsmitteln des Bundes und der Länder finanziert. Im Jahr 1982 sind insgesamt noch immer fast 300 Millionen DM aus dem Ausgleichsfonds und aus Bundesmitteln in das Land Baden-Württemberg geflossen.

 

Schadensfeststellung

Erster Schritt im Lastenausgleichsverfahren ist grundsätzlich die Schadensfeststellung. Sie setzt Antragstellung voraus. Im Rahmen eines gesonderten, förmlichen Verfahrens werden die einer natürlichen Person entstandenen

nach ihrer Art und Höhe ermittelt, nach steuerlichen Einheitswerten bewertet und festgestellt. Nicht jeder Verlust ist jedoch feststellbar. Feststellungsfähig sind grundsätzlich nur Vermögensschäden, wie z.B. an land- und forstwirtschaftlichem Vermögen, Grundvermögen, Betriebsvermögen, privatrechtlich geldwerten Ansprüchen, Anteilen an Kapitalgesellschaften, Gegenständen der Berufsausübung, Verlust der beruflichen und sonstigen Existenzgrundlage sowie an Hausrat. Feststellungsfähig ist ein Schaden jedoch nur dann, wenn er im Zusammenhang mit den Ereignissen oder Folgen des zweiten Weltkrieges eingetreten ist. Heutige Zuwanderer aus der DDR müssen als Sowjetzonenflüchtling anerkannt oder im Wege der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland zugezogen sein.

Schwerpunkte der heutigen Arbeit in der Schadensfeststellung sind die Anträge der Spätberechtigten, das sind jährlich in Baden-Württemberg

5000 Neuanträge von Spätaussiedlern aus den östlichen Vertreibungsgebieten 1000 Neuanträge von DDR-Zuwanderern.

Die Lastenausgleichsverwaltung rechnet mittelfristig nicht mit einer wesentlichen Änderung der Zahl der jährlichen Neuanträge. Der beträchtliche Arbeitsumfang im Arbeitsgebiet Schadensfeststellung wird an der Zahl der eingereichten Feststellungsanträge deutlich. Zum 31. Dezember 1982 betrug die Zahl der eingereichten Feststellungsanträge 8 183 000 auf Bundesebene, 1 095000 im Lande Baden-Württemberg. Jährlich werden derzeit ca. 9000 Festsstellungsanträge abschließend entschieden.

Die Ausgleichsämter werden bei der Schadensfeststellung von den Heimatauskunftsstellen und Gemeindearbeitskreisen tatkräftig und sachkundig unterstützt. Insgesamt 34 Heimatauskunftstellen für die Vertreibungsgebiete und sieben Auskunftstellen für das Gebiet der heutigen DDR stehen den Ausgleichsämtern bundesweit beratend zur Seite. Sie sind jeweils für ein bestimmtes Vertreibungsgebiet zuständig. Im Lande Baden-Württemberg sind fünf Heimatauskunftstellen eingerichtet; sie sind für folgende Gebiete zuständig: Regierungsbezirk Troppau, Ungarn, Slowakei einschl. Karpatho-Ukraine, Jugoslawien sowie Sowjetunion, Bulgarien, Bessarabien und Do-brudscha.

Diese fünf Heimatauskunftsstellen haben mit Stand zum 31. Dezember 1982 insgesamt ca. 463700 Gutachten im Bereich der Schäden des Grund-, land- und forstwirtschaftlichen Vermögens sowie 226500 weitere Gutachten  für Lastenausgleichsbehörden, Finanzämter, Verbände etc. erstellt.

 

Hauptentschädigung

Zum Kernstück des Lastenausgleichs hat sich die Entschädigung der Vermögensschäden entwickelt. Zur Berechnung der Hauptentschädigung werden sämtliche Schäden eines unmittelbar Geschädigten bis auf die Sparanlagen, die mit einem gesonderten Sparerzuschlag abgegolten werden, zu einem Schadensbetrag zusammengefaßt.

 

Grundbetrag

Der Schadensbetrag wird in eine Schadensgruppe eingereiht. Jede Schadensgruppe führt zu einem Ausgangsgrundbetrag. Wegen des zu berücksichtigenden Vermögens am Währungsstichtag (21.6.1948) oder anderer Kürzungsvorschriften kann es zu einer Minderung des Ausgangsgrundbetrages kommen. Ein Schadensbetrag bis 4800 Reichsmark wird mit dem gleichen Betrag in Deutscher Mark, ein darübergehender degressiv entschädigt. Zum Grundbetrag tritt bei Heimatvertriebenen und Sowjetzonenflüchtlingen ein Entwurzelungszuschlag von 10 v.H.

 

Erfüllungsbetrag

Der Grundbetrag der Hauptentschädigung wird bei Schäden, die vor dem 1.1.1953 entstanden sind (Frühschäden), ab diesem Zeitpunkt: bei Schäden nach diesem Zeitpunkt in der Regel mit der Aufenthaltnahme im Bundesgebiet mit 1 v.H. pro Vierteljahr verzinst.

Dies ergibt für Frühschäden bis 31.12.1982 einen Zinszuschlag von 120 v.H. des Grundbetrages.

Seit Inkrafttreten des Lastenausgleichsgesetzes bis zum 31.12.1982 wurden in Baden-Württemberg 745592 Einzelansprüche mit 3461,6 Mill. DM an Grundbeträgen zuerkannt. Dies ergibt einen durchschnittlichen Grundbetrag von etwa 4640 DM. 710879 Ansprüche wurden mit 4865 Mill. DM voll erfüllt.

Die 34713 noch offenen Fälle sind zum Teil durch die Gewährung von Kriegsschadenrente gebunden, teilweise muß auf die Hauptentschädigung ein Darlehen angerechnet werden (Darlehensumwandlung) oder die Entschädigung ist nicht erfüllungsfähig, weil Erben nicht bekannt sind oder andere Gründe entgegenstehen. Das Schaubild zeigt die jährliche Entwicklung der Hauptentschädigung seit Beginn des Lastenausgleichs.

 

Davon entfielen auf:

Schäden Ansprüche Grundbeträge(in Mio. DM) Erfüllungsbetrage(in Mio. DM)
Vertreibungs- 516242 2424,5 3567,6
Kriegssach- 128320 424,5 600,0
Ost- 6764 15,4 23,3
Zonen- 49987 363,8 610,1
Reparations- 9566 36,3 64,5

 

 

Die Barerfüllung erfolgt über die zentrale Datenverarbeitung bei der Lastenausgleichsbank. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Barauszahlung im Jahre 1964 mit 180 Millionen DM. Nach einer vorübergehenden Mittelverknappung erfolgte in den siebziger Jahren ein weiterer Höhepunkt durch die Nachverzinsung der Zonenschäden. Die im Schaubild ersichtliche steigende Tendenz der Erfüllungen beruht vorwiegend auf An- und Verrechnungen (unbare Erfüllungen) von Kriegsschadenrente und Darlehen.

 

Härteleistungen nach § 301 b Lastenausgleichsgesetz

Seit 1972 werden an Personen, die in der Regel in den regulären Verfahren keine Berücksichtigung finden, Härteleistungen besonderer Art gewährt. Der Sinn der Härteregelung liegt darin, die Vielfalt der Schicksale, der Lebensverhältnisse und die Gründe für einen sozialen Abstieg einfach und unkompliziert nach Härtemaßstäben beurteilt zum Tragen kommen zu lassen. Keineswegs werden damit die Lastenausgleichsgesetze korrigiert. Die Tatsache der Nichtberücksichtigung ist kein Grund für eine Härteleistung. Lediglich wenn eine soziale Notlage im Einzelfall vorliegt, kann unter Würdigung der Gesamtumstände und unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Betroffenen eine Härteleistung gerechtfertigt sein. Von den einzelnen Arten der Härteleistungen sind bis Ende 1982 folgende Leistungen bewilligt worden:

241 laufende Beihilfen          2648444 DM

24 Hausratsbeihilfen             31150 DM

47 Darlehen zum

Existenzaufbau                    669618 DM

91 einmalige Kapitalbeihilfen  288100 DM

 

 

Kriegsschadenrente

Die Kriegsschadenrente und die ihr vergleichbaren laufenden Beihilfen bilden die Altersversorgung zahlreicher Geschädigter, deren Existenzgrundlage durch die Folgen des zweiten Weltkrieges vernichtet wurde und die keine oder nur unzureichende sonstige Rentenansprüche erwerben konnten.

Die Kriegsschadenrente wird als Unterhaltshilfe (Beihilfe zum Lebensunterhalt) und/oder als Entschädigungsrente (besondere laufende Beihilfe) gewährt.

Die Unterhaltshilfe hat primär die soziale Aufgabe, den notwendigen Lebensbedarf zu sichern und soll die Berechtigten von der Sozialhilfe unabhängig machen. Zu der Unterhaltshilfe werden Sozialzuschläge, Selbständigen-zuschläge, Pflegezulagen und ggf. Krankenversorgung sowie Sterbegeld gewährt. Die Sätze der Unterhaltshilfe werden im Rahmen der allgemeinen Rentenerhöhung angepaßt und nehmen somit an der wirtschaftlichen Entwicklung teil.

Für ein Ehepaar ohne sonstige Einkünfte betrug die Unterhaltshilfe mit Sozialzuschlag zum 31.12.1982 1107 DM; 1952 nur 122,50 DM. Der Anteil der Berechtigten ohne zu berücksichtigende Einkünfte, der zu Beginn des Lastenausgleichs das Gros bildete, verminderte sich laufend. Gleichermaßen erhöht sich der Anteil der Berechtigten mit zu berücksichtigenden Einkünften. Er liegt derzeit bei 80 v.H. Von den Berechtigten sind 70 v.H. ehemals Selbständige, mehr als 84 v.H. über 70 Jahre, 37 v.H. über 80 Jahre, 12 Berechtigte über 100 Jahre alt.

Anders als die Unterhaltshilfe ist die Entschädigungsrente eine schadensabhängige Kapitalrente, bei der die Entschädigung für die erlittenen Vermögensschäden verrentet wird. Sie wird entweder allein oder neben Unterhaltshilfe gewährt. Sie nimmt an der wirtschaftlichen Entwicklung nicht teil. Daher ist sie in ihrer Höhe seit langer Zeit unverändert.

Die Entwicklung der Kriegsschadenrente zeigt das obige Schaubild. Der höchste Stand der Empfänger lag Anfang der fünfziger Jahre bei über 111000 Berechtigten; heute erhalten noch rd. 34000 Berechtigte laufende Leistungen. Der Gesamtauszahlungsbetrag lag im Jahr 1982 bei 233 Millionen Deutsche Mark.

 

Hausratentschädigung

Die Hausratentschädigung richtet sich nicht nach  dem  Wert  des  verlorengegangenen Hausrats. Sie ist im Grunde eine Beihilfe zur Beschaffung von Hausrat. Soweit bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllt sind, erfolgt die Einstufung aufgrund einer sehr vereinfachten pauschalierten Methode nach der Höhe des Einkommens, des verlorenen Vermögens und der Größe der Familie. Der Sockelbetrag liegt bei 1200 DM, 1600 DM oder 1800 DM. Dazu kommen Familienzuschläge zwischen 150 und 200 DM. Der Großteil der Anträge der Vertriebenen   und   Kriegssachgeschädigten wurde bis Anfang der sechziger Jahre abschließend entschieden. In den Folgejahren wurden Leistungen vorwiegend an Aussiedler und Zuwanderer aus der DDR gewährt. Bis Ende 1982 wurden 865400 Anträge positiv entschieden und 972 Millionen DM ausgezahlt; in den letzten Jahren waren es jährlich noch 4500 Anträge mit 6 Millionen DM.

 

Darlehen zur Eingliederung

Eingliederungsdarlehen stellen vor allem einen Ersatz für das bei den Geschädigten noch fehlende Eigenkapital dar. Unter den zahlreichen Arten von Eingliederungsdarlehen, die von der Ausgleichsverwaltung gewährt wurden, standen Aufbaudarlehen nach dem Lastenausgleichsgesetz einschließlich der Nebengesetze eindeutig im Vordergrund. Von diesen Aufbaudarlehen, die Aussiedler und Zuwanderer in den ersten zehn Jahren ihres Hierseins auch heute noch erhalten können, gibt es nach der Zweckbestimmung drei Hauptformen.

Auch wenn man die Preis- und Kostenentwicklung der letzten drei Jahrzehnte - vor allem im Baubereich - berücksichtigt, durch die ein Vergleich mit den Verhältnissen von heute sehr erschwert wird, lassen die - nur für die wichtigen Teilbereiche - genannten Gesamtzahlen doch erahnen, welche wirtschaftlichen und sozialen Effekte diese Darlehen hervorgerufen oder zusammen mit Leistungen anderer Art wenigstens mitbewirkt haben. Im übrigen liegt die Gesamtförderung mit Aufbaudarlehen in Baden-Württemberg seit Jahren erheblich über dem Bundesdurchschnitt; dies gilt vor allem für Eigentumsmaßnahmen, die mit Aufbaudarlehen für den Wohnungsbau gefördert wurden: So sind in den Jahren 1979 bis 1982 etwa 40 v.H. der im Bundesgebiet geförderten Eigentumsmaßnahmen auf Baden-Württemberg entfallen.

 

Künftige Entwicklung

38 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges kann der Lastenausgleich bis auf die Spätberechtigten im wesentlichen als abgeschlossen gelten. Für einzelne Bereiche wie z.B.   Arbeitsplatzdarlehen,   Flüchtlingssiedlungsprogramme, Wohnraumhilfe werden seit Jahren keine Mittel mehr bereitgestellt. Die Ausbildungshilfe, ein wichtiger Teilbereich der Frühphase, ist durch das Bundesausbildungs-förderungsgesetz bedeutungslos geworden. Die Aufbaudarlehen haben nicht mehr das Gewicht von einst, wenn sie auch wegen ihrer günstigen  Zins-  und Tilgungsbedingungen begehrt sind. In den übrigen Teilgebieten ist die  Zukunftsprognose  unterschiedlich.   Die Kriegsschadenrente, besonders die Unterhaltshilfe wird weit über das Jahr 2000 hinausbestehen. Für die schadensabhängigen Leistungen ist eine Neuregelung in der Diskussion. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat eine Bund-Länder-Kommission gefordert, die Vorschläge für eine wesentliche Vereinfachung  des  Lastenausgleichsrechts auf  der  Grundlage  der  bisher tragenden Grundsätze erarbeiten soll.

Die Ausgleichsverwaltung ist eine Verwaltung auf Zeit. Die Ausgleichsämter in Baden-Württemberg sind Kommunalbehörden.  Da die schwierige Rechtsmaterie qualifiziertes und leistungsfähiges Personal voraussetzt, ist das Land im Benehmen mit den Stadt- und Landkreisen bemüht, die Verwaltung den jeweils gegenwärtigen und künftigen Bedürfnissen in organisatorischer und personeller Sicht anzupassen und die Voraussetzungen zu schaffen, die dem Personal Zukunftsperspektiven gibt. Die Veränderungen in der Verwaltung werden dadurch sichtbar, daß nach einem Höchststand von rd. 2800 Beschäftigten im Jahre 1962 heute noch 752 Personen in Lastenausgleich tätig sind. Von den ursprünglich vorhandenen 72 Ämtern bestehen bei 44 Stadt- und Landkreisen heute noch 38 Ämter. Leistungsfähige Ausgleichsämter wird es noch bis Ende des Jahrzehnts geben. Die Unterlagen der Ausgleichsbehörden enthalten wertvolles Material über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in den Ostgebieten des Deutschen Reiches und in den ost- und südosteuropäischen  Siedlungsgebieten  der Deutschen bis zur Vertreibung. Sie vermögen in großem Umfang Akten deutscher Behörden in den Ostgebieten bis 1945 wie Familienbücher, Register, Grundbücher, Kataster und dergleichen zu ersetzen. Diesen Unterlagen kommt für Zwecke der Dokumentation wie der wissenschaftlichen Forschung erhebliche Bedeutung zu. Bund und Länder planen deshalb die zentrale und vollständige Archivierung solcher Unterlagen, insbesondere der Feststellungsakten Vertriebener mit Vermögensschäden. Der Lastenausgleich trägt damit dazu bei, das Wissen über die Kriegs- und Vertreibungsschicksale künftigen Generationen zu erhalten. (Ende der Informationsschrift)

Obwohl den einzelnen Geschädigten in der Regel keine großen Summen ausgezahlt wurden, haben die insgesamt doch sehr umfangreichen Geldmittel das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Die von Jugend auf an eigenen Haus- und Grundbesitz gewöhnten Donäuschwaben haben nach ihrer Vertreibung und Neuansiedlung begonnen, sobald sie einen festen Arbeitsplatz erhalten hatten, Grund und Boden zu erwerben und Häuser zu bauen. In Orten mit hohen Anteilen donauschwäbischer Einwohner entstanden daher schon bald neue Siedlungen. In Stuttgart-Rotweg entstand z.B. ab 1949 eine Siedlung für 17000 Einwohner. Von diesen stammten zwar 45 % aus Baden-Württemberg und nur 12% aus Jugoslawien und 4 % aus Ungarn und Rumänien. Die Donauschwaben haben sich dort zu der Siedlungsgenossenschaft >Neues Heim« zusammengeschlossen und sich praktisch am Bau der Siedlung beteiligt. Sie haben sich dabei aber keineswegs den Kontakten zu den anderen Bewohnern der Siedlung verschlossen. So benannten sie den Fußballclub > 1. FC. Batsch-ka 1945< in der Rotwegsiedlung zum »Sportverein Rot 1945< um. Dennoch haben noch 1958 von den mehr als 400 Mitgliedern des Vereins rund 80% zu den Donauschwaben aus Jugoslawien gehört, während 15 % andere Vertriebene waren und 5 % aus Baden-Württemberg stammten. Der Rotwegsiedlung vergleichbare Siedlungen entstanden z. B. in Stuttgart-Giebel,   in   Neckarsulm-Amorbach, bei Schwäbisch Gmünd, bei Wangen/Allgäu und in der Mahdachsiedlung in Reutlingen-Ohmenhausen. In allen diesen Siedlungen waren Donauschwaben in größerer Zahl ansässig, doch waren sie in keiner Siedlung die alleinigen Bewohner, sondern sie waren immer mit anderen Vertriebenen und jeweils örtlicher Bevölkerung zusammen angesiedelt. Trotz ihrer gemischten Einwohnerschaft waren die neuen Siedlungen in den jeweils benachbarten alten Städten nicht sehr angesehen. Erst im Laufe der Jahre begann hier ein langsamer Umschwung in der öffentlichen Meinung. Die neuen Siedlungen sind in die alten Städte hineingewachsen und haben ihren fremden Charakter weitgehend verloren. Die Donauschwaben haben bald mit dem Aufbau von Museen und Heimatstuben begonnen, um das donauschwäbische Kulturgut zu bewahren. In diesem Bereich waren die vom Land Baden-Württemberg und einer Reihe von Kommunen übernommenen Patenschaften sehr hilfreich.

Die Landsmannschaften haben sich unmittelbar nach dem Krieg unter dem Eindruck der Flucht und Vertreibung als Hilfs- und Interessengemeinschaften gebildet. Die ersten Ansätze landsmannschaftlicher Tätigkeit begannen im Rahmen des Roten Kreuzes und der beiden Kirchen. Die anfängliche Zielrichtung der dabei verfolgten Arbeit ist auf diese Weise umrissen. Die Notlage machten organisatorische   Zusammenschlüsse   erforderlich.   Im Rahmen des Bayerischen Roten Kreuzes entstand 1945 unter der Leitung eines eigenen Südostreferenten das Referat -Südost«. Beim Evangelischen Hilfswerk in München bildete sich ebenfalls 1945 eine Hilfs- und Beratungsstelle für Rumäniendeutsche aus, die sich besonders mit der Aufarbeitung von Informationen aus Rumänien und deren Weitergabe beschäftigte. Diese Hilfs- und Beratungsstelle entwickelte sich 1947 zum Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben und Umsiedler aus der Bukowina innerhalb des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland. Diese immer noch sehr lockere Organisation wurde ab Januar 1949 zum Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, Hauptstelle Stuttgart. Die  Fuldaer  Bischofskonferenz  hatte  sich bereits 1945 gegen die Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten und Südosten ausgesprochen. Sie errichtete im Sommer 1945 in Frankfurt/Main eine Kirchliche Hilfsstelle unter der Leitung des letzten Vorsitzenden des Reichsverbandes für das katholische Auslanddeutschtum, Prälat Albert Büttner. Schon im Oktober 1945 entstanden von der Zentralstelle in Frankfurt/Main aus Filialen in Stuttgart und München. Die Auflösung der Kirchlichen Hilfsstelle 1950 führte zur Gründung der Interessengemeinschaft Südostdeutscher Katholiken, die 1952 zum Arbeitskreis Südostdeutscher Katholiken e. V. wurde, die sich den Namen Gerhardswerk gab. Aus der Arbeitsstelle der Banater Schwaben in der Kirchlichen Hilfsstelle ist auch der Ausschuß der Banater Schwaben aus Rumänien oder kurz der Banater Ausschußals Vorläufer der Landsmannschaft hervorgegangen.  Der Banater Ausschuß stellte bei seiner Gründung (14.9.1947) ein Aktionsprogramm auf, daß die Absichten deutlich widerspiegelte:

  1. Alle Banater Schwaben in Westdeutschland sollten karteimäßig erfaßt und ihre Interessen wahrgenommen werden
  2. Beratung und Hilfe bei zweckmäßiger, menschenwürdiger Unterbringung, beruflicher Eingliederung nach Vorbildung und Befähigung sowie Entnazifizierung
  3. Kulturelle und religiöse Betreuung
  4. Aufnahme von Verbindungen zu Landsleuten in Übersee zum Zweck materieller Hilfe und etwa möglicher Auswanderung
  5. Fühlungnahme mit gleichartigen Organisationen aus dem Südosten
  6. Klärung der vermögensrechtlichen Fragen in der alten Heimat
  7. Klärung der Situation der Kriegsgefangenen und Arbeitsdienstverpflichteten
  8. Herausgabe eines Informationsblattes Erst im Mai 1950 gründete der Banater Ausschuß  die  Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien in Deutschland die ihren Sitz in München nahm, aber alle Banater Schwaben in der Bundesrepublik Deutschland erfaßte.

Der Gründung der Landsmannschaft der Banater Schwaben waren die Gründungen der Landsmannschaften der Deutschen aus Ungarn und Jugoslawien zeitlich vorausgegangen. Auch die Landsmannschaft der Sathma-rer Schwaben war schon im September 1947 in Kempten entstanden. Sie arbeitete in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eng mit der Landsmannschaft der Banater Schwaben zusammen, da beide Landsmannschaften durch die gemeinsame Herkunft ihrer Mitglieder aus Rumänien verbunden waren. Die sehr unterschiedlichen Interessen der in allen Fällen aus tatkräftigem Handeln für die Donauschwaben entstandenen Landsmannschaften waren für das Erarbeiten gemeinsamer Ziele und Aufgaben hinderlich. Doch wurde erreicht, daß sich eine Arbeitsgemeinschaft Donauschwäbischer Landsmannschaften bildete, die als gemeinsame Vertretung der Donauschwaben nach außen, bei den politischen Instanzen, bei den Parteien, in den schwierigen Fragen der Entschädigungen und bei der Vorbereitung des gemeinsam durchzuführenden Tages der Donauschwaben auftrat. Der Vorsitzende dieser Arbeitsgemeinschaft sollte alle zwei Jahre aus einer Gruppe der drei Herkunftsländer Jugoslawien, Rumänien und Ungarn gewählt werden. Zum ersten Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft wurde der Vorsitzende der Banater Schwaben, Anton Valentin, gewählt. Die Arbeit innerhalb der Arbeitsgemeinschaft wurde durch verschiede-

ne Spannungen erschwert, die man durch einen festeren Dachverband beizulegen hoffte. Deshalb wurde aus der Arbeitsgemeinschaft der Bund Donauschwäbischer Landsmannschaften. Nach mehr als einem Jahrzehnt eigenständigem Leben der Landsmannschaften sollte sich aber bald erweisen, daß dieser Bund auch nicht mehr als eine lose Arbeitsgemeinschaft der einzelnen Landsmannschaften bilden sollte, daran hat sich in der späteren Zeit wenig geändert. Trotz der allen Donauschwaben bewußten gemeinsamen Herkunft beweist die Aufspaltung auf die drei Landsmannschaften nach den 1919/1920 entstandenen Grenzen in Südosteuropa auch, daß zwischen 1920 und 1945 Entwicklungen eingetreten sind, die jeder Landsmannschaft einen - bei aller Gemeinsamkeit - dennoch eigenen Weg gewiesen haben. Die Donauschwaben sind mit ihren Landsmannschaften auch im Bund der Vertriebenen/Vereinigte Ostdeutsche Landsmannschaften vertreten. Diese Dachorganisation aller Vertriebenen und Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland hat am 5. August 1950 als erstes politisches Bekenntnis der Ost- und Südostdeutschen in Stuttgart die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet, die allgemeine Zustimmung in der Öffentlichkeit gefunden hat.

Die Heimatvertriebenen verzichteten auf Rache und Vergeltung im Gedenken an das über sie im Laufe der vergangenen Jahre gekommene Leid. Sie sagten ihre Unterstützung für die Bemühungen um ein geeintes Europa zu, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben könnten. Sie versprachen auch durch harte und unermüdliche Arbeit am Wiederaufbau Deutschlands und Europas teilzunehmen. Im Anschluß an diese Versprechungen forderten sie ihr Recht auf Heimat, das gleiche Recht als Staatsbürger in der Bundesrepublik Deutschland, die Verteilung der Lasten des Krieges auf das ganze deutsche Volk und die Beteiligung der Heimatvertriebenen am Leben des deutschen Volkes und am Wiederaufbau Europas. Mit Ausnahme des Rechtes auf die alte Heimat sind die in dieser Charta erhobenen Forderungen und Versprechungen ausgeführt worden. Sie hat insbesondere durch die in ihr genannten Verpflichtungen der Heimatvertriebenen im In- und Ausland große Aufmerksamkeit erzeugt und die Problematik der deutschen Vertriebenen weit über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinaus bekanntwerden lassen.

Die Charta der Heimatvertriebenen wurde für die Donauschwaben durch Franz Hamm, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Evangelischen Kirche in Südungarn, unterzeichnet. Die Donauschwaben haben in den folgenden Jahrzehnten an der Arbeit des Bundes der Vertriebenen lebhaften Anteil genommen. Insbesondere die Landsmannschaft der Banater Schwaben hat durch die Aussiedlerproblematik innerhalb des Bundes an Gewicht gewonnen. Die Gemeinsamkeiten werden in der Öffentlichkeit immer wieder durch die Wahrnehmung von Ämtern des Bundes der Vertriebenen durch Vertreter der Landsmannschaften der Donauschwaben verdeutlicht. Die Arbeit der donauschwäbischen Landsmannschaften wurde schon bald vom Land Baden-Württemberg unterstützt. Das Land übernahm unter Ministerpräsident Dr. Geb-hard Müller am 11. September 1954 die Patenschaft über die Donauschwaben, wobei die Herkunft der Donauschwaben aus Südwestdeutschland eine bedeutende Rolle spielte. Diese Patenschaft hat die Übernahmen weiterer Patenschaften über die Deutschen aus Südosteuropa und ihre Institutionen durch Kommunen des Landes angeregt.

Die Patenschaft über die Donauschwaben hat sich erst nach Verlauf einiger Jahre segensreich auf die Arbeit der Landsmannschaften ausgewirkt. Erst im Jahre 1965 wurde der Patenschaftsrat gebildet, der von den Landsmannschaften nach den drei Herkunftsländern paritätisch mit 15:15:15 Mitgliedern besetzt wird. Besonders wichtige Meilensteine in den gemeinsamen kulturellen Bemühungen der donauschwäbischen Landsmannschaften waren in den folgenden Jahren die alljährliche Verleihung des Donauschwäbischen Kulturpreises in Höhe von DM 5000 und der beiden gleichzeitig verliehenen Förderpreise oder Ehrengaben von je DM 2500 sowie der Bau des Hauses der Donauschwaben in Sindelfingen. Für den Bag des Hauses der Donauschwaben waren anfänglich verschiedene Standorte ins Auge gefaßt worden (Stuttgart, Reutlingen, Ulm), die sich aber nicht realisieren ließen. Deshalb stand zuletzt nur noch die Wahl zwischen den Städten Kirchheim/Teck und Sindelfingen offen, wobei sich die Donauschwaben dann für Sindelfingen entschieden, das sich insbesondere durch seinen Oberbürgermeister Arthur Gruber bereits um die Landsmannschaften der Donauschwaben verdient gemacht hatte. Die Grundsteinlegung für das Haus   der   Donauschwaben   erfolgte   am 26. April 1969 und das Richtfest bereits am 27. November desselben Jahres. Sepp Komanschek übernahm endlich das fertige Haus als Vorsitzender des Bundes Donauschwäbischer Landsmannschaften am 7. November 1970 in die Obhut der donauschwäbischen Familie. Nach den Beratungen der Landsmannschaften sollte das Haus der Donauschwaben als Zentrum der Donauschwaben folgende Aufgaben erhalten:

  1. sollte es eine Dokumentationsstätte der Leistungen der Donauschwaben werden,
  2. sollte es zur Begegnungsstätte zwischen den Donauschwaben in aller Welt, der einheimischen Bevölkerung und den Nachbarvölkern werden und
  3. sollte es zum Heim und zur Arbeitsstätte für alle donauschwäbischen Gruppen und Institutionen werden.

Obwohl das Haus der Donauschwaben weitgehend zum Zentrum der kulturellen Arbeit der Donauschwaben geworden ist, sind dennoch nicht alle Landsmannschaften mit ihren Geschäftsstellen in das Haus eingezogen. Die dargestellten Entwicklungen in der Bun-desrepbulik Deutschland waren selbst in den ersten Jahren wesentlich günstiger für eine Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge als dieses in dem wirtschaftlich schwächeren und deshalb ärmeren Österreich der Fall war. Wie in der Bundesrepublik Deutschland wurde auch in Österreich eine Auswanderung der Donauschwaben propagiert. Während die rasche wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland die Auswanderungspläne verhinderte, kam es in Österreich noch zu einer Ausführung derselben. Ein erster Versuch durch Kardinal Innitzer, Donauschwaben in Argentinien anzusiedeln, mißlang. Erzbischof Rohracher von Salzburg wagte einen zweiten Versuch mit dem Projekt Goias.

Im Zuge der Europahilfe sollte die Schweizer Caritas die Kosten für die Überfahrt der Donauschwaben und der ersten Ansiedlung übernehmen. Michael Mohr wurde zusammen mit P. Josef Stefan zu ersten Besichtigungen und Verhandlungen nach Brasilien entsandt. Als nach ihrem Urteil eine AnSiedlung möglich schien, gelang es, 500 Familien zur Auswanderung zu bewegen. Unter der Leitung von Michael Moor begann 1951 die Ansiedlung in Südbrasilien im Staate Paranä in der fünf Dörfer umfassenden Kolonie Entre Rios. Trotz der Schwierigkeiten durch Mißernten und Unkenntnis in den richtigen Anbaumethoden begann die Siedlung nach und nach zu wachsen. Diese erzeugte bereits 1971 10 % der brasilianischen Weizenernte. Neben der Landwirtschaft entstanden - wie ehemals im Siedlungsgebiet der Donauschwaben - auch Fabriken im Bereich der Siedlung, die auf landwirtschaftliche Produkte angewiesen waren, so z. B. eine Malzfabrik, die als die größte südlich des Äquators angesehen wird. Seit 1969 bestehen zwischen der Kolonie Entre Rios und den Donauschwaben in Österreich und Baden-Württemberg enge Verbindungen, die sich insbesondere auf dem Sektor der Kulturarbeit und des Schulwesens für die deutschsprachige Kolonie als günstig erwiesen haben. Die fünf Dörfer in Entre Rios spie- . geln zumindest in ihrer Anlage als Straßendörfer das Bild des alten donauschwäbischen Siedlungsgebiets wieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg war aber die Auswanderung keineswegs nur auf dieses eine Projekt beschränkt. Schon 1948 wanderte eine größere Anzahl von Donauschwaben nach Frankreich aus und fand eine neue Heimat in der Gegend von Avignon in Südfrankreich. Besonders bekannt geworden ist das Dorf La Roque sur Pernes als Wohnort donauschwäbischer Siedler. Der deutsche Charakter dieser Ansiedlung ging durch die zahlreichen Eheschließungen mit der umwohnenden Bevölkerung bald verloren. Auch bei den übrigen Auswanderern nach USA, Kanada usw. ist der deutsche Charakter der Ansiedlungen schon bald zurückgegangen. Eine Ursache dafür sind die Anspassung der jeweils jüngeren Generation an die neue Umgebung und die Mischehen.

Literatur und Quellen: Hauptstaatsarchiv Stuttgart Bestände EA 1/6, 12/1 und 12/2; Die Vertriebenen in Westdeutschland. Ihre Eingliederung und ihr Einfluß auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Geistesleben, hrsg. von E. Lemberg, und F. Edding, Bd. 1-3, Kiel 1959; H. Bausinger-M. Braun-H. Schwedt, Neue Siedlungen. Volkskundlich-soziologische Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts Tübingen, Stuttgart 1959; Donauschwaben in Paranä, Curitiba 1971; 10 Jahre Patenschaft 1969-1979, hrsg. von der Stadtverwaltung Gerungen und der Ungarndeutschen Landsmannschaft, Gerlingen 1979; Festschrift 30 Jahre Landsmannschaft der Banaler Schwaben aus Rumänien in Deutschland e. V. 1949/ 1950-1979/1980, München 1980; F. Grube-G. Richter, Flucht und Vertreibung. Deutschland zwischen 1944 und 1947, Hamburg 1980; Wege und Wandlungen. Die Deutschen in der Welt heute/2, hrsg. von P. E. Nasarski, Berlin-Bonn 1983; 30 Jahre Lastenausgleich in Baden-Württemberg, hrsg. vom Innenministerium Baden-Württemberg, Stuttgart 1983; Integration und Neubeginn. Dokumentation, hrsg. von F. Prinz, Bd. 1-2, München 1984; Festschrift zur 35-Jahr-Feier des Kreisverbandes Reutlingen der Landsmannschaft der Donauschwaben in Baden-Württemberg e. V., Reutlingen 1984; Deutschland nach dem Kriege, Bonn 1985; Die Eingliederung der Vertriebenen im Landkreis Ludwigsburg. Ein Rückblick auf die vier Jahrzehnte seit 1945, hrsg. vom Landkreis Ludwigsburg, Ludwigsburg 1985; Deportation, Flucht und Vertreibung. Ein Rückblick nach 40 Jahren, München 1985; A.-M. de Zayas, Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 21987.   

Immo Eberl

 

25. Backnang: Plattenwald-siedlung

Um 1955

Photographie

Ungarndeutsches Heimatmuseum, Backnang

Die Aufnahme zeigt die am Stadtrand von Backnang ab Herbst 1951 angelegte neue Siedlung, in der eine besonders hohe Zahl von Deutschen aus Bessarabien wohnt. Ferner wohnen auch Deutsche aus Ungarn und Jugoslawien in der Siedlung.              

Immo Eberl

 

10.25


26. Entre Rios/Paraná/Brasilien

1967

Gedenktafel

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

Ing. Michael Moor war der Gründer der donauschwäbischen Siedlung in Entre Rios im Staate Paranä in Brasilien.           

Immo Eberl

 

10.26

 

27. Ungarndeutsche Blaskapelle Backnang

Photographie

Ungarndeutsches Heimatmuseum, Backnang

Im Jahre 1961 ist in Backnang eine Ungarndeutsche Blaskapelle entstanden. Die weitbekannte Kapelle beweist die umfassende Kulturpflege der Landsmannschaften.

Immo Eberl

 

10.27

 

28. Backnanger Schwabenball

1982

Photographie

Ungarndeutsches Heimatmuseum, Backnang

Die Traditon der Schwabenbälle geht auf Jakob Bleyer zurück, der als einer der führenden Männer unter den Deutschen Ungarns, 1923 den Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein (UDV) gründete und dazu auch Geselligkeit pflegen wollte. Bleyer veranstaltete daraufhin am I.Februar 1925 mit seinen engsten Mitarbeitern in Budapest den ersten großen Schwabenball. Dazu kamen aus mehr als 420 Ortschaften Ungarns Vertreter nach Budapest. Die Mitarbeiter Bleyers haben in den folgenden Jahren zusammen mit den deutschen Studenten der Vereinigung Deutscher Hochschüler Suevia Budapest und der Suevia Turcica Fünfkirchen als Festordnergarde die Schwabenbälle jedes Jahr als Großveranstaltungen mit etwa 3000 Teilnehmern durchgeführt. Die Schwabenbälle waren ein großes gesellschaftliches Ereignis in der Faschingssaison  und  gleichzeitig  eine große Kundgebung der Deutschen in Ungarn, bei der sich die Regierung meist durch einen Minister vertreten ließ. Nach der Vertreibung wurde die langjährige Tradition von den Donauschwaben in Baden-Württemberg wieder fortgesetzt. Dr. Ludwig Leber MdL, Mitarbeiter Jakob Ble-yers, nahm die Tradition 1952 auf und veranstaltete in der Stadthalle Ludwigsburg den ersten großen Schwabenball mit derselben Sinngebung wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Zum Sinnbild der Schwabenbälle wurde der vom Kirchweihbrauch der Banater Schwaben abgeleitete mit bunten Bändern geschmückte Rosmarinstrauß. Die in Ludwigsburg begonnene Nachkriegstradition der Schwabenbälle hat sich auch in Gerungen, in Backnang, in Göppingen, in Sindelfingen und in Wernau fortgesetzt. Das vorliegende Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem solchen Schwabenball der jüngsten Zeit.

Literatur: 10 Jahre Patenschaft 1969-1979, hrsg. von der Stadtverwaltung Gerlingen und der Ungarndeutschen Landsmannschaft, GerIingen 1979.                                 

Immo Eberl

 

10.28

 

29.  Donauschwäischer Kulturpreis:

Verleihung an Rektor a. D. Christian Ludwig

Brücker

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

 

10.29

 

30. Die Vertriebenen in Baden-Württemberg

Karten

links: Der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung nach Kreisen (Stand 1950) rechts: Die Herkunft aus Südosteuropa in den Landkreisen (Stand 1950) im Raum des späteren Baden-Württembergs

Literatur: G. Borawski, Vertriebene und Flüchtlinge 1950 und 1961, Beiwort zur Karte XI 1,6 des Historischen Atlas von Baden-Württemberg, Stuttgart 1982.

 

10.30 Der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung nach Kreisen (Stand 1950)

 

Die Herkunft aus Südosteuropa in den Landkreisen (Stand 1950) im Raum des späteren Baden-Württembergs

 

 

31.  Südostdeutsche Museen und Patenschaften in Baden-Württemberg

Karte

Das Land Baden-Württemberg entschloß sich 1954, einer Anregung des Rechtsanwaltes Dr. Derner aus Stuttgart folgend, die Patenschaft über die Donauschwaben zu übernehmen, da die Volksgruppe der Donauschwaben stammesmäßig eng mit der Bevölkerung Baden-Württembergs verbunden ist. Die Patenschaft des Landes veranlaßte einige Kommunen Patenschaften über donauschwäbische Gebiete oder einzelne Gemeinden zu übernehmen, so z.B. die Stadt Backnang für die Gemeinde Bácsalmás oder Gingen a.d. Fils über die Deutschen aus der Unteren Baranya. Die Karte zeigt neben diesen Patenschaften, die in der Regel auf größere Ansiedlungen von Donauschwaben hinweisen, die heute in Baden-Württemberg bestehenden südostdeutschen Heimatstuben und Museen. Diese durch die Patenschaften geförderten Einrichtungen tragen dazu bei, die deutsche Kultur Südosteuropas zu bewahren.                       

Immo Eberl

 

10.31 Patenschaften für südostdeutsche Vertriebene und südostdeutsche Museen und Sammlungen in Baden-Württemberg


32. Patenschaftsurkunde des Landes Baden-Württemberg für die Donauschwaben

11. September 1954

Papier

Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

 

10.32

 

32a. Patenschaftsurkunde der Stadt Backnang für Bácsalmás

12. September 1959

Papier

Stadtverwaltung Backnang

 

10.32a

 

33. Ungarndeutsches Heimatmuseum Backnang:

Donauschwäbische Stube

1986

Photographie

Ungarndeutsches Heimatmuseum Backnang

 

10.33

 

34. Haus der Donauschwaben, Sindelfingen

Donauschwäbische Bauernstube

Leihgabe Familie L. Schumacher

Photographie

Jakob Bohn, Stuttgart

 

10.34

 

35. Kirchenbauten in Baden-Württemberg nach 1945

Karte

Die beiden großen Konfessionen in Baden-Württemberg sahen sich zwischen 1945-1985 veranlaßt, wegen der zunehmenden Bevölkerung neue Kirchen zu errichten. Aus dem kirchlichen Raum liegen keine detaillierten Unterlagen vor, in welchen Gemeinden insbesondere durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen Kirchenneubauten erforderlich wurden. Es bestehen lediglich Auflistungen der Neubauten. Aus ihnen ergibt sich in einigen Fällen nicht einmal die Unterscheidung zwischen einem Wiederaufbau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und einem vollständigen Neubau. In der Karte wurden die Kirchenbauten der Konfession berücksichtigt, die sich in Städten und Gemeinden befanden, in dem der Anteil der anderen Konfession vor 1945 jeweils über 50% gelegen hatte. Mehrere Neubauten in einem Ort konnten außer in Stuttgart nicht berücksichtigt werden. Im Erzbistum Freiburg wurden von 383 in den Jahren 1947-1967 erbauten katholischen Kirchen 47 in Orten gebaut, die in einem Gebiet mit einem evangelischen Bevölkerungsanteil von über 50% lagen; aufgrund einiger vorliegender Zahlenverhältnisse läßt sich annehmen, daß ca. 12 % der Neubauten ausschließlich durch die Vertriebenen und Flüchtlinge veranlaßt wurden. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurden von 528 in den Jahren 1945-1985 neu erbauten katholischen Kirchen 358 in Orten errichtet, die in einem Gebiet mit einem evangelischen Bevölkerungsanteil von über 50 % liegen. Es hat sich dabei um 69 % aller Neubauten gehandelt.

Bei den evangelischen Landeskirchen wurden in Württemberg von 224 in den Jahren 1945-1986 neu erbauten Kirchen 46 in Orten in einem Gebiet mit einem katholischen Bevölkerungsanteil von über 50% errichtet, das sind 20 % der neu gebauten Kirchen. In Baden sind allein 92 Kirchen in Städten und Gemeinden mit einem evangelischen Bevölkerungsanteil von unter 30 % neu gebaut worden.

Jede der beiden großen Konfessionen hat im Gebiet des heutigen Landes Baden-Württemberg zwei Diözesen bzw. zwei Landeskirchen. Von diesen hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart die meisten Neubauten in einem bislang überwiegend der anderen Konfession angehörigen Gebiet vorgenommen. Die Massierung der Kirchenneubauten im mittleren Nekkarraum zeigt dieselbe Verdichtung wie die Karte über Patenschaften für Vertriebene und Flüchtlinge. Diese Überschneidung läßt den Schluß zu, daß der Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen für den Kirchenbau mitverantwortlich war. Die Herkunft derselben war für den kirchlichen Raum ebenso wie für die staatlichen Behörden ohne besonderes Interesse, in den Akten ist nur von Flüchtlingen und Vertriebenen die Rede.                

Immo Eberl

 

10.35 Neubau evanqelischer und katholischer Kirchen in Baden-Württemberg 1945-1985

 

 

   
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